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Warten auf das nächste Gefecht

Nordafghanistan, 26.07.2012, Y-Magazin 08/2012.
Hauptmann Conny Udhardt war als Presseoffizier fünf Monate auch im OP North in Afghanistan stationiert. Sie kennt den dortigen Alltag und die Gefahren und will für Aufklärung sorgen.

Deutscher Soldat in Wüstenflecktarn sitzt an einer aus Holf zusammengebauten Drückbank

Improvisationstalent in Afghanistan (Quelle: Bundeswehr/H Udhardt)Größere Abbildung anzeigen

„Niemand weiß wirklich, was wir hier draußen leisten und was wir aushalten müssen“ – diese Worte habe ich während meines Einsatzes als Presseoffizier im Ausbildungsschutzbataillon Mazar-e-Sharif, stationiert auf dem OP North, gefühlte tausendmal von meinen Kameraden gehört. Verwunderlich, oder? Schließlich steht die Bundeswehr mittlerweile im zehnten Jahr des ISAF-Einsatzes, es gibt Reportagen über den OP North und sogar der eine oder andere Politiker war dort schon zu Besuch.

Aber beginnen wir mit den Grundlagen: Der Observation Point North (OP North) ist ein zirka zwei Quadratkilometer großes Lager der deutschen ISAF-Truppen, das etwa 120 Kilometer südwestlich vom PRT Mazar-e-Sharif und etwa 70 Kilometer südlich vom PRT Kunduz liegt. Mitten in der afghanischen Unruheprovinz Baghlan, wie ein Fort im Indianerland.

Der OP North erstreckt sich auf drei Plateaus über etwa 200 Höhenmeter und wurde 2010 erbaut. Im und um das Camp herum arbeiten etwa 700 Soldaten aus unterschiedlichsten Truppengattungen. Während meines Einsatzes vom August 2011 bis Januar 2012 wurde ein Großteil der Soldaten durch das Jägerbataillon 292 aus Donaueschingen und Truppenteile der 1. Panzerdivision, wie dem Panzergrenadierlehrbataillon 92 aus Munster, gestellt.

Neben Jägern und Panzergrenadieren sind auch Pioniere, Sanitätskräfte, Artilleristen, Fernmelder, Flugabwehrsoldaten, Aufklärer, Nachschieber, Feldjäger, Eloka-Soldaten sowie Soldaten der Operativen Informationstruppe hier im Einsatz.

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Soldat in voller Einsatzausrüstung vor afghanischer Wildnis

Außerhalb des OP ist Obacht geboten (Quelle: Bundeswehr/H Udhardt)Größere Abbildung anzeigen

Soldatenalltag

„Der Auftrag des Ausbildungs- und Schutzbataillons vom OP North sieht die Stabilisierung der Provinz Baghlan in Zusammenarbeit mit afghanischen Sicherheitskräften vor. Hierbei im Wesentlichen die Sicherung der LOC (Line of Communication) ‚Pluto‘ und ‚Uranus‘, zwei Hauptverkehrsstraßen aus Richtung Kunduz sowie Mazar kommend“, sagt der Kommandeur der Task Force, Oberstleutnant Peter Mirow.

Im Alltag heißt das dann, alleine oder mit den afghanischen Sicherheitskräften Patrouillen sowie Operationen im Feindgebiet fahren und die afghanische Polizei und Armee ausbilden. So weit so gut, wäre da nicht der puderzuckerfeine Staub, der in jede Lücke kriecht und sich nach Regen und Schnee in Schlamm verwandelt, der Schuhe, Waffen und Gerät verklebt.

Man schwitzt bei sengender Sonne und Temperaturen von 50 Grad und friert einige Wochen später bei minus 15 Grad und Dauerschneefall. Leben und Schlafen spielen sich zu acht in etwa 20 Quadratmeter großen Zelten ab. Davon hören einige Soldaten vorher, die Realität ist hart. Stabsgefreiter Marlon Klein* sagt: „Man hat wenig Platz für sich selbst. Kleinere und größere Probleme entstehen und man kommt sich ziemlich nahe, näher als man manchmal möchte.“

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass dies auch für das tägliche Duschen galt. So mussten wir von August bis November zum Duschcontainer nicht nur 200 Höhenmeter überwinden, sondern Frauen und Männer duschten phasenweise zusammen. Die Soldatenlösung: ein zusätzlicher, selbst konstruierter Duschbereich im Freien. Anfangs war es sogar noch spartanischer.

„In den ersten Wochen hatten wir kein fließend Wasser“, erinnert sich Klein. Ebenso standen einem Teil der Soldaten zuerst lediglich Dixi-Toiletten zur Verfügung. „Zeitweise mussten wir 250 Meter durch Staub oder Schlamm zum Dixi laufen“, erzählt Hauptfeldwebel Marcel Müller*, Zugführer in der 2. Kompanie.

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Deutsche Soldaten und Afganen essen gemeinsam an einem Tisch

„Eschtehaaje chubb“ (Dari: Guten Appetit)! (Quelle: Bundeswehr/H Udhardt)Größere Abbildung anzeigen

Einfaches Essen fern der Heimat

Auch das Essen entspricht keinem Hilton-Standard. Zum Frühstück gab es aufgetautes Brot und Wurst sowie Aufstrich und Cornflakes. Eintönig, jedoch sättigend und manchmal durch Einfallsreichtum des Nachschubbereiches oder den Spieß mit Obst angereichert. Mittagessen heißt hier EPA-Essen. Und von der Zwei-Dosen-Regelung hatten wir gehört, gesehen haben wir keinen einzigen Tropfen Alkohol. Der war im gesamten Einsatzzeitraum tabu.

Logisch, dass da auf einem Staubhügel kein Fünf-Sterne-Hotel steht – doch die Unannehmlichkeiten wiegen umso schwerer, wenn die Kommunikation nach Hause nicht funktioniert. Phasenweise war kein Internet verfügbar, skypen fast unmöglich, Telefonieren zeitweise eingeschränkt und Post kam nur über die stark wetterabhängigen Land- und Lufttransporte. Was aber kein Wunder ist, denn jeglicher Nachschub, selbst Wasser, musste aus Mazar beschafft werden, da der OP keine eigene logistische Basis hat.

Im November 2011 verbesserte dann ein Umbau das Leben der Soldaten: Zusätzliche Dusch- und Toilettencontainer wurden aufgestellt, ein großes Gemeinschaftsverpflegungszelt aufgebaut, die Telekommunikationsanlagen verbessert. Aber der OP-Alltag besteht nicht nur aus Duschen, Essen und Telefonieren.

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Soldat (nur Beine und Unterleib sind sichtbar) sitzt im Dreck auf dem Boden, neben ihm liegt das MG

Schon die Ausrüstung tragen ist Schwerstarbeit (Quelle: Bundeswehr/H Udhardt)Größere Abbildung anzeigen

Das erste Gefecht

Das Mittagsgebet ist gerade verstummt. 30 Soldaten des Echo-Zuges befinden sich seit zwei Stunden auf Fußpatrouille in der Nähe der Khel-Dörfer, einem Rückzugsraum für Aufständische. Die Sonne brennt, es ist verdammt heiß. Als der Zug die Anhöhe neben der Ortschaft erreicht, knallt es plötzlich mehrfach. „Wir werden beschossen!“ Maschinengewehrfeuer und „Small arms fire“ der Aufständischen prasseln auf die Patrouille ein. RPGs (Rocket Propelled Grenades) schlagen wenige Meter neben den Soldaten ein.

Sofort werfen sich alle in Deckung. „Ein paar Minuten wurden wir durch den Feind niedergehalten. Dann haben wir die Feuerüberlegenheit hergestellt und der Feind wich aus. Parallel wurde die Reserve, der Foxtrott-Zug, herangeführt. Nach etwa 20 Minuten waren sie da, und wir griffen mit zwei Jägerzügen die Feinde in der Ortschaft an“, berichtet Oberleutnant Sebastian Hall*, Zugführer des Echo-Zuges. Von weitem hört man schon F16-Kampfjets anrauschen zum „Show of force“-Flug über die Köpfe des Feindes.

Die neuen GTK (Gepanzertes Transport-Kraftfahrzeug) Boxer des Echo-Zuges stehen gefechtsbereit vor der Ortschaft, um ausweichende Feinde aufzufangen. Der Gegner wird derweil über Gräben bis zum Baghlan-River getrieben. Dort setzt er über und flieht. „Das erste Gefecht dauerte sieben Stunden, die uns vorkamen wie eineinhalb Stunden“, erzählt Hall.

„Es war der absolute Adrenalinschub. Null Ermüdung. Immer wieder schoss der Gegner auf uns. Dann Pause. Alle waren fokussiert, voll dabei und alles hat funktioniert. Saubere Ansprachen wie im GÜZ (Gefechtsübungszentrum). Man musste sich aber immer wieder dran erinnern, dass das real ist und nicht eine GÜZ-Übungssituation.“

Jeder verarbeitet sein erstes Gefecht anders. „Ja, ja, alles klar“, erklärt Stabsgefreiter Klein bei einem Telefonat der Familie die Lage und sagt: „Die Familie muss nicht alles mitbekommen, solange man sich im Krieg befindet. Sie sollen sich nicht noch mehr Sorgen machen.“

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Panzerhaubitze 2000 hinter einem Wall aus Schüttgutkörben feuert auf ein weit entferntes Ziel

Die Panzerhaubitze 2000 im OP North (Quelle: Bundeswehr/H Udhardt)Größere Abbildung anzeigen

Schnelle Hilfe nach einem Selbstmordanschlag

6. November 2011, morgens. Ein Funkspruch: „Ein Selbstmordanschlag auf afghanische Sicherheitskräfte in der Nähe von Baghlan.“ Am Nachmittag erhält die TOC (Tactical Operation Cell) einen Anruf. Die überforderten Mitarbeiter der Klinik in Baghlan melden einen Massenanfall an Verletzten und bitten die Task Force um Hilfe. Nach einer raschen Lagebewertung setzen sich zwei BATs (bewegliche Arzttrupps), zwei Rettungstrupps und eine Force Protection aus zwei Zügen (Delta, Foxtrott) in Richtung der Klinik in Bewegung.

Bei unserer Ankunft in der Klinik sehen wir die Erleichterung der afghanischen Sicherheitskräfte. Die Soldaten der Task Force verstärken die Sicherung in der Klinik und um sie herum, gefasst darauf, dass ein zweiter Angriff auf dieses Sammelziel stattfinden kann. Die zwölf Sanitäter beginnen mit der Rettungsarbeit. Enge Flure, vier Patientenzimmer, drei mal drei Meter groß mit drei bis vier Betten darin, kein Licht, nur kleine Fenster. Überall klagende und blutverschmierte Menschen.

„Wir wussten nicht, was uns erwartet. Nachdem der Arzt die Zimmer der Klinik gesichtet und die Patienten in Kategorien eingeteilt hatte, wussten wir schon, dass wir einigen nicht mehr helfen können“, erinnert sich Hauptfeldwebel Henning Jahn*, Rettungsassistent im dritten ISAF-Einsatz. Patienten mit Splitterverletzungen, Verbrennungen, Schädel-Hirn-Traumata, schweren Blutungen und Brustkorbverletzungen.

Unter ihnen ist auch ein schwer verletzter Afghan National Police-Führer. „Er hatte arterielle Blutungen im linken Leistenbereich und musste nach Mazar geflogen werden, um ihn in unserem Feldlazarett zu behandeln“, sagt Jahn. Dadurch konnten auch zwei afghanische Kinder mit ausfliegen. „Alle sind auf dem Weg der Genesung. Wenn so etwas passiert, bin ich unendlich dankbar, dass ich meine Frau habe, die mir immer zur Seite steht. Ich weiß nicht, was ich ohne sie machen würde“, sagt Jahn.

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Infografik zeigt einen Ausschnitt aus der Landkarte im Norden Afgabistans mit den Distrikten Baghlan, Pol-e-Khomri und Gahana-i-Ghori

Der OP North liegt an der wichtigen LOC Pluto (Quelle: Y/KircherBurkhardt Infografik)Größere Abbildung anzeigen

Der IED-Moment

Der Alpha-Zug patrouilliert auf dem Feldweg zum COP (Combat Outpost) C1. Noch etwa zwei Kilometer müssen nach versteckten Sprengfallen abgesucht werden. Die „Sucher“ gehen voran, danach folgen die Sicherungssoldaten und der Zugführer, Oberleutnant Matthias Blum*, mit seinem Funker. Die Pa­trouille kommt zum Stillstand. Der Funker wirft einen flüchtigen Blick über den Boden und ist verdutzt.

„Oberleutnant, was ist denn das?“ Er zeigt auf eine orangefarbene Schnur, die wenige Zentimeter neben ihnen vergraben ist. Geistesgegenwärtig nennt Blum das Codewort – und jeder weiß, was zu tun ist. Die vorderen Teile gehen in die Sicherung des Fundortes über. Der Funker und der Zugführer entfernen sich vom Fundort. Die rückwärtigen Fahrzeuge errichten einen Roadblock und sichern.

Keiner weiß, welche Art IED (Improvised Explosive Device) dort vergraben liegt. Sitzt irgendwo ein Spotter, der bereit ist, die IED zu zünden oder ist es der Anfang eines Gefechts? Der EOD (Explosive Ordnance Disposal) räumt das IED. Das dauert, denn wir stehen auf einer „Pressure Plate“ (Druckplatte) als Auslöser für 30 Kilogramm Sprengstoff, die wenige Sekunden später durch einen Dingo ausgelöst worden wäre.

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Hochachtung vor der Leistung der Soldaten

Der Dienst im OP North ist eine Aneinanderreihung von schockierenden Erlebnissen – wie dem gezielten Kopfschuss auf einen Bauarbeiter in seinem Lkw innerhalb einer Patrouille. Der Afghane sollte für die Task Force einen COP mit aufbauen. Auf der anderen Seite berichten die Soldaten auch von schönen Erlebnissen, zum Beispiel bei den Arztsprechstunden für Afghanen oder bei der Hilfsgüterverteilung. Und selbst simple Dinge wie Obst lösen Glücksgefühle aus. „Trauben, Melonen, Äpfel, Pflaumen. Nach über vier Wochen ohne kann dies einen schon glücklich machen“, sagt Hauptfeldwebel Martin Muth*.

Darüber hinaus gehört selbstverständlich Post zu den Highlights für die Soldaten des OP North. „Post ist das Wichtigste. Ich habe mal ein Paket von meiner Frau erhalten, mit einem Kissen mit ihrem Bild drauf. Das war einfach unbeschreiblich toll“, erzählt Stabsgefreiter Patrick Brück*. OP North bedeutet ständige Lageänderungen, schwierige Lebensbedingungen, Flexibilitätszwang, Tage der Langeweile und Tage, an denen Höchstleistungen gefordert werden.

Deshalb unterstreicht Kommandeur Oberstleutnant Mirow: „Ich bin nicht nur stolz auf meine Soldaten, ich habe Hochachtung vor den erbrachten Leistungen, mit wie viel Geduld und Selbstverständlichkeit diese den strapazierenden Einsatz ertragen. Wie hoch die Professionalität, körperliche Leistungsfähigkeit und Kreativität ist.“

Hauptmann Sascha Bosch*, Kompaniechef der 2. Kompanie der Task Force, lobt besonders seine jungen Zugführer, die gerade aus dem Studium gekommen sind, dann gleich in den Einsatz in den OP North gingen und eine derartig anspruchsvolle Aufgabe so beeindruckend erfüllen. „Ich bin aber natürlich stolz auf alle meine Soldaten. Besonders auf die, die sich zu Leistungsträgern gemausert haben, bei denen man das nicht vermutet hatte.“

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Porträt von Oberstleutnant Richard Verfers

Oberstleutnant Richard Verfers (Quelle: Y/Bucurescu)Größere Abbildung anzeigen

»Meister der Improvisation«

Oberstleutnant Richard Verfers (52) arbeitet in der Projektgruppe „Einsatzarmee“ im Militärgeschichtlichen Forschungsamt.

Was ist ein Observation Point?
Infrastrukturell betrachtet ist es eine provisorische Unterbringungsmöglichkeit, die in der ersten Zeit mit den Mitteln der Feldlagerpioniere hergerichtet wird.

Wie unterscheidet sich der OP von anderen Feldlagern?
Im taktischen Auftrag. PRTs haben einen umfangreicheren Auftrag, wie etwa Unterstützung und Versorgung. Sie sind daher größer angelegt als Außenposten mit Kampfauftrag.

Wie ist die Ausstattung?
Der Komfort ist sehr unterschiedlich – von kata­strophal bis hinnehmbar. Wie kommt das? Die Geschichte jedes Außenpostens ist anders: Entwicklung, Auftrag, Mittel und persönliche Bewertung der Vorgesetzten spielen eine Rolle. Am Anfang ist oft die Truppe im Einsatz zuständig und die behilft sich mit einfachen Mitteln, wenn es sein muss, mit einem Zwei-Mann-Zelt. Das Leben im Felde macht den Soldaten oft mehr Spaß als das in den großen Lagern wie Mazar-e-Sharif. Hier haben sie die Freiheit kreativ zu sein. Hanteln, aus Wasserflaschen gebaut, können auch stolz machen. Es entsteht ein „Wir-Gefühl“. Soldaten sind Meister im Improvisieren.

Können Sie manchen Ärger der Soldaten nachvollziehen?
Ja, kann ich. Es kommt aber darauf an, wen man fragt. Die ersten Kontingente genießen ja besonders die Freiheit, die sie haben, selbst wenn die Bedingungen menschenunwürdig sind. Die Faustregel ist, je länger und je mehr Soldaten in einem Einsatz sind, desto höher werden die Ansprüche.

*Name zum Schutz der Kameraden geändert.

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Stand vom: 04.12.13 | Autor: Conny Udhardt


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