»Falsche Kontaktaufnahme kann die Frauen das Leben kosten.«
Afghanistan, 07.02.2012.
Major Linda Johansson ist die erste Beraterin des Kommandeurs im RC North im Gender-Bereich. Zusammen mit der Amerikanerin Captain Andrea Tobey kümmert sie sich um die Koordination der Female Engagement Teams.

Was genau ist Ihre Aufgabe hier?
Die Arbeit in Sachen Female Engagement ist ein Auftrag, der uns von der übergeordneten Führung, dem Befehlshaber von ISAF, erteilt wurde. Female Engagement soll die Regierung Afghanistans (Government of Afghanistan – GOA) unterstützen. Zusammen mit Captain Andrea Tobey von der 1st Aviation Cavalry Brigade der US-Streitkräfte kümmere ich mich um die Koordination der Female-Engagement-Teams im RC North.
Auf operativer Ebene bedeutet Female Engagement sicherzustellen, dass bei allen Bemühungen die gesamte Bevölkerung – Frauen, Männer, Jungen und Mädchen – beteiligt ist beziehungsweise davon profitiert. Manchmal stehen diejenigen, die formal die Macht innehaben, im Mittelpunkt unseres Interesses. Das sind zu einem sehr hohen Anteil Männer. Aber dabei identifizieren wir auch wichtige weibliche Persönlichkeiten. Eine weitere unserer Aufgaben ist, sexuellen Missbrauch aufzudecken, wie zum Beispiel den Menschenhandel mit Jungen, der weit verbreitet ist. Der Begriff „Female Engagement“ ist deswegen etwas irreführend.
Worin liegt der Nutzen für ISAF?
Durch das Female Engagement werden die Soldaten von der Bevölkerung besser akzeptiert. Die Jungen und Mädchen sehen, dass ihre Eltern einbezogen werden, und dass man auf die richtige Weise Kontakt mit ihnen aufnimmt. In Ländern wie Schweden oder Deutschland könnte jeder unsere Aufgaben machen. In Afghanistan kann es Frauen das Leben kosten, wenn ein männlicher Kamerad sie stoppt und Fragen zur falschen Zeit oder am falschen Ort stellt, ohne die Erlaubnis eines männlichen Familienmitgliedes zu haben.
Wenn wir Zugang zu den Afghaninnen wollen, ist es nötig, Soldatinnen dafür einzusetzen. Ein weiteres Beispiel sind Durchsuchungen: In Europa ist es weitgehend akzeptiert, dass eine Frau einen Mann durchsucht – in Afghanistan ist das völlig unangemessen. Genauso spielt das Alter eine wichtige Rolle, um Zugang zur lokalen Bevölkerung zu bekommen – man denke an einen alten Mullah, der mit einem jungen Major oder Hauptmann sprechen soll. Der Mangel an interkultureller Kompetenz und falsches Verhalten kann leicht vom Gegner medial ausgeschlachtet werden.

Welchen Mehrwert erhofft sich ISAF speziell aus dem Gespräch mit Frauen?
Man kann nicht davon ausgehen, dass die Afghanen ihre Frauen selber ausreichend informieren. Wir möchten sicherstellen, dass auch die Frauen über grundlegende Informationen verfügen. Sie sollen beispielsweise Kenntnis erhalten über ISAF-Aktivitäten in der Region oder die unterschiedlichen Verantwortlichkeiten der verschiedenen Sicherheitskräfte, wie ISAF, die afghanische Armee und Polizei.
Zudem ist der Austausch wichtig, um Ängste abzubauen und Verständnis für militärische Maßnahmen wie Durchsuchungen oder den Einsatz von Hubschraubern zu generieren. Letzterer hatte beispielsweise bei den Afghaninnen großen Unmut verursacht, da sie sich aus der Luft beobachtet fühlten. Frauen wirken zudem als Multiplikator, weil die Kinder die meiste Zeit mit den Müttern verbringen. Wenn eine Frau ungebildet ist und über keinerlei Informationen verfügt, führt das dazu, dass sie ihre Kinder weder beeinflussen noch darin unterstützen kann, sich ein weiter gefasstes Bild von Afghanistan und der Welt zu machen oder sie zum Lernen oder Studieren zu bewegen.
Wir haben beispielsweise junge afghanische Polizisten befragt, ob sie diesen Beruf ergriffen hätten, wenn ihre Mutter ihnen dringend davon abgeraten hätte. 85 Prozent erklärten, dass sie dem Rat ihrer Mutter gefolgt wären. Wenn man also Einfluss auf Frauen hat, wirkt sich dies auf jeden Fall auf die weitere Entwicklung in diesem Gebiet aus.
Wie bilden Sie Ihre Teams aus?
In der Einsatzvorbereitung handhaben die Staaten das unterschiedlich. Das U.S. Marine Corps beispielsweise bildet rein weibliche Teams aus, wir Schweden und unsere norwegischen Kameraden sowie die Deutschen bilden bewusst gemischte Teams aus, weil wir die Erfahrung gemacht haben, dass rein weibliche Teams oft Probleme haben. Auf dem Land muss strikt die Hierarchie eingehalten werden. Sie müssen sich erst an den Mullah oder den Malik wenden, bevor Sie mit weiblichen Dorfältesten sprechen können.
Das ist enorm wichtig, um negatives Aufsehen für diese Frauen und die Truppe zu vermeiden. Um sicherzustellen, dass die ISAF-Anforderungen erfüllt und alle auf dem gleichen Kenntnis- und Wissensstand sind, gibt es eine nationenübergreifende einwöchige Ausbildung. Darin lernen die Teilnehmer, wie Dolmetscher eingesetzt und Gespräche geführt werden und was Nachrichtenbeschaffung und -gewinnung ist. Die Ausbildung wird vierteljährlich unter Einbeziehung der Erfahrungen in dieser Zeit fortgesetzt.

Sind Sie bei bestimmten Problemen persönlich betroffen?
Natürlich. Es gibt viele schwierige Dinge, gegen die wir kämpfen. So kommen Frauen zu uns, die medizinische Hilfe für ihre schwerkranken Kinder benötigen. Wir wollen das Leid der Frauen und Kinder lindern und ihnen das geben, was sie dringend brauchen – sei es durch Spenden aus der Heimat oder aus unseren Mitteln. Aber langfristig kann es nicht die Lösung sein, ins Lager zurückzufahren und ihnen Medikamente zu bringen. Dies führt zu keiner nachhaltigen Veränderung.
Was ist der bessere Weg?
Wir müssen im Rahmen des Key Leader Engagements so lange auf die Provinz- und Zentralregierung einwirken, bis sie in die Dörfer gehen und sich dieser Sorgen annehmen. Nur das führt zu einer langfristigen Lösung der Probleme des Landes. Das ist unsere Hauptaufgabe, denn wir sind oft die einzigen, die tagelang in die entfernten Dörfer fahren und dort Informationen von den Frauen bekommen und weiterleiten.
Letztendlich wollen wir den Gouverneur unterstützen, indem wir immer wieder Kontakt mit der Bevölkerung aufnehmen und sicherstellen, dass die Probleme bekannt sind. Wir müssen auch sicherstellen, dass wir lange genug vor Ort sind und den Einsatz an die spezifischen Bedingungen in der jeweiligen Provinz anpassen. Denn bei diesem speziellen Thema muss man wirklich die Unterschiede zwischen den Provinzen kennen. Sie sind riesig. Es ist fast, als ob man unterschiedliche Länder miteinander vergleicht.

