Marcel Gleffe: »Sie brauchen keine Helden.«
Mit einem 10-PS-Boot rettete Hauptgefreiter der Reserve Marcel Gleffe über 20 Menschen das Leben. Sie alle flohen vor dem Massaker auf der norwegischen Insel Utøya.

Schon nach den ersten Meldungen vom Bombenanschlag in Oslo wussten Marcel Gleffe und seine Familie, dass ihr Urlaub auf dem Campingplatz Utvika kein normaler werden würde. Kurz danach wurde Gleffe zum Lebensretter.
Herr Gleffe, sind Sie ein Held?
Als ich die vielen Köpfe im Tyrifjord das erste Mal durch das Fernglas im Wasser gesehen habe, wollte ich nur helfen. „Die müssen da schnell raus“, war mein erster Gedanke. „Ich habe ein Boot, also los Marcel. Gas geben und ja keine Sekunde verlieren“, dachte ich. Ich würde sagen, jeder, der diese Hilfeschreie gehört hätte, hätte gar nicht anders gekonnt, als zu helfen.
Was verbinden Sie mit dem 22. Juli?
Ich versuche – wie die Norweger – dieses Massaker von Anders Behring Breivik zu verstehen. Dieser Mensch hat Kinder kaltblütig hingerichtet. Insgesamt 69 Menschen allein auf Utøya. Ich weiß gar nicht, ob man das verstehen kann. An meine Rettungsaktion denke ich wenig, dafür oft an die armen Familien, die ihre Kinder verloren haben. Ich werde diesen Tag nie vergessen.
Gibt es etwas, was Ihnen jetzt noch besonders präsent ist?
Ich stand total unter Strom, war fixiert auf das, was gerade zu tun war: das Boot fahren, junge Menschen ins Boot ziehen, retten. Trotz allem war es faszinierend, wie gut alle zusammengearbeitet haben. Das fing bei den Absprachen am Bootsanlegesteg an: Ich mit meinem 10-PS-Boot habe die kurze Strecke rüber nach Utøya genommen, der Nachbar mit seinem 175-PS-Boot die längere Strecke. Das war Teamwork. Ich war nicht allein. Von Utvika sind sieben Boote gestartet.
Ging das draußen bei der Rettungsaktion im Fjord weiter?
Ja. Trotz aller Panik haben sich die Hilfesuchenden im Wasser gegenseitig unterstützt. Da gab es keine Kämpfe um den ersten Platz im Boot. Es hieß eher: „Hilf’ lieber erstmal dem da oder dem. Ich kann noch.“
Aber zuerst waren alle skeptisch, als ich mit meinem Boot auftauchte.
Warum?
Der erste Junge fragte mich gleich: „Wo willst du denn mit uns hin?“
Ich sagte: „Ich bin deutscher Camper und hol’ euch raus und bringe alle auf das Festland.“
Aber die wollten erst gar nicht gerettet werden. Alle im Wasser dachten, hier auf Utøya sei nur der kleine Krieg. Der große Krieg sei auf dem norwegischen Festland. Die Jungen und Mädchen hatten ja auch die Anschläge in Oslo am gleichen Tag mitbekommen. Ein anderer Junge schrie mich an: „Bist du Polizist? Willst du uns töten?“
Ich schrie: „Nein, ich will euch helfen.“
Es hat etwas gedauert, das Vertrauen zu gewinnen. Ist aber verständlich, nachdem ein vermeintlicher Polizist – das personifizierte Vertrauen – auf sie geschossen hat.
Breivik hat auch auf Sie geschossen?
Ja, gleich auf der ersten Tour. Aber das habe ich überhaupt nicht mitbekommen. Ein Junge im Boot schrie plötzlich: „Er schießt auf uns.“
Ich war voll im Rettungsmodus: Menschen ins Boot ziehen, rüber fahren und mit dem Fernglas schauen, wo man bei der nächsten Tour hinfährt. Es war, als hätte ich Scheuklappen an, so habe ich auch alle Leichen am Strand gesehen, aber es sofort ausgeblendet.
Sie waren ja von März 1999 bis Ende Juli 2000 bei der Bundeswehr und sogar im Kosovo-Einsatz. Haben Sie von ihren Erfahrungen beim Bund profitiert?
Ja. Ich wusste, dass es sehr schwer ist, aus der Entfernung von 20 bis 30 Metern ein bewegliches Ziel zu treffen. Ich habe den Jugendlichen sofort gesagt: „Legt euch flach hin.“
Ich war mir ziemlich sicher, die Bootskante schützt sie. „Bewegliches Ziel, plus Entfernung plus Deckung, das haut hin“
, dachte ich. Mein Vater hat nur gesagt: „Spinnst du? Der schießt.“
Außerdem erkannte ich sofort den Unterschied zwischen Feuerwerk und Schüssen aus einer automatischen Waffe.

Sie sind fünf Touren gefahren. Was passierte danach?
Als Dachdecker bin ich tiefe Temperaturen gewöhnt, ich arbeite auch bei minus 20 Grad auf dem Dach. Aber nachdem ich die letzte Tour gefahren bin, war ich blau vor Kälte und nass. Ich war wirklich am Ende meiner Kräfte.
Dann kam der Medienrummel.
Genau, schon am nächsten Morgen standen die Medien Schlange. RTL, Spiegel und alles, was man kennt. Was da auf einen einprasselt, ist enorm. Da wird man wie von einem Zug überrollt. Das war sehr unangenehm und hat mich genervt.
Was haben Sie dagegen getan?
Ich habe mich verdrückt, für ein paar Wochen in die Berge. Mein Chef hat mir sofort frei gegeben, dann bin ich mit guten Freunden losgezogen. Kein Handy, kein Internet, keinen Kontakt mehr. Und keinen Bart mehr. Richtig, den habe ich mir abgenommen, um nicht mehr erkannt zu werden.
Wie ist Ihre Rettungstat in Norwegen aufgenommen worden?
Die Norweger gehen damit anders um. Gemeinschaftlicher, ruhiger, unaufgeregter. Das hat man bei den Trauerfeiern gesehen. Sie brauchen keine Helden.
Waren Sie auf einer Trauerfeier?
Nur auf einer, der zentralen in Oslo. Aber nur als Zuschauer. Wichtiger war mir, dass ich außerhalb der offiziellen Veranstaltungen mit ein paar engen Freunden einen Tag rüber nach Utøya gefahren bin, um zu verstehen. Mir alles anzuschauen. Dabei habe ich mich erwischt, wie ich mit einem Bundeswehrblick herumgelaufen bin.
Wo hat Breivik wie geschossen?
Ich habe nur eine Stelle gefunden, an der er wohl vorbeigeschossen hat. Eine einzige Kerbe in einem Baum.
Wie gehen Sie jetzt mit allem um?
So langsam beginne ich, alles was geschrieben und gesendet wurde, mit Hilfe meiner Eltern zu sammeln. Mittlerweile kann ich besser damit umgehen, auch ohne psychologische Betreuung. Ich fühle mich nicht als Held. Das, was ich getan habe, kann jeder.

Sie werden wahrscheinlich mit Ehrungen überschüttet, oder?
Eine habe ich bereits bekommen. Von der Stadt Teterow. Dann werde ich als Hauptgefreiter der Reserve Ende September vom Reservistenverband ausgezeichnet. Dazu bekomme ich den Medienpreis die „Goldene Henne“. Und am 4. Oktober überreicht mir der Bundespräsident eine besondere Auszeichnung. Was es ist, weiß ich aber nicht. Durch die Auszeichnungen wird einem erst richtig bewusst, was man da gemacht hat. Das macht einen dann doch stolz.
Sie werden sicher ein begehrter Gast in den Jahresrückblicken sein.
Die Anfragen liegen schon auf dem Tisch. Aber ich habe mich noch nicht entschieden, ob ich gehe und wohin. Aber wenn ich als Retter ein positives Gegenstück zur Katastrophe sein kann, dann will ich das auch sein. Wenn andere sich ein Beispiel nehmen und deswegen mutig helfen, dann wäre ich darauf sehr stolz.
Hätten die Geretteten den Tag ohne Ihren Einsatz überlebt?
Wenn ich die unzähligen Einträge bei der Plattform Facebook lese – nein, nicht bei der Kälte. Viele schreiben dazu: „Zehn Sekunden später und ich hätte keine Kraft mehr gehabt.“
Treffen Sie die Geretteten nochmal?
Das würde ich sehr gerne, aber ohne Öffentlichkeit. Ich bekomme soviel Dankbarkeit von den Geretteten und Eltern, das ist einfach überwältigend.
Es ging um Leben und Tod
Auf der norwegischen Insel Utøya erschoss Anders Breivik 69 Menschen. Marcel Gleffe rettete über 20 der Fliehenden das Leben.
Am Freitag, den 22. Juli 2011, saß Marcel Gleffe mit seiner Familie beim Kaffeetrinken auf dem norwegischen Campingplatz Utvika am See Tyrifjord. Sie sprachen gerade über den Bombenanschlag in Oslo, von dem sie durch Nachbarn und das Internet erfahren hatten, als der 32-jährige Deutsche es laut krachen hörte. Ein Geräusch, das er kannte.
Er wusste sofort, ein Feuerwerk auf der Insel Utøya war das nicht. Der ehemalige Bundeswehrsoldat rannte zum Ufer. Und tatsächlich – dies waren Schüsse aus einer automatischen Schusswaffe. Gleichzeitig sah er sehr viele verzweifelte junge Menschen in Panik ins Wasser springen. Sie riefen „Hjelp! Hjelp!“ Gleffe überlegte nicht eine Sekunde.
Er sprang in sein kleines rotes Pioner-Boot mit 10 PS und raste die 600 Meter über das 15 Grad kalte Wasser zu den Hilfesuchenden. Er warf ihnen Schwimmwesten zu und begann, einen nach dem anderen ins Boot zu ziehen. Ausgelegt war dies für fünf Personen, Gleffe zog je Tour fünf bis neun rauf, schließlich ging es um Leben und Tod.
Er fuhr zurück, wo sich seine Familie um die Geretteten kümmerte. Dann ging es wieder nach Utøya. Insgesamt fünfmal. Ohne den Dachdecker hätten die meisten nicht überlebt, viele waren schwer verletzt. Bei einer Tour riskierte Gleffe Kopf und Kragen, als Breivik auch auf das Boot schoss. Alle legten sich flach hin. Sie hatten Glück, dass der Attentäter nicht traf. Gleffes Einsatz rettete über 20 jungen Leuten das Leben.
