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Internationales Kunststück

Liberia, 23.02.2016, Y-Magazin 02/2016.
Vor dreizehn Jahren herrschte in Liberia ein brutaler Bürgerkrieg, vor einem Jahr wurde das Land von der Ebola-Epidemie getroffen. Doch die Menschen lassen sich nicht unterkriegen. Y war bei UNMIL, dem kleinsten vom Bundestag mandatierten Einsatz der Bundeswehr.

Hubschrauber Mi-24

Eine ukrainische Mi-24 nach der Landung in Monrovia (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Mit lautem Dröhnen landet ein ukrainischer Hubschrauber vom Typ Mi-24 auf dem James Spriggs Payne Airfield, Monrovia. Hauptmann André Hunoldt* (32) betrachtet die Maschine, die mindestens so alt ist wie er selbst, skeptisch: „Das ist robuste, zuverlässige Technik, geradezu ideal für dieses Einsatzgebiet“, kommentiert Brigadegeneral Dirk Faust den Blick. Die Mi-24 erreicht ihre Parkposition, das Triebwerk wird abgestellt.

Die beiden Piloten und der Bordtechniker beginnen mit einer kurzen Inspektion ihres Hubschraubers. Am 21. Mai 2015 hat der Bundestag der deutschen Beteiligung an der „United Nations Mission in Liberia“, kurz UNMIL, zugestimmt. Bis zu fünf Soldaten dürfen laut Mandat an der Mission teilnehmen, um den Friedensprozess im Land zu unterstützen.

Seit Juni 2015 sind drei deutsche Soldaten im Hauptquartier (HQ) der UN in der liberischen Hauptstadt Monrovia eingesetzt. UNMIL ist der aktuell zweitkleinste Einsatz der Bundeswehr. Dennoch leistet Deutschland einen wesentlichen Beitrag. Mit Brigadegeneral Dirk Faust stellt die Bundes­wehr den Deputy Force Commander (DFC), den stellvertretenden Befehlshaber der UN-Mission.

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In Gardnersville

Nach 13 Jahren befindet sich die Mission in der Schlussphase. Die UN plant, der Regierung Liberias Ende Juni 2016 die komplette Sicherheitsverantwortung zu übergeben. Der ukrainische Bordtechniker hebt den Daumen, Brigadegeneral Faust und Hauptmann Hunoldt können einsteigen. Sie begleiten heute zwei Militärbeobachter der UN.

Zwei Soldaten im Hubschrauber

Abflug zu den UN-Beobachtern nach Harper (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Die kommen aus Harper, einer kleinen Stadt an der Grenze zur Elfenbeinküste, und wollen ihren Einsatzraum aus der Luft patrouillieren. Faust begleitet sie im Rahmen der Dienstaufsicht, um sich als DFC und Führer der Militärbeobachter ein Bild von der Lage vor Ort zu machen. Insgesamt 120 Beobachter sind auf Liberia verteilt. Sie sollen die riesigen Gebiete, die teilweise so groß wie Hessen sind, überwachen und Präsenz zeigen.

Besonders achten sie auf die Lebensbedingungen der Bevölkerung. Sie suchen den direkten Kontakt zu den Menschen, um sich ihrer Probleme anzunehmen. So konnte die UN erst kürzlich in einem Konflikt zwischen Anwohnern von Gardnersville, einem Stadtteil von Monrovia, und den örtlichen Behörden vermitteln.

Die Verwaltung hatte unangekündigt Bulldozer gegen illegale Wohnhäuser einsetzen wollen, obwohl sie die Schwarzbauten jahrelang geduldet hatte. Die Anwohner konnten schließlich ihr Baumaterial retten und bekamen neue Baugrundstücke zugewiesen. Die Beobachter dokumentieren darüber hinaus illegale Grenzübertritte, Schmuggel und den Raubbau von Ressourcen wie Eisenerz, Gold und Edelsteinen.

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Afrika ist eine Herausforderung

Am nächsten Morgen ist der Himmel grau. Es schüttet wie aus Kübeln, auf der Straße haben sich riesige Pfützen gebildet. Hunoldt hat den gestrigen Flug gut überstanden. Er sitzt in seinem Geländewagen mit den markanten „UN“-Aufklebern und fährt wie jeden Morgen ins Büro.

Das UN-Hauptquartier in Monrovia

Das UN-Hauptquartier in Monrovia (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

„Die Regenzeit hier in Liberia dauert normalerweise von Mai bis Oktober, jetzt haben wir fast Dezember. Afrika habe ich mir vom Wetter her etwas anders vorgestellt“, sagt er lächelnd. Sein Ziel ist ein achtstöckiges Haus, das vor dem Bürgerkrieg ein Hotel war. Jetzt beherbergt es das Hauptquartier von UNMIL.

Für den gebürtigen Sachsen ist es der zweite Auslandseinsatz. „Wir sind hier fast so etwas wie Selbstversorger, die UN gibt nur die dienstlichen Rahmenbedingungen vor. Unterkunft, Verpflegung, Reinigung von Sachen, alles was sonst im Auslandseinsatz selbstverständlich ist, müssen wir hier selbst organisieren. In Afrika ist das manchmal eine Herausforderung, trotzdem hat sich alles sehr gut eingespielt.“

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Bericht von der Patrouille

Tief versunken in seine Arbeit sitzt Oberstleutnant Markus Terwig* an seinem Computer, als Hunoldt das Büro betritt. Terwig ist der MA, der Military Assistant des Generals. Als militärischer Berater und eine Art Büroleiter im HQ wertet er bereits seit zwei Stunden die Tagesmeldungen aus, kontrolliert E-Mails und bereitet Befehle vor.

Sicherungskräfte in der liberischen Hauptstadt

Sicherungskräfte in der liberischen Hauptstadt (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Terwig ist ein erfahrener Soldat. Dies ist bereits sein sechster Einsatz, vier Einsätze davon unter der blauen Flagge der UN. Hunoldt berichtet dem Oberstleutnant an der Lagekarte von der gestrigen Patrouille und meldet „keine besonderen Vorkommnisse“. Mag UNMIL auch bald enden, Terwig sieht nachdenklich aus. Vor einem Jahr grassierte die schreckliche Ebola-Epidemie im Land, forderte Tausende Todesopfer.

Erst im September wurde Liberia für Ebola-frei erklärt. Nun gibt es drei neue Verdachtsfälle im Osten von Monrovia. Sollte sich die Krankheit erneut ausbreiten, wäre das ein schwerer Rückschlag. Hunoldt ist schon wieder in Eile. Mit den UN-Beobachtern und ihren Aufgaben hat er nur indirekt zu tun, doch in einer Stunde will er mit uns bei den UN-Beobachtern im Camp Abuja sein. Als Adjutant des DFC ist es seine Aufgabe, dem General zur Seite zu stehen.

Er ist Projektplaner, Kraftfahrer und Sanitäter in einer Person; überall bekannt, kann Türen öffnen – diesmal für uns, so sein Auftrag. Wir fahren quer durch die Stadt und ihr reges Treiben: Lkw, Taxis und Motorräder sind auf den Straßen; dazwischen Fußgänger und Händler, die ihre Waren anbieten. Der starke Regen hat aufgehört. Hunoldt zeigt aus dem Fenster: „Das ist West Point, einer der Hotspots der Stadt.“ Auf einer Landzunge, keinen Quadratkilometer groß, ist ein riesiger Flickenteppich aus Wellblechdächern zu sehen. Schätzungsweise 70.000 Menschen sollen dort leben – keiner weiß es genau.

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Camp Abuja

Im Camp Abuja ist eines der drei Batail­lone von UNMIL stationiert. Als wir ein­- treffen, läuft in einer kleinen Baracke gerade die Patrouilleneinweisung. Nigerianische Sicherungskräfte sitzen mit brasilianischen, serbischen, kolumbianischen und ukrainischen Soldaten am Tisch.

Zwei UN-Beobachter auf einem Markt

Die UN-Beobachter Manuel (r.) und Luiz (l.) sind auf dem Duala-Markt mitten im bunten Treiben (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Der bolivianische UN-Beobachter leitet die Besprechung: Heute geht es auf den Duala-Markt, einen der größten Märkte Monrovias. Es wird Englisch gesprochen, teils in Landessprache übersetzt. Zehn Minuten dauert die Einweisung, alle sind professionell und routiniert. Hier in der Lagerbaracke scheinen die „Vereinten Nationen“ Wirklichkeit zu sein.

Vor der Tür sind vier Pick-ups und eine Sicherungsgruppe der Nigerianer aufgefahren. Alle tragen die typischen blauen Helme. Manuel, der bolivianische UN-Beobachter, steigt in das zweite Fahrzeug, neben ihm sitzt Luiz aus Brasilien. Die Beobachter seien bei Patrouillen immer zu zweit, erklärt Manuel. Einer führt Gespräche, einer macht Notizen. „Aus dem Camp heraus können wir uns kein Bild von der Lage machen, wir müssen unter die Menschen, uns zeigen und Vertrauen schaffen. Nur so erfahren wir von ihren Problemen“, erklärt Manuel.

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Auf dem Duala-Markt

Es ist laut, chaotisch, überall drängen sich Menschen, tausend Gerüche steigen in die Nase. Kleidung, Lebensmittel, Plastikgeschirr aus China, rostige Nägel im Fünferpack, umwickelt mit einem Gummiband – auf dem Duala-Markt gibt es alles.

UN-Pick-up auf belebter Straße in Monrovia

Auf Pick-ups bewegen sich die UN-Soldaten durch Monrovia (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Manuel und Luiz streifen umher, die Sicherungssoldaten folgen ihnen. Die Menschen auf dem Markt sind freundlich und aufgeschlossen, sie applaudieren den Soldaten und singen. Wo die Patrouille stehenbleibt, bildet sich sofort eine Menschentraube. Manche Liberianer klopfen Manuel und Luiz auf die Schultern.

Bei Elvira kostet ein Haarschnitt nur wenige Cent. Manuel spricht sie an. Bereitwillig gibt sie Auskunft: „Meine Geschäfte laufen gut, aber die Konkurrenz ist groß. Die Kunden feilschen mehr denn je um den Preis“, erzählt sie und beschreibt, dass sie mehrere Diskussionen führen musste. „Mit Haarefärben verdiene ich das meiste Geld“, beendet Elvira ihren fast fünfminütigen Monolog.

Luiz ist mit dem Schreiben nicht nachgekommen. Es geht weiter, vorbei an Gewürzständen, geräuchertem Fisch und frisch abgeschlagenen Hühnerbeinen. Die Holzkohlehändler beschweren sich bei Manuel. Der Preis sei im Keller, zu viel schlechte und noch feuchte Holzkohle aus dem Umland sei im Angebot. Manuel hört zu, direkt helfen wird er nicht können, es aber in seinem Bericht vermerken.

Moses, der Messerhändler winkt. Er hat die deutsche Fahne an der Uniform erkannt. Sein Sohn habe vor einem Jahr bei den Deutschen am Stadion gearbeitet, um das Ebola-Krankenhaus aufzubauen, berichtet er stolz.

Ein nigerianischer UN-Sicherungssoldat auf dem Duala-Markt in Monrovia

Ein nigerianischer UN-Sicherungssoldat auf dem Duala-Markt in Monrovia (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Nach zwei Stunden beschließt Manuel, zurückzukehren. „Das war eine gute Patrouille, nach einem so langen Bürgerkrieg haben die Menschen wieder Hoffnung geschöpft, das merkt man“, sagt er. Am Nachmittag will er in einem anderen Stadtteil von Monrovia nach dem Rechten schauen.

„Dann aber mit vertauschten Rollen“, merkt Luiz an, noch immer den Schreibblock in der Hand. Morgen werden die Berichte von Manuel und Luiz auf dem Schreibtisch von Oberstleutnant Terwig liegen. Nur zwei Berichte von 120 Beobachtern, die täglich für UNMIL in Liberia unterwegs sind.

Auf dem Weg zum Frieden
Verlauf
Bereits 2003 kehrten Hunderttausende Flüchtlinge zurück, 2005 fanden Präsidentschaftswahlen statt, die Ellen Johnson-Sirleaf zum ersten weiblichen Staatsoberhaupt Afrikas machten. UNMIL gehört zu den erfolgreichsten UN-Missionen überhaupt.
Aufgaben
UNMIL soll die Sicherheit bis zur Wiederherstellung einer verfassungsmäßigen Ordnung gewährleisten, Flüchtlingsrückkehr ermöglichen, Bürgerkriegsparteien entwaffnen sowie den Wiederaufbau staatlicher Institu­tionen und der Wirtschaft koordinieren.
Mission
Im September 2003 verabschiedete der UN-Sicherheitsrat als Reaktion auf die Zustände im Land die Resolution 1509. Sie schuf die rechtliche Basis für die Mission UNMIL. Die Truppenstärke wurde auf ca. 15.000 Soldaten und 1.115 Polizisten festgelegt.
Geschichte
Bei ethnischen Konflikten zwischen Volksgruppen, Streit um politische Macht und Kampf um Rohstoffe kam es von 1989 bis 2003 zum Bürgerkrieg. Auf internationalen Druck trat Liberias Präsident Charles Taylor am 11. August 2003 zurück.

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Porträt von Brigadegeneral Dirk Faust

Brigadegeneral Dirk Faust (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

3 Fragen an Dirk Faust

Der 49-jährige Brigadegeneral ist der stellvertretende Befehlshaber der Beobachtermission in Liberia.

Y: Wie bewerten Sie persönlich den Erfolg der Mission?

Faust: Das Land ist auf einem guten Weg. Allein vor diesem Hintergrund kann man die Mission schon als Erfolg bezeichnen. Post-Conflict-Prozesse sind aber immer langfristig. Man darf nicht zu früh aufhören, dieses Land zu unterstützen.

Y: Welche Erfahrungen haben Sie hier gemacht?

Faust: Neben den tiefen Einblicken in die Funk­tionsweise der UN habe ich Liberia kennengelernt. Ein Land, das nach 14 Jahren Bürgerkrieg positive Schritte nach vorne gemacht hat, und das sich nach der Ebola-Katastrophe wieder erholt hat, um an die gute Entwicklung anzuknüpfen.

Y: Was hat Sie in Liberia besonders beeindruckt?

Faust: Die Menschen: ihr Lebensmut und unerschütterlicher Optimismus. Der große Teil der Bevölkerung lässt sich nicht unterkriegen. Sie blicken nach vorne und nur sehr selten zurück.

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Stand vom: 23.02.16 | Autor: Peter Mielewczyk


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