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Infanterie auf See

Eckernförde, 11.10.2012, Y-Magazin 10/2012.
Ob auf See vor Somalia oder an Land im ISAF-Einsatz – die Marineschutzkräfte (MSK) aus Eckernförde sind Einsatzspezialisten par excellence. Das „Multitool“ der Marine ist aber kein typischer Marineverband. Sie können Heer, Sanität und auch ein bisschen Luftwaffe – ab 2014 als Seebataillon.

Vermummter Soldat auf See am Maschinengewehr

Klar zum Gefecht: Kamerad am MG3 (Quelle: PIZ Marine/Wilke)Größere Abbildung anzeigen

Die Eckernförder Preußer-Kaserne liegt direkt an der Bundesstraße 76. Man kann den Standort der Männer und Frauen der Verwendungsreihe 76 nur schwer verfehlen. Es sei denn, man sucht Soldaten in klassischer Marineuniform. Dunkelblau gibt es hier nicht, stattdessen Flecktarn in allen Schattierungen. „Wir sind das Grün der Marine“, sagt Fregattenkapitän Edgar Behrends.

Für den 40-jährigen Bataillonskommandeur sind die rund 500 Verbandsangehörigen natürlich keine Heeressoldaten. „Wir sind keine Marines“, stellt er klar. Ihre Aufgabe sei nicht der offensive Großeinsatz, wie er in amerikanischen Filmen zu sehen ist: „Wir sichern, schützen und unterstützen Schiffe und Boote in See und im Hafen. Weltweit. Rund um die Uhr.“

Längst geht es nicht mehr nur um deutsche Marineeinheiten. Die MSK stellen auch sogenannte „Vessel Protection Detachments (VPD)“ zum Schutz besonders gefährdeter Handelsschiffe. Wie bei der Operation Atalanta, bei der das World Food Program der Vereinten Nationen geschützt wird, und dem Schutz logistischer Seetransporte von AMISOM (African Union Mission in Somalia). Dabei geht ein Dutzend Soldaten an Bord eines zivilen Handelsschiffes, während ein deutsches Marineschiff zur eigenen Sicherheit stets in der Nähe ist.

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Eingang zur Preusser-Kaserne

Preusser-Kaserne (Quelle: PIZ Marine/Wilke)Größere Abbildung anzeigen

Mensch und Material verteidigen

Stabsgefreiter Henrick Michel* weiß, wie so ein Einsatz aussieht. Im Zuge der Anti-Piraterie-Mission Atalanta war er 2011 auf einem solchen Schiff, das in Deutschland wohl unter die Kategorie „Seelenverkäufer“ fallen würde. „Sechs Tage ohne Dusche, und zu essen gab es nur EPa“, sagt der 24-Jährige. Missen möchte er aber keine Minute.

Zum einen, weil die Besatzung des Schiffes dankbar für den Schutz gewesen sei. Zum anderen, weil er das tun durfte, wofür er ausgebildet wurde – Mensch und Material zu bewachen und notfalls zu verteidigen: „Bei einem Piratenangriff bin ich in zwei Minuten von der Koje an der Waffe.“

Jeden Tag laufen die MSKler nach dem Antreten 5.000 Meter, zweimal die Woche steht zusätzlich militärischer Nahkampf auf dem Dienstplan. Nicht zu vergessen die infanteristische Ausbildung. Für Michel eine Traumverwendung: „In der Marine gibt es wohl keine abwechslungsreichere Verwendungsreihe als unsere.“

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Marineschutzkräfte sichern einen Checkpoint im Hafen von Beirut

Sichern der deutschen Marineeinheiten (Quelle: Bundeswehr/Bunks)Größere Abbildung anzeigen

Jede Menge Spezialisten

Ab 1. Oktober wird es spannend. Dann führen die MSK-Soldaten erstmalig ein „Autonomous Vessel Protection Detachment (AVPD)“ durch. Sie sind dabei bis zu 21 Tage auf sich gestellt, ohne die Sicherheit einer deutschen Fregatte und eines Hubschrauber. „Wir werden von den Erfahrungen der Niederländer profitieren, die bereits seit Anfang dieses Jahres solche AVPD-Teams zur Verfügung stellen“, sagt Flottillenarzt Henning Werr (52).

Der einsatzerfahrene Rettungsmediziner unterstützt das Pilotprojekt und kennt die Schwierigkeiten: „Die Rettungskette dauert länger.“ Deshalb befindet sich neben einem Arzt weiteres medizinisches Personal an Bord, das zum „Combat First Responder“ ausgebildet wurde und kriegsbedingte Verletzungen versorgen kann. Geplant ist, in den kommenden Jahren Spezialisten der „grünen“ Einsatzmedizin im Seebataillon zu bündeln, um Missionen einfacher planen zu können.

In der Preußer-Kaserne gibt es jede Menge Spezialisten. Manche, wie den Feldnachrichtenzug der Marine, vermutet man eher beim Heer. „Dieser Zug ist ein absoluter Gewinn für uns“, lobt Kommandeur Behrends. Die Einheit ist zuständig für die Nachrichtengewinnung im Einsatzland. Mit Geheimdiensttätigkeiten hat ihre Arbeit wenig zu tun, dennoch ist sie nicht für die breite Öffentlichkeit bestimmt.

„Die Zugangsvoraussetzung für diese Dienstposten ist der Bootsmanndienstgrad“, sagt Kapitänleutnant Siegfried Graf*. Seit 2011 leitet der 45-Jährige den Zug mit 35 Soldaten. Neben der Laufbahn sind aber noch andere Dinge wichtig: „Entscheidend sind nicht so sehr die infanteristischen Fähigkeiten, sondern vor allem die Teamkompetenz und Kommunikationsfähigkeit.“

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Soldat übt das Nachtschießen

Das Nachtschießen ist immer wieder eindrucksvoll (Quelle: Buddy Bartelsen)Größere Abbildung anzeigen

Seemänner in Afghanistan

Die Einsatzbelastung ist hoch, was der derzeitigen Personalsituation geschuldet ist. Grundsätzlich wird der Feldnachrichtenzug auch am Hindukusch eingesetzt. Ungewöhnlich für Soldaten, die gern eine Handbreit Wasser unter dem Kiel haben. „Das ist bei uns anders. Einmal im Jahr geht jeder für vier Monate in den Einsatz, vorrangig nach Afghanistan“, sagt Hauptbootsmann Enrico Raab* (39). Wenn bald weitere Soldaten kommen, wird sich das aber entspannen.

Vor Ort agieren die Männer und Frauen in kleinen Gruppen: „Es fährt immer ein Trupp von vier Soldaten gemeinsam mit einem sicherheitsüberprüften Sprachmittler raus.“ Im Fall der Eckernförder heißt er Ali. Einfach nur Ali. Ebenso wie die Feldnachrichtenkräfte trägt auch er nur ein Namensschild mit seinem Vornamen. Mittlerweile lebt der junge Afghane zu seiner eigenen Sicherheit mit den Soldaten im Camp.

„Das hängt mit unserem Auftrag zusammen. Die Führung formuliert für uns einen Fragenkatalog und wir suchen Menschen, die Zugang zu diesem Thema haben. Das kann jeder sein: vom Bauer bis zum Minister“, sagt Graf. Das Gespräch ist stets zielorientiert und funktioniert nach dem sogenannten Susan-Prinzip. „Wir sind immer das, was unser Gegenüber möchte. Der Andere muss das Gefühl haben, verstanden zu werden. Bei uns läuft dabei ein bestimmtes Prozedere im Kopf ab. Keine Frage ist dabei so spontan, wie sie scheint“, verrät Hauptbootsmann Raab.

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Marinesoldaten in Grün auf einer Patrouille

Marinesoldaten in Grün (Quelle: Bundeswehr/Sünkler)Größere Abbildung anzeigen

Die Abwechselung macht den Unterschied

All dies wird vorab intensiv im Heeresausbildungszentrum in Munster geübt. Die Einheiten lernen dort Gesprächstechniken, Gesprächspsychologie und Lügen zu erkennen. Der Ausbildungserfolg ist groß. „Über 60 Prozent aller Informationen, der Aufklärung kommen von den Feldnachrichtenkräften“, sagt Oberstabsbootsmann Burkhard Bender* (49).

Warum das so ist, dafür hat er eine ebenso einfache Erklärung: „Die Arbeit mit Menschen unterschiedlichster Kulturen wird bei uns intensiver gepflegt als in der normalen Truppe. Das schafft Vertrauen und erhöht die Sicherheit unserer Kameraden.“ Das ausgeprägte Verantwortungsgefühl für andere zieht sich bei den Marineschutzkräften wie ein roter Faden durch alle Bereiche und schafft eine hohe Berufszufriedenheit.

„Die Abwechslung macht den Unterschied zu anderen Verbänden aus. Wir sind die grüne Truppe an Bord. Wir übernehmen Aufgaben, die von der Besatzung an Bord oder auch an Land in der Form nicht geleistet werden können. Dazu gehört auch der Schutz vor asymmetrischer Bedrohung“, sagt Korvettenkapitän Axel Meißel (38), der stellvertretende Kommandeur. Und nicht nur das zeichnet die 76er aus. Die Soldaten fahren unter anderem als Scharfschützen auf den Schiffen mit: „Durch einen gezielten Schuss in den Motorblock können sie beispielsweise Piratenboote ausschalten.“ An Land sichern sie Marineanlagen und Straßentransporte.

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ISAF-Soldaten sprechen mit afghanischen Kindern

MSKler sind auch bei ISAF dabei (Quelle: MSK)Größere Abbildung anzeigen

Neue Heimat für die SEK M

Die Vielfältigkeit des Fähigkeitsspektrums hat sich herumgesprochen. „Jede Woche bewerben sich 100 Männer und Frauen bei der Marine. 20 Prozent von ihnen wollen zu uns“, sagt Meißel. Aber auch nach der Bundeswehrzeit sind die Karrierechancen für MSKler gut: „Viele bewerben sich bei der Polizei oder anderen Sicherheitsbehörden.“ Doch die Mehrzahl bleibt bei der Truppe.

Mehr als zwei Drittel der Bataillonsangehörigen verpflichten sich weiter. Vor allem jetzt, wo der Verband in den nächsten anderthalb Jahren gemeinsam mit den 180 Mann starken Teilen Boarding und Minentaucher der Spezialisierten Einsatzkräfte der Marine (SEK M) zum Seebataillon zusammenwachsen wird, wollen viele bleiben. Kein Wunder, in Eckernförde wird jetzt Marinegeschichte geschrieben.

Die Planungen laufen auf Hochtouren. Zuständig ist Korvettenkapitän Mathias Müller (34) als Leiter des Aufstellungsstabes: „Alle brennen darauf, dass es endlich losgeht.“ Der zukünftige Verband ist das, was MSK-Kommandeur Edgar Behrends, gern als „Multitool“, also als Allzweckwerkzeug, bezeichnet – robust und immer einsatzbereit. Zurzeit ist das Bataillon noch in drei Kompanien und den Feldnachrichtenzug aufgeteilt. Ab 2014 werden es vier Kompanien sein.

In der neuen Bordeinsatzkompanie findet dann zum Beispiel die Boardingkompanie der SEK M eine neue Heimat, wohingegen die Minentaucher geschlossen zum Seebataillon wechseln. Die Küsten­einsatzkompanie entspricht dann eher der klassischen MSK-Kompanie.

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Fachleute für den Einsatz

Die neue Einsatzunterstützungskompanie ist etwas Besonderes. „Dort werden der ABC-Zug, der Feldnachrichtenzug, der Aufklärungszug sowie die Scharfschützen zusammengefasst werden“, sagt Müller. „Wir wollen als Verband regelrechte Fähigkeitspakete erstellen, um im Einsatz genau die Fachleute zu haben, die benötigt werden.“ Das entspreche, so der Kommandeur, den Anforderungen an eine moderne Armee.

Die Soldaten haben schon lange die Enge des reinen Teilstreitkraftdenkens verlassen: „Wir sind kein klassischer Infanterieverband des Heeres, aber auch kein typischer Flottenverband.“ Sogar Fähigkeiten der Luftwaffe findet man in Eckernförde: „Wir haben Kameraden, die dort ihre Ausbildung an der Fliegerfaust 2 ‚Stinger‘ absolviert haben.“ Aus all diesen Einzelkompetenzen ist deshalb schon heute ein Bataillon aus Spezialisten entstanden. „Trotzdem“, betont Edgar Behrends, „wir sind keine Einzelkämpfer, sondern Profis, die als Team operieren.“


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Wo liegt Eckernförde?
Die Stadt liegt an der Ostsee zwischen Kiel und Flensburg am Ende der Eckernförder Bucht im nördlichen Teil von Schleswig-Holstein. Seit 1912 ist Eckernförde Garnisonsstadt und Marinestützpunkt.
Wem unterstehen die MSK?
Die Marineschutzkräfte wurden am 1. April 2005 aufgestellt und unterstehen der Einsatzflottille 1, deren Stab in Kiel sitzt. Sie sind, abgesehen von den Spezialisierten Einsatzkräften Marine, der einzige Infanterieverband der deutschen Marine.
Wo sind die MSK stationiert?
Die Preußer-Kaserne an der B 76 ist noch bis Ende des Jahrzehnts Heimat der MSK. Nach der Umwandlung zum Seebataillon ist dann der Umzug auf den Marinestützpunkt Eckernförde (auch Nordkaserne genannt) geplant.

* Name zum Schutz der Kameraden geändert.

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Stand vom: 04.12.13 | Autor: Colla Schmitz


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