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Nix mit Kaffee kochen

14 Wochen fahren 190 Offizieranwärter beim Einsatz- und Ausbildungsverband 2012 mit. An Bord der Fregatten „Hessen“, „Emden“ und des Einsatzgruppenversorgers „Frankfurt am Main“ absolvieren sie ihr Flottenpraktikum. Y begleitet sie von Dublin nach Brest.

Ein Jagdflugzeug überfliegt ein Schiff, an dessen Deck eine Matrosin steht

Eine französische Rafale greift den EAV an (Quelle: IMZ Bw/Wilke)Größere Abbildung anzeigen

Welche 22-jährige junge Frau steuert das größte Schiff der Deutschen Marine über den Atlantik? Und welcher 20-Jährige sieht in sechs Wochen Glasgow, Dublin, Brest, Cadiz, Funchal und Halifax? Die Antwort ist einfach. Die beiden sind zwei von rund 190 Offizieranwärtern (OA) der Deutschen Marine, die während zweier Törns des Einsatz- und Ausbildungsverbandes (EAV) 2012 an Bord der Fregatten „Hessen“ und „Emden“ sowie des Einsatzgruppenversorgers (EGV) „Frankfurt am Main“ ein Flottenpraktikum absolvieren.

Mit Kaffee kochen, Akten kopieren und Botengängen soll dieses Praktikum nichts zu tun haben. Dafür viel mit Manövern, Seegang und Verantwortung. Glauben wir das? Nicht wirklich. Daher haben wir es eine Woche lang überprüft. „Bei mir im 200er Abschnitt der Schiffstechnik im Bauch der ‚Frankfurt‘ ging es gleich richtig zur Sache. Drei Tage lang zerlegten wir einen riesigen Wasserabscheider und trugen Filtersysteme durch das ganze Schiff. Da hieß es nur: hier OA, da ist ein Schraubenschlüssel, nimm mal das Ding auseinander“, sagt der Obergefreite (OG) OA Björn Aust (20).

„Hier an Bord arbeite ich richtig hart. Mein Bordanzug, Hände und Gesicht sind abends schmutzig von den Kraftstoffen und vom Öl.“ Aust sagt das so, als mache ihm das Spaß. Er grinst sogar. Praktikum und Spaß? Passt das?

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Zwei Schiffe („Emden“und „Hessen“) auf dem Meer

Die „Emden“ vor dem Versorgungsmanöver (Quelle: IMZ Bw/Wilke)Größere Abbildung anzeigen

Kein Schonprogramm für die Jüngeren

Für die Offizieranwärter, die jeder an ihrem kleinen goldenen Stern auf dem oberen Ende der Schulterklappe erkennt, gibt es kein Schonprogramm, nur weil sie jünger sind und nicht zur Stammbesatzung gehören. Sie durchlaufen die wichtigsten Hauptabschnitte der grauen Marineschiffe. Nächster Stopp: HA 100.

Das Kürzel steht für den Hauptabschnitt Navigation, einen der sechs Bereiche eines Schiffes. Wir sind auf der 24 Meter breiten Brücke, die über dem Schiff thront. Nach dem Auslaufen aus Dublin geht es hier mitten auf der irischen See eher gemächlich zu. Alle machen ihren Job. Dazwischen sind immer wieder die OAs auf ihrem Posten. Dahinter steht oder sitzt ab und an ein Soldat der Stammbesatzung, der beobachtet und berät.

Am Ruder sitzt OG OA Alexandra Swendrowski (22). „Backbord dreißig!“ Auf Anweisung des Wachoffiziers (WO) dreht die 22-Jährige ein knapp 30 Zentimeter großes Rad. Und das größte Schiff der Deutschen Marine reagiert sofort. „Ruder liegt Backbord dreißig!“

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Offizieranwärterin Swendrowski steuert die „Frankfurt am Main“

Swendrowski steuert die „Frankfurt am Main“ (Quelle: IMZ Bw/Wilke)Größere Abbildung anzeigen

Die Härten der Praxis kennenlernen

In der Nock − einem offenen Deck, das über den Aufbau hinaus bis an die maximale Breite des Schiffes ragt − steht OG OA Lena Zielonka in der Kälte und schaut durch ein Fernglas auf die See. Endlich. Das hier riecht nach Langeweile. Zu unserer Überraschung ist die 19-Jährige jedoch begeistert: „Wenn ich der Brücke einen Schiffskontakt melde und sich kurze Zeit später das Schiff dreht, ist das wirklich faszinierend. Der Rudergänger hat dann auf meine Ansage hin nach Anweisung des Wachoffiziers eine neue Ruderlage gelegt. Wichtig sind diese Ansagen gerade bei taktischen Manövern. Deswegen bin ich bei der Marine, weil ich Verantwortung für Mensch und Technik übernehmen will.“

Diese begeisterte Rede klingt, als würde sich Lena Zielonka für einen Nachwuchswerbeclip der Deutschen Marine bewerben. Lernen die sowas im Offizierlehrgang? Zielonka verneint. Ehe sie an Bord kam, saß sie mit ihren Kameraden ein dreiviertel Jahr lang in der Marineschule in Mürwik in Hörsälen. Aber erst durch den Hochseeeinsatz lernen sie jetzt die Praxis und alle damit verbundenen Härten kennen: Kein Internet, Handy- oder Fernsehempfang. Leben auf engstem Raum ohne große Privatsphäre in den Achterkammern.

Nur auf ihrem Bock (das Bett, das nur zwei Meter mal 70 Zentimeter misst) können sie sich hinter einem beigefarbenen Vorhang zurückziehen. Ach ja, und den Seegang, den gibt es in Mürwik natürlich auch nicht. „Mir ging es vor Glasgow bei sieben Meter hohen Wellen richtig schlecht. Ich dachte, ich muss sterben. Doch ich werde die Fahrt durchstehen und mich daran gewöhnen. Wer dauernd über der Reling hängt, bekommt von der Seefahrt nichts mit.“

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Ein Offizieranwärter nimmt einen großen Drahtkäfig in Empfang

Versorgung mit Hilfe der Anwärter (Quelle: IMZ Bw/Wilke)Größere Abbildung anzeigen

Gepflogenheiten an Bord

Solche Aussagen gefallen Hörsaalleiter Kapitänleutnant Stephan Meier (30), der die angehenden Offiziere vor der Reise mit so manchen Gepflogenheiten an Bord vertraut gemacht hat. „Hier kann man viel falsch machen. Wichtig ist, daraus zu lernen.“ Das gilt nicht nur im Dienstalltag, bei Versorgungs- oder Gefechtsmanövern, die in regelmäßigen Abständen auf dem Dienstplan stehen. Sich auf den falschen Platz in der Mannschaftsmesse zu setzen, ist ebenfalls ein Fehler.

Jeder hat in der Messe seinen festen Platz und hat diesen immer sauber zu hinterlassen. An einen anderen Platz darf man sich nur setzen, wenn der eigene besetzt ist und man muss fragen. Denn das oberste Gebot lautet: Gegenseitige Rücksichtnahme. Das gilt auch, wenn zum Beispiel Kameraden schlafen, die nachts wieder auf Seewache aufziehen müssen. Während die „Frankfurt“ und die „Hessen“ mit zehn Knoten in einem Abstand von 40 Metern parallel zueinander fahren, werden zehn OAs und wir mittels zweier Leinen, einer größeren Gummischlaufe und viel Muskelkraft von einem Schiff zum anderen gezogen.

Unser Leben liegt in der Hand der jungen Landratten aus Mürwik. Bitte nicht in den Atlantik dippen, denken sich alle. Aber nach einer halben Stunde sind alle trocken an Bord. „Es steht eigentlich immer jemand neben uns; zur Dienstaufsicht und zur Kontrolle. So leichtfertig sind die hier nicht, uns alles alleine machen zu lassen“, sagt OG OA Jannick Jugelt (20).

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Sechs Offizieranwärter ziehen an einem gelben Tau

Highline-Manöver (Quelle: IMZ Bw/Wilke)Größere Abbildung anzeigen

Beim Manöver brennt die Hütte

Leutnant zur See Carsten Bürklin, der Elektronische Kampfoffizier (EK-Offizier), zuständig für die elektronische Kampfführung an Bord, empfängt uns in einem großen dunklen Raum voller Monitore, auf denen kleine flimmernde Punkte, Kreise und Striche zu sehen sind.

Die OAs sitzen hier mit einem ausgebildeten Operateur am Bildschirm. Sie erstellen ein Lagebild, indem sie über Sprechfunk oder Datenlink anfliegende Einheiten sowie Schiffskontakte melden und in ein System einpflegen. Bei einem großen Manöver wie dem „Joint Warrior“, das vor kurzem mit mehreren internationalen Einheiten vor der schottischen Küste stattfand, brennt hier die Hütte.

Trotz der Komplexität der Konsolen ist Böcklin mit den OA-Praktikanten zufrieden: „Alle engagieren sich, das ist das Wichtigste. Speziell die Lerngeschwindigkeit finde ich gut.“ Er erklärt, dass sie natürlich nicht alle Funktionen bei einer Übung übernehmen können, was aber auch nicht erwartet wird.

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Offizieranwärter werden per „Highline-Manöver“ zwischen „Frankfurt“ und „Hessen“ ausgetauscht

Zwischen „Frankfurt“ und „Hessen“ (Quelle: IMZ Bw/Wilke)Größere Abbildung anzeigen

Ein Team – auch wenn es mal kracht

Derweil wird der EAV angegriffen: „Die feindlichen Luftfahrzeuge haben sich auf 20 Meilen angenähert. Unsere Combat Air Patrol (CAP, ein eigenes Flugzeug unter Kontrolle der „Hessen“) ist dabei, sie abzuwehren. Es kann jederzeit passieren, dass sie zum Angriff eindrehen, dann ‚Time on Top‘ in zwei Minuten. Luftwarnung Rot“, quäkt die Warnung des Schiffsoperationsoffiziers durch die Lautsprecher. Alle auf der „Hessen“ sind im Gefechtsmodus.

Die französische Marine stellt freundlicherweise die feindlichen Jets, die uns übungshalber angreifen. OG OA Dorothea Stolze und Stabsgefreiter Christoph Krätsch stehen mit Helm und Splitterschutzweste draußen in der Nock. Stolze soll die Flieger melden, Krätsch sie mit dem schweren MG bekämpfen. Krätsch gehört zur Besatzung der „Hessen“.

Nervt es ihn, wenn OG OA Stolze zu viel fragt? „Ich erkläre es lieber dreimal und bin mir dann sicher, dass sie wissen, wie wir Mannschafter oder die Unteroffiziere ticken. Darum versuchen wir die Anwärter überall mit einzubinden.“ Das würden fast alle auf den drei Schiffen so sehen. Aha, Probleme gibt es also schon manchmal? Wenn es kracht, würden sie damit schnell fertig, sagt Krätsch. „Schließlich sind wir ein Team, eine Besatzung, ein Schiff und ziehen alle an einem Strang.“

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Porträt von Kapitän zur See Christoph Müller-Meinhard

Kapitän zur See Christoph Müller-Meinhard (Quelle: IMZ Bw/Wilke)Größere Abbildung anzeigen

»OAs sind nicht das fünfte Rad am Wagen«

Kapitän zur See Christoph Müller-Meinhard (48) ist Commander Task Group des EAV 2012. Er führt die 700 Soldaten inklusive 190 Offizieranwärter an Bord der drei Schiffe.

Sind die OAs bei Ihnen zum Kaffee kochen, Herr Kapitän?
Die Offizieranwärter und -anwärterinnen sind kein fünftes Rad am Wagen, sondern in wichtigen Hauptabschnitten wie Brücke, OPZ oder in der Schiffstechnik vollwertig eingesetzt. Wenn sie auf Gefechtsstation stehen, ein Versorgungsmanöver oder bei der Schadensabwehr bei Feuer oder Wasser im Schiff anpacken müssen, wissen die jungen Menschen: „Ich werde hier gebraucht.“.

Wie war es denn bei Ihnen?
Auch ich habe vor 27 Jahren ein Flottenpraktikum absolviert. Die wenigen Wochen auf einem kleinen Boot haben mich stark geprägt. Die kurze Zeit bei uns nützt den Kameraden. Die fachliche Ausbildung steht hier nicht im Vordergrund. Es geht im Wesentlichen darum, die emotionale Bindung zur See, zur Flotte, zur Marine und zu unseren Streitkräften zu festigen.

OG OA Lorenz kontrolliert mit einer kleinen Taschenlampe eine Apparatur

Obergefreiter Offizieranwärter Lorenz (Quelle: IMZ Bw/Wilke)Größere Abbildung anzeigen

Mit allen Härten?
Zum engen Bordleben kommt der Seegang inklusive Seekrankheit dazu. Es ist für viele nicht angenehm, wenn die Koje kräftig schaukelt. In Manövern oder bei bestimmten Wachen muss man mit sehr wenig Schlaf auskommen und trotzdem hellwach sein. Gleichzeitig ist jeder lange weg von zu Hause und hat freitags um 12 Uhr keinen Feierabend.

Wie machen sich die OAs 2012?
Alle sind wirklich interessiert und nehmen den Bordaufenthalt ernst. Viele von ihnen haben schon nach kurzer Zeit an Bord die Freude an der Seefahrt entdeckt. Das freut Ausbilder, Stammbesatzungen und natürlich mich. Ich habe den OAs gesagt, dies ist eine einmalige Gelegenheit, machen Sie was draus. Aber der EAV hat ja noch mehr Aufgaben als nur die OA-Ausbildung…

So?
Alle Besatzungsmitglieder bilden sich ständig in internationalen Manövern mit unseren Bündnispartnern taktisch-operativ weiter. Zudem repräsentieren wir alle inklusive der OAs Deutschland und die Bundeswehr im Ausland und sind die strategische Einsatzreserve der Marine. Wenn etwas passiert, könnten wir jederzeit nahezu überall eingreifen. Wie 2011 bei der Evakuierungsoperation im Mittelmeer. Kurzfristig stand der EAV 11 bereit, ägyptische Flüchtlinge aus Tunesien in ihr Heimatland zurückzubringen.


Sollten die OAs auf der „Gorch Fock“ ausgebildet werden? Ihre Meinung für unsere Leser. Schreiben Sie uns:

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Stand vom: 04.12.13 | Autor: Björn Jüttner


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