Zusammen schaffen wir das
Bad Reichenhall, 01.02.2011, Y-Magazin 02/2011.
Tiere sind seit Jahrtausenden unverzichtbare Gefährten der Soldaten. Wo Hightech versagt, der Kampf aber weitergeht, sind Maultiere und Haflinger ein strategisches Mittel. In der Gebirgstragtierkompanie 230 lernen Mensch und Tier, sich zu ergänzen.

Weit über 1.500 Meter auf einem schmalen Pfad zum Gipfel, irgendwo in den deutschen Alpen. Rechts der Fels, links der Abgrund. Verzweifelt versucht der Tragtierführer das Zaumzeug mit seinen Händen festzuhalten. Mit letzter Kraft gelingt es ihm noch einige Sekunden, das über 500 Kilo schwere, beladene Maultier (umgangssprachlich „Muli“) zu halten.
Die Kameraden schreien ihn an: „Lass los, sonst reißt’s dich mit
.“ Er will aber nicht hören. In dem Moment, als beide in die Tiefe zu stürzen drohen, reißt das Zaumzeug. Zurück bleibt der Soldat mit einem Stück Leder in den Händen. Wenige Augenblicke später ist sein treuer Begleiter tot. Über viele Jahre waren sie ein Team. Sie haben mehr Zeit miteinander verbracht, als der Ehemann mit seiner Frau. Sogar ein Foto hatte er von seinem Muli in der Geldbörse.
Als ihm klar wird, was passiert ist, weint er hemmungslos. Das verunglückte Tier und sein Führer gehörten zum Einsatz- und Ausbildungszentrum (EAZ) für Gebirgstragtierwesen 230 in Bad Reichenhall, der einzigen pferdehaltenden Einheit der Bundeswehr. Glücklicherweise sind Unfälle wie dieser jedoch äußerst selten. Mit 54 Muli und Haflingern hält das EAZ die größte Maultierpopulation Deutschlands.
Warum leisten sich Streitkräfte noch den Einsatz von Tieren? Nutzen wir nicht hochmoderne geländegängige Fahrzeuge oder Hubschrauber, die das Personal und Material transportieren? „Natürlich haben wir die, aber auch modernste und intelligenteste Transportmittel stoßen irgendwann an ihre Grenzen. Mit unseren Tieren kommen wir aber in extreme Höhenlagen bis 6.000 Meter mit extremen Wetterbedingungen, wo kein Fahrzeug mehr fährt und kein Hubschrauber fliegt“,
sagt Hauptfeldwebel Matthias Havel (31), Tragtierzugführer im EAZ. Dort sind Muli als Transportmittel unverzichtbar.

Flexibel und sofort einsatzbereit
Maultiere sind das Ergebnis einer Kreuzung eines Eselhengstes mit einer Pferdestute. Andersherum wird daraus ein Maulesel. Sie vereinigen die positiven Eigenschaften von Esel und Pferd und sind besonders ausdauernd, ausgesprochen trittsicher, mutig und intelligent. Das wissen auch die Amerikaner und lieferten schon Ende der 80er Jahre texanische Muli nach Afghanistan für den Kampf der Mujaheddin gegen die sowjetischen Truppen.
Ganze Waffensysteme wurden mit ihnen über schwer zugängliche Bergpfade in die Kampfgebiete transportiert. Bis zu 180 Kilogramm schleppen sie durch die Gegend. Haflinger schaffen 130 Kilo. Auch die Bundeswehr ist sich der besonderen Eigenschaften der Muli bewusst. „In vielen Situationen sind die Tiere weitaus flexibler als Militärfahrzeuge, die nur auf bestimmten Routen von A nach B fahren. Zudem spüren Tiere, wenn etwas nicht stimmt und können so als Vorwarner dienen“
, weiß Hauptfeldwebel Matthias Havel.
Er ist seit vielen Jahren im EAZ. Von 2002 bis 2004 waren Soldaten des EAZ im Feldlager Prizren im Kosovo. Mit ihren Tragtieren sorgten sie fast täglich für die Versorgung der Außenposten im gebirgigen Kosovo. Neben Trägertrupps waren sie die einzige Möglichkeit, Material und Verpflegung zu den Soldaten zu bringen. „Ohne ihren Einsatz wäre eine durchgehende Versorgung nicht möglich gewesen und der Außenposten hätte aufgegeben werden müssen“,
heißt es in einem Erfahrungsbericht vom damaligen KFOR-Kommandeur Brigadegeneral Markus Bentler.

Eine Beziehung aufbauen
Geführt von deutschen Spezialisten des EAZ, wurden die Tragtiere direkt im Einsatzland angemietet. Sie waren damit sofort einsetzbar, weil sie bereits mit den klimatischen und geographischen Bedingungen vertraut waren. Fünf Jahre später, im Winter 2009, führten Soldaten des EAZ Testläufe im PRT Feyzabad durch: Einheimische Esel sollten Lasten an ausgewählte Orte bringen, die für Bundeswehrfahrzeuge nicht zugänglich waren. „Überraschend bereitwillig ließen sich die üblicherweise als störrisch und eigensinnig bekannten Esel führen“,
sagt Hauptfeldwebel Havel. „Das ausgewählte Material konnte ohne Probleme transportiert werden.“
Sie trugen sogar mehr als man ihnen zutraute. Die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Mensch und Tier basiert auf gegenseitigem Vertrauen.
Der Grundstein dafür wird in der 8-wöchigen Ausbildung der jungen Tragtierführer und ihrer Schützlinge gelegt. Der Führer kann danach jedes Tier betreuen. Bis die Tiere auch ihrem Führer voll vertrauen, benötigen sie etwa ein Jahr. Das lohnt sich. Denn Muli und Haflinger können etwa 17 Jahre im schwierigen Gelände ihre Dienste tun.
So lange hält ein Gebrauchtwagen selten. Sogar die Kosten sind verhältnismäßig gering. Für Futter werden im EAZ jährlich etwa 80.000 Euro ausgegeben. Ein neues Hufeisen kostet zwei Euro. Insgesamt müssen zwischen 1.500 und 2.000 Euro im Jahr pro Tier aufgewandt werden. In der Anschaffung kosten sie in der Regel von 2.500 bis zu 5.000 Euro. In der gemeinsamen Zeit entsteht eine intensive emotionale Bindung zwischen ihnen.

Vom bissigen Muli zum besten Freund
Jedes Tier hat einen Namen, wie „Dolly“, „Sigi“ oder „Zwickel“. Nicht selten legt ein Tier seinen Kopf auf die Schulter eines Soldaten, um sich liebevoll kraulen zu lassen. Mensch und Tier müssen zueinander passen. „Leider müssen uns einige Soldaten viel zu früh verlassen, weil ihre Dienstzeit abgelaufen ist. Das reicht oft gerade mal, um ihnen die Grundkenntnisse zu vermitteln.
sagt Havel. Der 31-Jährige ist seit zehn Jahren im EAZ.
Früher konnten alle Tragtierführer über viele Jahre mit ihren Tieren arbeiten“, „Anfänglich wollte ich gar nicht hierher, ich habe Pferde einfach nicht gemocht. Jetzt kann ich mir keinen besseren Job mehr vorstellen.“
Die von ihm betreuten Haflinger lernen patrouillieren oder Kutschen ziehen, sodass sie später fast jedes Gefährt ziehen können. Die gegenseitige Anhänglichkeit beeindruckt die meisten. Einige der jungen Soldatinnen und Soldaten, die nach Bad Reichenhall kommen, hatten vorher nicht einmal ein Haustier.
Als sich Stabsgefreiter Julian Stumpf (25) nach seiner Spezialgrundausbildung gemeinsam mit den anderen „Neuen“ ein Muli aussuchen sollte, wartete er bis zum Schluss. „Hoffentlich bekomme ich keins“,
dachte er. Er hatte Angst. Doch auch für ihn blieb ein Tier übrig: „Quax“, ein Muli, das von seinen Artgenossen stets geärgert und unterdrückt wurde.

Tierische Unterstützung weltweit
„Quax sah seine Chance und hat versucht, meine zögerliche Art auszunutzen. Beim Putzen hat er mich sogar gebissen“,
erzählt Stumpf. Aber schon nach wenigen Wochen gemeinsamer intensiver Arbeit, die einen ständigen Kontakt erforderte, wurden auch sie Freunde. Nur wenn sie ihrem Tragtierführer vertrauen, lassen sich Muli und Haflinger auch durch schwierigstes Gelände und für sie ungewohnte oder gefährliche Situationen führen.
Die Dienstanweisung schreibt vor: „Der Soldat denkt zuerst an sein Tier, dann an sich.
“ Sicher kann man sich aber nie sein. Man wollte mit dem afghanischen Esel „Hermann“ schwere Waffen und Munition transportieren und mit ihm über Wassergräben steigen. Doch das Tier verweigerte sich. Also wurde es „ausgemustert“ und verkauft. Es reicht eben nicht aus, irgendein Tier zu nehmen, um es mit schwerem Gepäck durch unwegsames Gelände zu schicken.
„Die Tiere sind dazu sehr wohl in der Lage, müssen aber richtig verlastet und geführt werden, sonst machen sie nicht, was sie sollen, so wie Hermann
“, sagt Oberfeldveterinär Dr. Franz Edler von Rennenkampff, Dienststellenleiter des EAZ. Ein Tier, das sonst instinktiv einen Huf vor den anderen setzt, muss lernen, seinem Herrn, selbst unter Beschuss, ohne Zögern zu gehorchen.

Besondere Begabungen
Wozu die tierische Wahrnehmung fähig ist, erzählten türkische Soldaten Angehörigen des EAZ bei einer gemeinsamen Übung. In der Türkei hätte ein Muli sogar einen Orden erhalten, weil es mehreren Infanteristen das Leben gerettet hat. Das Tier weigerte sich immer wieder, eine bestimmt Stelle zu passieren. Als man sich entschloss, den Ort genauer zu untersuchen, stellte sich heraus, dass dort eine Mine versteckt war.
Die Begabung des Tieres führte in der Folge zu weiteren Minenfunden. Auch andere Streitkräfte wissen um den Vorteil der tragenden Rolle der Vierbeiner: Im kalifornischen Bridgeport existiert eine Ausbildungseinrichtung der U.S. Marines, wo die Soldaten unter anderem für gefährliche Missionen mit afghanischen Eseln im gebirgigen Paktika vorbereitet werden. Die U.S. Special Forces üben in Fort Bragg in North Carolina mit ihren Eseln Aufträge unter Einsatzbedingungen zu erfüllen.
In der israelischen Armee gibt es sogar eine Gebirgsjägerbrigade, die Lamas verwendet. Die Brigade ist im Libanon im Einsatz. Um auf dem Laufenden zu bleiben – gerade was den Einsatz angeht – üben die Soldaten des Österreichischen Bundesheeres, der Schweizer Armee und der Bundeswehr gemeinsam auf Tragtierführertreffen. Regelmäßig fahren die Bad Reichenhaller dafür in das österreichische Hochgebirge, nahe Innsbruck.

Wo Maschinentechnik nicht mehr reicht
Im Lager Lizum-Walchen, einem österreichischen Truppenübungsplatz auf zirka 2.000 Metern Höhe, finden sie ideale Voraussetzungen für Hochgebirgsübungen. Wohin sonst nur einsame Wanderer kommen, verlegen sie mit ihren Tieren, Material und ausreichend Futter. Inmitten des Übungsplatzes stehen ein paar vereinzelte Gehöfte und Stallungen österreichischer Bauern.
Wenn der Almabtrieb bereits stattgefunden hat, können „Pia“, „Ymir“, „Pankratz“ und ihre Artgenossen in den Stallungen der Bauern einquartiert werden. Auf ausgewählten Routen geht es dann ab in die Berge bis auf 2.500 Meter. Schnee oben, weicher schlammiger Boden unten. Während die Tragtierführer ihre Bergschuhe tragen, haben die mit schweren Waffen bepackten Tiere spezielle Hufeisen für den matschigen Boden.
Gemeinsam marschieren sie die fast 15 Kilometer am Tag sicher und ohne Zwischenfälle über die steilen und stellenweise sehr engen Hochgebirgspfade. Diese Teams sind fit für weltweite Aufträge und Einsätze überall dort, wo Maschinentechnik nichts mehr ausrichten kann.
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| Wo liegt der Standort? |
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| In Bad Reichenhall, 20 Kilometer südwestlich von Salzburg. Das Einsatz- und Ausbildungszentrum für Gebirgstragtierwesen 230 ist in der Artillerie-Kaserne untergebracht. |
| Wie lange gibt es das EAZ schon? |
| Es ging aus der 1958 in Mittenwald entstandenen Gebirgstragtierkompanie 8 hervor. Seit 1981 ist es die einzige pferdehaltende Einheit der Bundeswehr. |
| Was kommt Neues? |
| Derzeit werden leichtere Tragsättel, Packsättel und Reitsättel, die speziell den militärischen Erfordernissen angepasst wurden, erprobt. |

»›Fliege‹ ahnte, dass sie stirbt.«
Stabsfeldwebel Uhli Rößner (43) ist seit vielen Jahren im EAZ und weiß, wie seine Tiere „ticken“.
Warum bezeichnet man ein Muli als Charaktertier?
Weil es genau wie wir auch mal einen schlechten Tag hat. Es ist schon vorgekommen, dass sich ein Tier nach einer Übung plötzlich nicht mehr verladen lassen wollte. Es hatte einfach keine Lust. Dann dauert das Verladen natürlich entsprechend länger.
Was macht die Tiere neben ihrer Leistungsfähigkeit noch so besonders?
Sie sind sensibel und spüren sehr genau, wenn etwas nicht stimmt. Wenn ihr Tragtierführer schlecht drauf ist, merken Mulis das und passen sich ihm an. Sie spüren wohl auch, wenn sie sterben. „Fliege“ wollte an dem Tag, als sie verunglückte, partout nicht auf den Fünf-Tonner. Die anderen Mulis ließen nach dem Tod von „Fliege“ die Köpfe hängen, als würden sie trauern.

Tiere im Krieg
Elefanten Lange vor der legendären Alpenüberquerung Hannibals mit seinen Kriegselefanten um 218 v. Chr. sollen um 1100 v. Chr. im heutigen Indien Elefanten in Feldzügen eingesetzt worden sein.
Bienen Die Griechen in der Antike warfen Tonkrüge gefüllt mit Bienen hinter die feindlichen Linien. Bis ins Mittelalter schossen Katapulte Bienenschwärme in belagerte Städte. Ende der 1990er experimentierten die USA mit Bienen. Sie sollten dazu konditioniert werden, Landminen aufzuspüren.
Pferde Berühmt waren die Panzerreiter im Mittelalter, die mit Lanze, Schwert und schwerer Panzerung in geschlossener Formation in die Front des Gegners hineinritten. Im Zweiten Weltkrieg nutzte die Deutsche Wehrmacht noch zirka 2,75 Millionen Pferde, meist für den Transport.
Tauben 120.000 Tauben setzte allein das deutsche Militär für seinen Nachrichtenversand im Ersten Weltkrieg ein. Die Entente tat es ihnen gleich. Beide Seiten versuchten, die Tauben abzuschießen, um an die Nachrichten zu gelangen. So wurden oft zwei losgeschickt.
