»Wir sind nur Fischer«
Horn von Afrika, 02.02.2012, Y-Magazin 02/2012.
Ausreden hören die Soldaten der Fregatte „Köln“ immer wieder, wenn sie ein Skiff mit Piraten aufgreifen. Y-Chefreporter Ronald Rogge ist elf Tage von Mombasa nach Djibouti mitgefahren. Er hat miterlebt, was sich in den Weiten des Indischen Ozeans abspielt. Mit Freibeuterromantik und skurrilen Typen wie Jack Sparrow hat das nichts zu tun.

Safeguard, Safeguard – Annäherung an ein Fahrzeug“,
dröhnt es gleich am ersten Tag im Indischen Ozean, zirka 200 Seemeilen vor der Küste Tansanias, aus den Lautsprechern. Alle Besatzungsmitglieder der Fregatte „Köln“ sprinten auf ihre Gefechtsstationen. Das ist keine Übung, das hier ist die Mission Atalanta. Auf den Bildschirmen der Operationszentrale (OPZ) blinkt ein markanter Punkt: Die Multi-sensorplattform hat ein verdächtiges Boot aufgeklärt. Ist es eine „Pirate Action Group“, technokratisch kurz PAG genannt?
Fregattenkapitän Christopher Karow (44) steht bereits auf der Brücke. Um den Kommandanten herum versammelt sich sein Command Team. Die Brücke ist damit voll. Im Gegensatz zum klassischen Seegefecht führt der Kommandant bei der Piraterieabwehr von der Brücke aus und nicht von der Operationszentrale im Inneren des Schiffs, „weil hier in erster Linie die Entscheidungen aufgrund des optischen Lagebildes getroffen werden“
, sagt der Erste Schiffseinsatzoffizier (I SEO), Kapitänleutnant Tobias Life*.
Der 31-Jährige ist der „Command Advisor“ während der laufenden Operation. Er berät den Kommandanten in allen Fragen des äußeren Gefechts und sorgt für die Erstellung des Lagebildes. Gleichzeitig ist er für den Waffeneinsatz und den Fernmeldebetrieb verantwortlich. Life hält einen kurzen Lagevortrag, sodass alle auf demselben Stand sind. Unterdessen nähert sich die Fregatte dem Whaler. Die Piratenjagd hat begonnen.

Professionelle Betriebsamkeit statt Jagdfieber
Statt Jagdfieber herrscht professionelle Betriebsamkeit auf dem Flugdeck am Heck. Gleich startet der Sea Lynx. Von der Brücke aus kommt das Kommando „Action Lynx“. Der Hubschrauber startet und fliegt in Richtung des verdächtigen Bootes. Gleichzeitig macht sich das Boardingteam auf Deck fertig: Weste an, Helm auf, letzte Griffe an den G36-Gewehren. Das Team aus erfahrenen Marineinfanteristen, die zu den spezialisierten Kräften gehören, wartet auf das „Go“ von der Brücke. Anspannung in den Gesichtern.
Ein weiteres Boot mit vier Verdächtigen wurde einige Seemeilen entfernt aufgefasst. Karow befiehlt den Piloten, dorthin zu fliegen. Sie sollen das Skiff, ein zirka acht Meter langes, weißes Kunststoffboot, zur Fregatte treiben. Sekunden später überfliegt der Sea Lynx das Skiff. Keine Reaktion, das Skiff hält den Kurs. Doch die Besatzung wirft gleichzeitig Leitern und Waffen ins Wasser. Vom Hubschrauber aus wird dies fotografiert. Erst als der Doorgunner Warnschüsse mit dem 12,7-Millimeter-Maschinengewehr abgibt, reagiert die Besatzung.
Das Skiff nimmt Kurs auf die „Köln“. Eine solche „Piratenaktionsgemeinschaft“ in einem Seegebiet aufzubringen, das 18 Mal größer ist als Deutschland, gleicht fast einem Sechser im Lotto. Trotz der Vielzahl unterschiedlicher nationaler und internationaler Missionen und den dabei eingesetzten Aufklärungsflugzeugen bleiben die Verdächtigen mit kleinen Whalern und kleinen Angriffsskiffs schwer auffindbar. Die Piraten haben die Weite des Ozeans, die internationale Gemeinschaft die Technik. Diesmal haben die Verdächtigen auf jeden Fall Pech. Sie wurden aufgebracht. Das Speedboot mit Boardingteam und Sprachmittler ist schon da. Drei Somalis warten mit erhobenen Händen am Bug des Whalers.

Mit Girlie-Top und Kalaschnikow
„Die Annäherung an das fremde Boot ist der kritischste Moment während des Boarding-Manövers, man weiß nicht, wie sich die Verdächtigen verhalten“
, erklärt Alexander Emden*, der Boardingoffizier der Fregatte. Er ist das Bindeglied zwischen Kommandant, Sprachmittler und Boardingteam. „Das Wichtigste ist, die Personen zu beobachten, zu sichern und alles unter Kontrolle zu halten.“
Emden und seine Männer nennen das „Grün machen“. Erst dann werden Beweise gesichert und die Verdächtigen mit Hilfe des Sprachmittlers befragt.
In diesem Fall verhalten sie sich kooperativ. Während die deutschen Soldaten mit ihren Kampfwesten, Waffen und Helmen wie Krieger aus einer weit entfernten Zukunft wirken, haben die drei Somalis lediglich alte Second-Hand-T-Shirts und schmutzige Hosen am Leib. Ein Verdächtiger trägt ein fleckiges Girlie-Top, die dezente Spitze und verspielte Schleife bilden einen grotesken Gegensatz zum martialischen Pirateriegewerbe. Alle stehen barfuß im schwankenden Whaler, eigentlich ein größeres Ruderboot. Ihre Maschinengewehre versinken gerade in den Tiefen des Ozeans. Später, nach Rückkehr des Hubschraubers, ist die Beseitigung der Waffen auf den Fotos aber gut zu erkennen.
Lediglich Mobiltelefone, ein GPS-Gerät und ein paar Patronen sind noch übrig. „Die Fotos sind enorm wichtig, um eine lückenlose Beweiskette für den Piraterievorwurf zu erhalten und die Verdächtigen in den Befragungen mit Fakten zu konfrontieren“
, erklärt Fregattenkapitän Markus Papen*, der Rechtsberater-Stabsoffizier. „Die Piraterieverdächtigen versuchen sich immer wieder rauszureden, dass sie nur Fischer seien. Das machen sie so lange, bis wir ihnen Fotos zeigen, auf denen zu sehen ist, wie sie ihre Waffen und Leitern von Bord werfen.“

Auch die Piraten werden versorgt
Der Whaler wird sofort vom Boardingteam zur Fregatte gefahren. Dort geben die Feldjäger den jetzt gefesselten Piraterieverdächtigen klare Kommandos: „Fußspitzen nach außen, die Absuche wird auch den Intimbereich umfassen.“
Der Sprachmittler übersetzt. Dabei fällt den Soldaten ein alter Bekannter auf. „In einem Monat zwei Skiffs und zwei Whaler zu verlieren, da hat er anderen was voraus“
, sagt Papen. Der Somali im verwaschenen, grünen Sweatshirt sieht frustriert aus. Einige Soldaten aber auch, da der Kerl trotz vorherigen Aufgreifens weiter auf Kaperfahrt geht.
Papen versteht diesen Ärger, weiß aber auch, dass der Verdächtige, wenn er zwei Mal aufgegriffen wurde, immer weitermachen muss. Erwischt zu werden, bringt ihm hohe Verluste. Zudem verzögern sich weitere Beutezüge um mindestens zwei Wochen. „Wenn man bedenkt, dass Piraterie nur an einigen Wochen des Jahres Erfolg verspricht, weil dann die See ruhig ist, können zwei Wochen Zwangspause sehr viel sein.“
Und die vielen Hintermänner des Geschäfts – Khat-Dealer, Finanziers, Proviant-Händler, Clan-Chefs, die Piraten in ihrem Gebiet dulden – haben keine Geduld und wollen Profit.
24 Stunden lang inklusive Pausen befragen der Rechtsberater-Stabsoffizier und die Feldjäger abwechselnd die sieben Verdächtigen. Die werden niemals schlecht behandelt, ganz im Gegenteil: Die Ärzte an Bord untersuchen die Somalis und kümmern sich um ihre Verletzungen und Krankheiten. Nicht nur aus humanitären Gründen. „Medizinische Force Protection“
nennt das der Schiffsarzt Markus Benn* (36). „Wir dürfen nicht vergessen, dass die Verdächtigen auch mit Krankheiten infiziert sein können, die eine Gefahr für die Besatzung darstellen. Es ist für die Soldaten wichtig, dass sie wissen, ein Arzt hat sich die Piraten angeschaut.“

Nur bedingtes Mitleid
Zwar hat keiner der vermeintlichen Piraten eine lebensbedrohliche Verletzung oder Krankheit, aber ihre Körper weisen deutliche Spuren eines von Gewalt durchzogenen Lebens in einem Bürgerkriegsland auf. Bei einem hat sich in einer Wunde ein eitriger Abszess gebildet, der von Schiffsarzt Benn behandelt wird. Die goldene Regel erklärt Papen: „Die Piraten verlassen das Schiff mindestens so, wie sie gekommen sind. Wir sind die Guten!“
Auch die Besatzung hofft auf einen positiven Effekt. „Wenn wir die Leute gut behandeln, sehen sie, dass man auch anders mit anderen Menschen umgehen kann, als sie es gewohnt sind“
, sagt Benn.
Mitleid haben die Soldaten der „Köln“ dagegen nur bedingt. „Wenn man weiß, wie die Piraten mit ihren Geiseln umgehen, sie wochenlang in ihren eigenen Fäkalien liegen lassen, Scheinhinrichtungen durchführen, sie schlagen oder gar erschießen, ist das Mitleid schnell weg“
, meint Papen. Was aus den aufgegriffenen Somalis wird, bestimmt eine Einzelfallentscheidung. Heute lautet die Entscheidung: Der Whaler und das Skiff werden per Schiffs-MG zerstört, die Verdächtigen an die Küste gebracht. In einem kleinen Schlauchboot schippern sie an Land. Wie gefährlich die Seefahrt mit den Skiffs sein kann, wird am vierten Tag deutlich. Beim Boarding eines führungslosen Skiffs findet das Team zwei tote Fischer. Verdurstet, nur 25 Meilen vor der Küste. Ihr Außenborder war defekt. Was nun?
Die Leichen nach Somalia bringen fällt aus – zu gefährlich. Aber das treibende Skiff stellt eine Gefahr für die Seefahrt dar. So beschließt der Kommandant nach Rücksprache mit seinen Vorgesetzten, die beiden Leichen auf See zu bestatten und das Skiff zu versenken. Die Seebestattung wird zum bewegenden Ereignis. Rund 70 Soldaten der „Köln“ nehmen teil. Da die Toten wohl Muslime waren, sprechen die beiden muslimischen Sprachmittler die Gebete und lesen aus dem Koran vor, bevor die Leichen nachts der See übergeben werden. Die Leichensäcke wurden mit schiffseigenen Gewichten beschwert.

Alte Bekannte auf See
Wenn die „Köln“ einen Lauf hat, dann diesmal. Eine verdächtige Dau kreuzt den Kurs der Fregatte. „Safeguard, Safeguard“, dröhnt es wieder durchs Schiff. Alle auf ihre Station. Es sind rund 20 Personen zu erkennen. „Ziemlich viele für ein 15 Meter langes Schiff“
, sagt Marineoffizier und I SEO Life. Während der Annäherung ist das Bordvideoteam in Aktion. Ausgestattet mit hochauflösenden Kameras, macht es hunderte Bilder der Dau und überträgt sie in Echtzeit auf die Brücke sowie in die OPZ.
Hier ist der Arbeitsplatz des Infobootsmeisters. Oberbootsmann Maximilian Kellner* ist ein Fachmann für Bedrohungsanalyse. Er vergleicht die vom Bordvideoteam gemachten Bilder mit denen der Aufklärungsflugzeuge und der Nachrichtenzelle vom Führungsschiff der Atalanta-Mission. So findet er heraus, ob die Dau ein harmloses Handelsschiff ist oder nicht. Dabei muss Kellner auf kleinste Details achten. „Ich muss die besonderen Merkmale der Dau herausstellen und markieren“
, sagt der Atalanta-erfahrene Seemann. Kellner bestätigt: Da tuckert die „Al Jabal“, die Anfang November von Piraten bei einem missglückten Angriff eingesetzt worden war.
Der Vergleich ist eindeutig. Sofort trägt I SEO Life dem Kommandanten das Ergebnis vor. Minuten später rufen die Sprachmittler über eine riesige Lautsprecheranlage die Dau an, die Besatzung soll sich auf Deck sammeln. Wieder prescht das Boardingteam über die Wellenkämme und nähert sich mit halber Fahrt. „Man weiß nie, wie die Besatzung reagiert. Ob sie noch Waffen haben, ob sie Khat konsumiert haben“
, sagt Kommandant Karow. Die Besatzung verhält sich aber kooperativ.

Ein erfolgreicher letzter Einsatz
Das Bild, das sich den zehn Soldaten bietet, macht selbst diesen harten Kerlen zu schaffen. Der ganze Boden ist von einem Morast aus Treibstoff, Meerwasser, Essensresten und Kamelkot bedeckt. Ein ekelerregender Geruch steigt ihnen in die Nase. Durch den Seegang und den Schmierfilm rutschen einige Soldaten auf wimmelnden Kakerlaken aus; sogar eine Ratte saust hin und her. Einer der Boardingsoldaten muss sich übergeben. Ihren Auftrag müssen sie trotzdem erfüllen. Sie durchsuchen die Dau. Es folgt die Feststellung der vorhandenen Personalien an Deck der „Köln“, dann beginnen wieder die Befragungen.
Unterdessen werden auf der Dau zwei jemenitische Ausweise gefunden. Darauf angesprochen, offenbaren sich zwei Personen erst jetzt als Mitglieder der überfallenen Crew. Der Steuermann und der Maschinist waren Geiseln der Piraten, mussten navigieren und fahren. Die restlichen 19 Insassen sind mutmaßliche Straftäter. Die beiden Jemeniten hatten aus Angst geschwiegen. Jetzt sind sie froh, frei zu sein. Ein Zufallstreffer. „Wenn die Piraten ihre Waffen noch gehabt hätten, wären die Geiseln uns mit vorgehaltener Waffe präsentiert worden und wir hätten nach den Einsatzregeln abdrehen müssen“
, erklärt Fregattenkapitän Karow.
Die Atalanta-Führung entscheidet, die Dau zurück an den jemenitischen Eigner zu geben und die Seeräuber wieder an die somalische Küste zu bringen. In nur elf Tagen hat die Besatzung der „Köln“ 26 Verdächtige aufgebracht, zwei Piratenboote versenkt und ein Piratenmutterschiff mit Geiseln befreit. „Der letzte Einsatz der ‚Köln‘ bei Atalanta ist der Höhepunkt und die erfolgreichste Fahrt der Fregatte in ihrem 27. Dienstjahr. Leider auch ihre letzte“
, sagt I SEO Life wehmütig. Die „Köln“, bisher der erfolgreichste Piratenjäger der Deutschen Marine, wird im Zuge der Neuausrichtung der Bundeswehr als eines der ersten Schiffe außer Dienst gestellt. Ein Vorteil für die Piraten.
| Was ist Atalanta? |
|---|
| Die EU-geführte Mission Atalanta soll zum einen die humanitäre Hilfe für die Not leidende somalische Bevölkerung sicherstellen. Zum anderen soll sie den zivilen Schiffsverkehr auf seinen Handelsrouten sichern, Geiselnahmen und Lösegelderpressungen unterbinden und das Völkerrecht durchsetzen. |
| Wie beteiligt sich Deutschland? |
| Zurzeit dienen 278 Soldaten an Bord der Fregatte „Lübeck“. Ab März fliegt wieder zusätzlich das Seefernaufklärungsflugzeug P-3C Orion. |
| Bis wann läuft das Mandat? |
| Bis zum 18. Dezember 2012 können bis zu 1.400 Bundeswehrsoldaten bei der Atalanta-Mission eingesetzt werden. Dies beschloss der Bundestag am 1. Dezember 2011. |
* Name zum Schutz des Kameraden geändert.

