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Die Aufräumer

Kunduz, 14.02.2012, Y-Magazin 02/2012.
Ein Autowrack lässt sich in Deutschland relativ problemlos entsorgen. In Afghanistan ist das nicht ganz so einfach. Die „Abschlepper“ der Bundeswehr tragen Waffen und Splitterschutzweste, ihre „Abschleppwagen“ sind massiv gepanzert und ständig bedroht.

Bergepanzer Frontansicht
Der Bergepanzer schützt die Soldaten (Quelle: PIZ Kunduz)Größere Abbildung anzeigen

Nordwestlich von Kunduz im Norden Afghanistans rostet das Wrack eines Dingos vor sich hin. Das zerstörte Fahrzeug liegt schon sehr lange da. Eine deutsche Patrouille hatte im November 2010 die Sicherheitslage in der Steppe erkundet, um eine Verbindungsstraße in den Distrikt Qula-l-Zal zu erschließen. Hier passierte es.

Eine Sprengfalle detonierte und zerstörte die Vorderachse des Dingos. Gleichzeitig eröffneten die Aufständischen das Feuer auf die Patrouille. Unter heftigem Feuer liegend war es den Soldaten noch gelungen, Munition und Ausrüstungsgegenstände aus dem geschützten Fahrzeug zu bergen. Dann mussten sie den Dingo weitgehend funktionstüchtig zurücklassen. Um den Aufständischen keinen geschützten Beobachtungsposten oder gar Unterstand für Angriffe zu überlassen, zerstörten ISAF-Jets den Dingo im Anschluss gezielt mit zwei 500-Kilo-Bomben.

Nur die scheinbar unzerstörbare Fahrgastzelle und die Achsen blieben in der Landschaft zurück. Erste Bergeversuche scheitern oder müssen abgebrochen werden. Denn das Wrack soll zwar geborgen werden – aber nicht um jedem Preis. Die Sicherheit der Soldaten geht vor. Im Frühsommer 2011 ist es dann so weit. Der große – letztlich erfolgreiche – Bergeversuch.

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Bergepanzer, weitere Fahrzeuge und 2 Soldaten in Einöde bei Kunduz, davor ein Korridor aus gelb besprühten Plastikflaschen
Ein Korridor, der auf IEDs untersucht wurde (Quelle: PIZ Kunduz)Größere Abbildung anzeigen

Rückholaktion im Taliban-Land

Zwei Wochen dauern die Vorbereitungen im Stab und im Provincial Reconstruction Team (PRT) Kunduz. Viel Aufwand. In Anbetracht der Lage vor Ort ist er aber notwendig, schließlich führt die Rückholaktion tief ins Taliban-Land. Hier gibt es kein ausgebautes Straßen- und Wegenetz wie in Deutschland, keine Infrastruktur, die normalerweise für Bergeoperationen notwendig ist, zum Beispiel Werkstätten oder Tankstellen.

Also müssen die Soldaten alles mitnehmen, was sie für eine erfolgreiche Operation benötigen. Insgesamt sind mehr als 130 Soldaten im Einsatz – Sicherungskräfte, Sanitäter, Instandsetzer und Counter-IED-Kräfte. Hauptfeldwebel Oliver Rudolf* ist Zugführer des 3. Zuges der Schutzkompanie und mit seinen Soldaten in Kunduz eingesetzt. Hauptauftrag der Kompanie: der Schutz von Kräften, etwa von CIMIC-Soldaten. Aber auch die Beteiligung an anderen Kompanieoperationen gehört zum Auftrag. Deshalb sind die Männer um den 38-jährigen Hauptfeldwebel auch bei der Operation zur Dingo-Bergung mit dabei. Beim Wrack übernimmt sein Zug die Absicherung des eigentlichen Operationsgebietes.

Dabei stützen sich die Soldaten auf die Hilfe örtlicher afghanischer Sicherheitskräfte. „Wir informieren bei solchen Operationen immer die örtlichen Chefs, damit die wissen, was bei ihnen passiert,“ erklärt der Hauptfeldwebel. Die örtlichen Führer kennen sich in ihren Gebieten aus, wissen, wer Freund und wer Feind ist. Ein großer Vorteil, von dem die Bundeswehr profitiert.

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Drei Soldaten stehen und knien um eine in den Sand gekritzelte Lagekarte
Lageeinweisung im Sand (Quelle: PIZ Kunduz)Größere Abbildung anzeigen

Akribische Suche nach Sprengfallen

Nach den Sicherungsmaßnahmen sind die Counter-IED-Kräfte an der Reihe, in diesem Fall belgische Spezialisten. Da das Wrack im Taliban-Gebiet liegt, müssen die Soldaten jederzeit mit Sprengfallen rechnen. Damit das Bergegerät – ein 40,6 Tonnen schwerer Bergepanzer 2 – überhaupt von der einigermaßen befestigten Piste zum Wrack gelangen kann, erkunden die Belgier eine sichere Zufahrt.

Meter für Meter suchen sie sie in akribischer Kleinarbeit nach versteckten Sprengfallen ab. Die überprüfte Gasse markieren sie mit Plastikwasserflaschen, die sie mit gelber Farbe besprühen. Auch das Wrack selbst nehmen die Belgier genau unter die Lupe. Tatsächlich finden sie zwei Sprengsätze, die sie sofort entschärfen. Die deutschen Kameraden haben großen Respekt vor der Arbeit der belgischen Kameraden.

„Das sind Vollprofis“, betont Kompaniechef Hauptmann Sebastian Volkerts* (38). Sowohl die Zufahrt als auch das Wrack sind jetzt IED-frei. Dennoch findet die eigentliche Bergung des rund vier Tonnen schweren Wracks unter Panzerschutz statt. Der Grund: Trotz intensiver Suche ist eine Gefahr immer noch nicht hundertprozentig auszuschließen. Die Operation ist für die Bergeprofis zwar nicht unbedingt Routine – aber auch keine größere Herausforderung.

Mit dem Bergepanzer 2 ziehen die Soldaten das Wrack zum Multi und heben es dort auf den Speziallastwagen. Den Rückmarsch treten die Soldaten auf demselben Weg an, wie den Hinmarsch, zur Sicherheit klären Heron- und KZO-Drohnen die Route vorher auf. Aufgrund der allgegenwärtigen Gefahr, aber auch wegen der schlechten Straßen, brauchen sie dafür ganze sieben Stunden. Die Dingo-Rückführung ist erfolgreich beendet. Der Aufwand an Personal, Material und Zeit für das PRT Kunduz war enorm. Aber in Afghanistan ist eben alles etwas anders als in der Heimat. Das gilt auch für liegengebliebene Fahrzeuge.

* Name zum Schutz des Kameraden geändert.

Die Belgier
Streitkräfte
Untergliedert in Heer, Luftwaffe, Marine und medizinisches Korps, beträgt die Gesamtstärke 38.000 Soldaten.
Heer
Die größte Teilstreitkraft mit rund 24.600 Soldaten bildet das Heer. Es erfährt gerade eine grundlegende Strukturreform. Unter anderem werden bis 2015 alle Kettenfahrzeuge gegen Radfahrzeuge ausgetauscht. Belgien verzichtet damit auch auf Kampfpanzer und Panzerhaubitzen.
Besonderheit
In den belgischen Streitkräften sind die Einheiten streng nach Sprachen getrennt. Es gibt nur rein Französisch sprechende Einheiten und rein Niederländisch sprechende. Lediglich die Offiziere müssen sich in beiden Sprachen verständigen können. Bis 1994 gab es auch eine deutschsprachige Einheit, das 3. Bataillon der Ardennenjäger in der belgischen Gemeinde Vielsalm.

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Bilder


Stand vom: 16.02.12 | Autor: Ronald Rogge und Andreas Steffan

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