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Du sollst nicht töten

So lautet das fünfte Gebot. Wie verträgt sich das mit dem Beruf des Soldaten? Mit dem Auftrag der Bundeswehr? Wie gehen die katholische und die evangelische Kirche mit diesem Dilemma um? Y über einen schwierigen Spagat.

Bundeswehrsoldat mit G36 als Kirchenfenster

Im Spannungsfeld von Religion und Militär (Quelle: Y-Magazin)Größere Abbildung anzeigen

„Nichts ist gut in Afghanistan.“ Das Zitat stammt von Margot Käßmann, der ehemaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Selbstverständlich sei dieser Satz aus ihrer Neujahrspredigt 2010 auch in der katholischen Militärseelsorge heftig diskutiert worden, erinnert sich Militärgeneralvikar Walter Wakenhut. Nur stimme er für sich genommen nicht. Denn die deutschen ISAF-Kräfte leisteten in Afghanistan unter dem Aspekt des Gemeinwohls gute Arbeit.

„Jetzt gibt es Bildung für Frauen, Mädchen können in die Schule gehen und auch die medizinische Versorgung ist in weiten Teilen sichergestellt“, sagt Wakenhut. Allerdings diskutierten Soldatinnen und Soldaten heute auch, was denn aus den Früchten der Aufbauarbeit eigentlich werde, wenn die Bundeswehr bis 2014 abgezogen sei. Die Kritik mancher Hilfsorganisationen, die Verquickung von militärischer Präsenz und ziviler Hilfe sei schädlich für das Vertrauen bei der afghanischen Bevölkerung, kann Wakenhut nicht verstehen. „Ohne militärischen Schutz könnten auch die Nichtregierungsorganisationen (NGO) in Afghanistan kaum operieren.“

Die Aufgabe der katholischen Kirche sei es, die Soldatinnen und Soldaten zu begleiten, allerdings nicht als Psychologen, Mediziner oder Sozialarbeiter, sondern als Seelsorger. Nicht um ein nächstes Gefecht vorzubereiten, sondern damit die Seele Ruhe fände. „Es geht um die privaten Sorgen fernab der Heimat, aber auch um Gewissensnöte bei eventuellem Schusswaffengebrauch“, erzählt Militärgeneralvikar Wakenhut.

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Gibt es einen gerechten Krieg?

Zwar wird die Arbeit der Militärseelsorge zum großen Teil vom Bundesverteidigungsministerium finanziert, die Geistlichen verstehen sich aber nicht als Teil des militärischen Apparates. Deshalb tragen sie im Feldlager auch keine Uniformen, sondern lediglich eine Schutzkleidung ohne Rangabzeichen. Die Kirche sei nicht dazu da, ein militärisches Mandat als richtig oder falsch einzustufen, sagt Wakenhut. Das sei Aufgabe des Parlaments.

„Die Bundeswehr darf sich natürlich nie an einem Angriffskrieg beteiligen. Die Einsätze finden auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland statt. Da sind wir aber in guten Händen.“ Seit 2007 gilt die Denkschrift des EKD-Rates „Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen“, seit 2000 das Hirtenwort zum „Gerechten Frieden“ der katholischen Bischöfe.

Beide Dokumente distanzieren sich von der mittelalterlichen Lehre des Thomas von Aquin (1225-1274) von einem „gerechten Krieg“. Es geht heute um ein vorausschauendes, sozial gerechtes Handeln in der Welt, um Konflikte zu vermeiden, statt sie im Nachhinein mit Waffengewalt lösen zu wollen. Der Militäreinsatz darf danach immer nur das allerletzte Mittel sein, wenn alle friedlichen Möglichkeiten ausgeschöpft sind.

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Links das Kreuz der evangelischen Militärseelsorge, rechts das Symbol der katholischen Glaubensbrüder

Militärseelsorge, Glaubensbrüder (Quelle: Y-Magazin)Größere Abbildung anzeigen

Tragbare Antworten auf dringende Fragen

Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière kritisierte diese Haltung vor kurzem. Er fragte, was passiere, wenn die Anstrengungen zum gerechten Frieden scheiterten. Wenngleich es keinen „gerechten“ Krieg gebe, so könne dieser unter bestimmten Voraussetzungen gerechtfertigt sein. International gelte die „Responsibility to protect“, also die Verantwortung, für den Schutz der Bevölkerung vor Völkermord und Menschenrechtsverletzungen zu sorgen.

„Der Minister hat recht. Die Kirchen müssen auf diese dringenden Fragen tragbare Antworten geben, ob nun zu Afghanistan oder aktuell zu Syrien. In den nächsten Jahren wird uns ganz sicher auch Afrika beschäftigen“, sagt der Militärgeneralvikar. Die evangelische Kritik am Afghanistaneinsatz fällt eindeutiger aus. Die Bundesregierung müsse „die Arbeit der zivilen Friedenskräfte der Regierungen und den Beitrag der Entwicklung und der humanitären Hilfe dienenden Nichtregierungsorganisationen quantitativ und qualitativ verbessern“, so eine EKD-Erklärung vom Januar 2010.

Es gehe um „die Sicherheit der Bevölkerung durch polizeilichen Schutz und ein funktionierendes Rechtssystem, den Aufbau einer Wirtschaft, die nicht auf Krieg und Rauschgiftproduktion angewiesen ist, die Integration von Bevölkerungsgruppen, die von den Taliban abhängig sind, und die Anbahnung von Gesprächen mit den Taliban selbst.“

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Was macht die Militärseelsorge?
Sie ist der von der Kirche geleistete, vom Staat unterstützte Beitrag zur Sicherung der freien religiösen Betätigung in den Streitkräften. Gerade in den Auslandseinsätzen gibt die Einsatzseelsorge den Soldaten Halt.
Was ist mit anderen Religionen?
Soldatinnen und Soldaten anderer Glaubensrichtungen werden auf überkonfessioneller Basis durch katholische und evangelische Militär­seelsorger individuell unterstützt.
Was leisten die Geistlichen?
Gerade in belastenden Situationen ist es für Soldaten wichtig, einen Menschen in ihrer Nähe zu haben, dem sie sich anvertrauen können. Militärseelsorger können beraten und so wertvolle Hilfe leisten.

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Ein sicherheitspolitisches Gesamtkonzept für Bundeswehreinsätze

Der Bundeswehreinsatz könne anhand der friedensethischen Kriterien weder eindeutig gebilligt noch abgelehnt werden. Ein bloßes „Weiter so“ würde dem militärischen Einsatz in Afghanistan die Legitimation entziehen. Frieden müsse gestiftet, also geschaffen werden, und das in erster Linie mit zivilen Mitteln. „Natürlich steht die Militärseelsorge an der Seite der Soldatinnen und Soldaten“, betont der evangelische Militärbischof Martin Dutzmann.

Aber Seelsorge bedeute für ihn auch, die Beantwortung dringender politischer Fragen nicht nur zu diskutieren, sondern einzufordern. Neben den Problemen, die die lange Trennung von den Angehörigen bereitet, werfe die neue Einsatzstrategie der Bundeswehr im Ausland auch grundlegende ethische Fragen auf. Deshalb hätten die deutschen Soldatinnen und Soldaten einen Anspruch darauf zu erfahren, für welche Zwecke die Bundesrepublik Deutschland ihre Streitkräfte einsetzen wird, und für welche eben nicht.

Diese Frage sei nach dem Ende des Kalten Krieges immer noch nicht klar beantwortet. „Erst seit der Bombardierung zweier gestohlener Tanklastzüge bei Kunduz 2009 ist der Öffentlichkeit klar, dass deutsche Soldaten in Ausführung ihres Auftrags kämpfen und töten“, sagt Dutzmann. Angesichts der damit verbundenen moralischen und seelsorgerlichen Fragen müsse es endlich ein sicherheitspolitisches Gesamtkonzept für Bundeswehreinsätze im Ausland geben, fordert der Leutnant der Reserve.

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Für eine zivile Mandatierung

Der Friedensbeauftragte der EKD und leitende Geistliche der Bremischen Evangelischen Kirche Renke Brahms monierte 2011 nach einer Afghanistanreise gegenüber dem Pressedienst der EKD, die Mandatsverlängerung im Deutschen Bundestag sei wieder eine „rein militärische“ gewesen.

Neben der offiziellen militärischen hielt er auch eine offizielle zivile Mandatierung für angemessen. Der Pfarrer äußerte große Zweifel, ob die neue, deutlich offensivere Strategie der ISAF-Truppen mit der bisherigen Ausrichtung der evangelischen Kirche in Einklang zu bringen sei. Brahms forderte, die erheblichen finanziellen Mittel, die nach dem Abzug des deutschen Militärs 2014 frei würden, den Menschen in Afghanistan in Form von Entwicklungshilfe zugutekommen zu lassen.

seelsorger
Recht
Für beide Kirchen besteht seit 1957 das „Gesetz über die Militärseelsorge“. Es sieht vor, dass die Geistlichen im Einsatz der Bundeswehr nicht direkt unterstehen. 2002 wurde darüber hinaus festgeschrieben, dass die Seelsorger der Kirche und nicht dem Staat unterstellt sind.
Aufgaben
Neben dem Abhalten von Gottesdiensten und der privaten Fürsorge gehören dazu auch Taufe und Konfirmation beziehungsweise die Spendung der Sakramente. Außerdem werden regelmäßig Rüstzeiten und Pilgerfahrten organisiert.
Belegschaft
Für die evangelische Seelsorge arbeiten etwa 200 Pfarrer und Pfarrhelfer. Die katholische Seelsorge unterhält insgesamt 94 Militärpfarrämter.

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Stand vom: 04.12.13 | Autor: Thomas Klatt


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