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Guter Rat bei 40 Grad

Djibouti, 09.10.2012, Y-Magazin 10/2012.
Djibouti ist mehr als nur die Versorgungsbasis der Bundeswehr im Atalanta-Einsatz. Am Horn von Afrika gibt es für deutsche Soldaten noch weitere Aufträge zu erfüllen. Oberstabsfeldwebel Dieter Köhn aus der Beratergruppe Djibouti bearbeitet einige von ihnen.

Soldat mit Oberarm-Aufnäher der Deutschen Beratergruppe

Die Bw-Berater sind leicht zu erkennen (Quelle: IMZ Bw/Bienert)Größere Abbildung anzeigen

Straßenverkehr funktioniert hier anders als zu Hause, das Wichtigste am Auto ist die Hupe“, sagt Oberstabsfeldwebel Dieter Köhn und steigt in seinen weißen Geländewagen. Auf dem Beifahrersitz sitzt sein heutiger Begleiter, Leutnant Mohamed Moussa (54) von der Police National. Ihr Ziel ist der Day, ein Berg im Landesinneren von Djibouti, auf dem mit deutscher Hilfe ein Funkmast für eine digitale Polizeifunkanlage und die erste Hybridanlage zu dessen Stromversorgung gebaut wird.

Köhn überwacht den Bau. Er ist Beraterfeldwebel und seit 2009 Teil der Beratergruppe Djibouti. Die Beratergruppen gehören zum deutschen Ausstattungshilfeprogramm der Bundesregierung in Afrika. Die Länder werden vom Auswärtigen Amt ausgewählt, das auch die Projekte finanziert. Das Verteidigungsministerium setzt diese dann um. Die afrikanischen Partnerländer sollen so zur Teilnahme an internationalen Friedenseinsätzen befähigt werden.

Es gibt Ausbildungshilfen und technische Projekte, die sich von Land zu Land unterscheiden – militärisch-technische Entwicklungshilfe. Voraussetzung ist, dass in den Ländern Grundprinzipien der Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sowie Mindeststandards bei fundamentalen Menschenrechten eingehalten werden. Die Projekte sind meist auf vier Jahre angelegt und haben eine Nachsorgezeit. In dieser Phase befindet sich Djibouti. Neben Köhn, der schon einmal für vier Jahre Berater in Tunesien war, sind nur noch ein weiterer Hauptfeldwebel und als Leiter ein Stabsoffizier eingesetzt.

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Karte Afrikas mit der Verteilung der Berater: fünf in Senegal, sieben in Mali, vier in Nigeria, vier in Ghana, drei in Djibouti, sieben in Äthiopien, acht in Kenia, acht in Tansanie und 6 in Namibia

Verteilung der Berater auf Afrika (Quelle: Y/KircherBurkhardt Infografik)Größere Abbildung anzeigen

Handgeld für eine Ziege

Morgens um acht Uhr sind es über 30 Grad in der Hauptstadt, im Auto nicht viel weniger. Köhn und Moussa fahren über die staubigen Straßen, vorbei an bettelnden Menschen, bunt gekleideten Frauen und Fußball spielenden Kindern. Ständig laufen Ziegen über die Straße. „Ich habe immer Handgeld im Auto, falls ich eine überfahre“, sagt Köhn. Umgerechnet 50 Euro ist so eine Ziege wert – ist sie trächtig, etwas mehr.

„Die Preise haben wir von unserem Kooperationspartner, der Police National, und dieses Wissen ist in Notsituationen unbezahlbar. Zahlt man das Geld nicht, kann es ungemütlich werden“, erklärt Köhn. Smalltalk mit Leutnant Moussa macht die zweieinhalbstündige Fahrt angenehmer. In der Nacht hat sich am Day ein Lkw mit Material für die Funkmastanlage auf dem Weg zum Gipfel festgefahren. „Eigentlich sollte die Firma das Material am Tag hochbringen, aber die machen, was sie wollen.“

Köhn bleibt gelassen. „Wenn wir ins Land fahren, haben wir immer einen Polizisten dabei als Dolmetscher und Vermittler. Die Polizei unterstützt uns, wo es nur geht.“ Nach langer Fahrt endet die gut ausgebaute Küstenstraße durch die Wüsten- und Vulkanlandschaft, und es geht auf einem Schotterweg hoch ins Gebirge. Die Hütten am Straßenrand werden traditioneller.

„So vier- bis sechsmal im Jahr müssen wir für mehrere Tage hier raus, dann schlafen wir bei den Affar, so heißt der Volksstamm hier, in ihren Hütten. Aber das ist eher die Ausnahme. Hotels gibt es hier draußen nämlich nicht“, sagt Köhn.

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Männer schaufeln eine Rampe, auf der der gabelstapler vom LKW gefahren wedren kann

Das Ergebnis stundenlanger Arbeit (Quelle: IMZ Bw/Bienert)Größere Abbildung anzeigen

Seine ganze Erfahrung einsetzen

Normalerweise bleibt Köhn im Polizeihauptquartier. Als Kfz-Meister und Prüfer berät er vor allem in einer Werkstatt. Sechs Tage die Woche, von Samstag bis Donnerstag, von sieben bis dreizehn Uhr arbeitet der 53-Jährige, so wie die Menschen in Djibouti. Diesen Teil seiner Arbeit mag Köhn besonders. „Mein Instandhalterherz schlägt höher. In Deutschland wird heute nur ausgewechselt. Hier wird repariert, so wie früher bei uns.“

In der Werkstatt kann er sein ganzes Fachwissen aus drei Jahrzehnten Berufserfahrung einsetzen. Köhn ist seit 1978 bei der Bundeswehr. Erst als Schirrmeister und Instandsetzungsgruppenführer im Panzerbataillon, dann als Kfz-Prüfer in einer Instandsetzungskompanie und Ausbilder an der Technischen Schule des Heeres in Aachen. Aber auch bei Projekten im Land setzt Köhn seine ganze Erfahrung ein – und seine ganze Geduld. „Ich passe mich an, denn hier ticken die Uhren anders. Nur manchmal werde ich ein wenig ungeduldig.“

Angekommen auf dem Gipfel sieht es schlimmer aus als gedacht. Der Lkw hat sich an einem Steilhang kurz vor dem Gipfel festgefahren. „Ein Wunder, dass der nicht umgekippt ist.“ Köhn macht Fotos, die Arbeit muss dokumentiert werden. „Den müssen wir später mit dem anderen Lkw, der schon auf dem Gipfel ist, rausziehen.“

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Köhn und Moussa laufen nebeneinander her über eine Schotterstraße

Oberstabsfeldwebel Köhn und Leutnant Moussa (Quelle: IMZ Bw/Bienert)Größere Abbildung anzeigen

Projekt: Lkw freibuddeln

Die Tagelöhner, die Köhn vom Büro aus organisiert hat, sind schon oben. Sie sollen einen Gabelstapler abladen und dann den festgefahrenen Lkw bergen. Statt der vereinbarten drei bis fünf Personen sind mindestens ein Dutzend Männer aus den umliegenden Dörfer hier und schaufeln eine Rampe auf. Köhn sagt dem Polizisten sofort, dass er so viele Leute nicht bezahlen wird. „Aber ich habe Verständnis für die Menschen, wir sind hier oben der einzige Arbeitgeber“, sagt er später.

Nach einigen Diskussionen einigt man sich auf eine faire Summe, die die Arbeiter unter sich aufteilen. Das Geld hat er dabei. „Ich bezahle immer gleich. Aber ich bekomme die Quittung erst später.“ Es gibt in dieser Verwendung zwar auch Bürokratie, aber viel weniger als in Deutschland. „Das Budget, dass man zur Verfügung hat, wird immer projektbezogen ausgegeben und der Leiter der Beratergruppe ist dafür verantwortlich.“ Nachdem der Gabelstapler Stunden später abgeladen ist, will Köhn gleich zum festgefahrenen Lkw. Aber es fehlt ein Abschleppseil.

Er hat in seinem Geländewagen zwar so viel Werkzeug wie in einer kleinen Werkstatt, aber so ein starkes Seil ist nicht dabei. Ein Tagelöhner hat ein Seil in seiner Hütte, sagt er. Köhn fährt mit ihm den Berg runter. Das Seil ist nicht da, dafür begrüßt er seine zahlreichen Ehefrauen und Kinder. Nach zwei Stunden, es ist bereits später Nachmittag, ist Köhn wieder auf dem Gipfel – ohne Seil. „Hier in Djibouti kann man sich viel vornehmen, das heißt aber nicht, dass das umgesetzt wird.“ In den nächsten Tagen wird Köhn einen neuen Versuch starten, den festgefahrenen Lkw zu bergen.

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Köhn und ein Einwohner heben ein Rohr

Oberstabsfeldwebel Köhn packt häufig mit an (Quelle: IMZ Bw/Bienert)Größere Abbildung anzeigen

»Acht Jahre Afrika sind genug.«

Die Mentalität der Menschen im Land ist manchmal ein Problem für Köhn. „Da helfen vor allem Gespräche mit den Kameraden vor Ort, die in der gleichen Situation sind, und manchmal Urlaub, so wie bei anderen auch. Aber wenn ich es hier nicht mögen würde, wäre ich nicht in Djibouti.“ Jetzt geht es erstmal zurück in die Hauptstadt. Denn ab etwa 14 Uhr läuft hier so gut wie gar nichts mehr, da benötigen die Arbeiter ihre Tagesration Khat.

Die pflanzliche Droge ist in Djibouti legal. Etwa 80 Prozent der männlichen Bevölkerung kauen täglich die Blätter des Rauschmittels. Für Köhn wird mit Auslaufen des Projektes Ende des Jahres auch seine Zeit in Djibouti vorbei sein. Er geht nächstes Jahr zurück nach Deutschland und dann in Rente. „Auf meine Familie freue ich mich am meisten“, sagt Köhn. Seine beiden Kinder sind wegen Ausbildung und Studium in Deutschland geblieben.

„Acht Jahre Afrika sind genug“, findet Köhn. „Aber so eine Verwendung als Beraterfeldwebel ist trotz aller Entbehrungen eine Herausforderung.“ Für ihn wird diese Zeit mit die schönste Aufgabe bei der Bundeswehr gewesen sein, da ist er sich sicher. „Hier habe ich das Gefühl, dass die Hilfe angenommen und umgesetzt wird. Die Leute wollen sich Wissen aneignen.“

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Wer kann Berater werden?
Beratergruppen-Dienstposten gibt es für Stabsoffiziere und Portepeeunteroffiziere, in einigen Einsatzländern auch für Fachdienstoffiziere.
Wie sieht die Ausbildung aus?
Bis zu neun Monate Sprachausbildung sind für jedes Land Pflicht. Aufgrund der technischen Beratertätigkeit ist eine technische Spezialausbildung für Maschinen und Verfahren nötig.
Welche Anforderungen gibt es?
Berater werden fast ausschließlich im Bereich Ausbildung oder Technik eingesetzt und müssen deshalb aus einer entsprechenden Verwendung kommen.

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Stand vom: 04.12.13 | Autor: Ronald Rogge


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