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Arbeit für die Engel

Gummersbach, 20.09.2012, Y-Magazin Spezial 09/2012.
Sie nennen sich selbst bereits „Schutzengel-Werkstatt“: Eine Grundschulklasse aus Gummersbach malt Schutzengel auf Papier für Soldaten in Afghanistan. Im Camp Marmal zieren die bunten Bilder bereits ganze Wände. Und die Soldaten wollen immer mehr davon.

Kinderhände schneiden Bilder von Schutzengeln aus

Alle Schutzengel werden von den Kindern gestaltet (Quelle: Wilhelm Leisten-Lorent)Größere Abbildung anzeigen

Hochkonzentriert sitzt Emilie vor einem Blatt Papier und schreibt in bester Schönschrift. Schließlich sollen die Soldaten ihre Wünsche entziffern können: Dass der Generalmajor Pfeffer es schaffen möge, gut mit den Afghanen zu verhandeln, schreibt die Erstklässlerin, damit in Afghanistan nicht mehr so viele Kinder von „den Bösen“ angegriffen werden.

Die Zeilen sollen den bunten Schutzengel begleiten, den sie schon fertig gemalt hat. In ein paar Tagen beginnen die Sommerferien, doch in der „Schutzengel-Werkstatt“ an der Gemeinschaftsgrundschule Bernberg in Gummersbach wird noch auf Hochtouren gearbeitet: Die letzten Schutzengelbilder müssen fertig werden, sie sollen möglichst bald das Feldlager Camp Marmal bei Mazar-e-Sharif erreichen. Die Mädchen und Jungen der 1b sind bereits Profis. Wie viele der bunten Bilder sie in ihrem ersten Schuljahr schon gemalt hat, kann Joyce gar nicht mehr nachzählen. Sechs, sieben?

Egal, meint die Siebenjährige, es gehe darum, dass die Soldaten ihre Unterstützung spüren: „Ich denke, dass sie dort in ständiger Angst leben“, sagt sie. Umso wichtiger sei es, ihnen ein bisschen Freude und auch Mut zu machen. „Ich male das, wovon ich denke, dass es den Soldaten gefällt: Dass sie bald wieder nach Hause zu ihren Familien zurückkehren können, dass bald kein Krieg mehr in Afghanistan ist.“

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Von einem Kind gemaltes Bild eines Schutzengels über Berglandschaft mit Kasernen und Panzern

Die Kinder malen Schutzengel für die Soldaten (Quelle: Wilhelm Leisten-Lorent)Größere Abbildung anzeigen

Die Schutzengel erreichen ihr Ziel

Tischnachbar Daymien hat ganz praktische Wünsche für die Soldaten: Es soll mehr regnen in Mazar-e-Sharif, und dass keiner „von einer Kamelspinne gebissen wird.“ Auch er glaubt, dass die Soldaten Angst haben, und er weiß: „Einige sind schon erschossen worden.“ Max wünscht ihnen gutes Essen, „nicht immer nur Nudeln, auch mal Obst“, und er weiß auch um die Not der Bevölkerung. Seine Schutzengel, sagt er, seien auch für die afghanischen Kinder und Erwachsenen zuständig.

Dass ihre Werke ihr Ziel tatsächlich erreichen, wissen die Kinder. „Die Soldaten schreiben uns oft sehr, sehr schöne Briefe“, erzählt die kleine Giulia, und tatsächlich: Die Dankesbriefe der Soldaten füllen inzwischen einen ganzen Ordner, sorgsam abgeheftet von Lehrerin Mechthild Sülzer. Von ihr stammt die Idee des Projekts. Sie hörte auf Radio Andernach ein Interview mit Soldaten, die in Afghanistan im Einsatz waren. Ein Satz sei ihr danach nicht mehr aus dem Kopf gegangen: „Man hat uns hier fast vergessen“, habe ein Soldat geklagt. „Da war mir klar“, strahlt die 59-Jährige heute, „wir machen Schutzengel für Afghanistan.“

Hilfreich war hier der Kontakt zu einem Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Klaus-Peter Flosbach. Begeistert von der Idee, nimmt er die Bilder mit nach Berlin und gibt sie Thomas Kossendey, dem Parlamentarischen Staatssekretär im Verteidigungsministerium. Als Kossendey im Juli 2011 ins Flugzeug nach Mazar-e-Sharif steigt, befinden sie sich in seinem Koffer. Einen Tag später haben die Werke der Kinder ihren Platz im Camp Marmal gefunden – an der Wand im Eingang der deutschen Kantine. „Einige Tage später bekam ich in der Pause einen Anruf“, erinnert sich Mechthild Sülzer. In der Leitung war Militärpfarrer Andreas Vogelmeier, direkt aus dem Camp Marmal, er wollte sich gleich persönlich für die Schutzengel bedanken.

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Von einem Kind gemaltes Bild eines Schutzengels über eine bunten Blumenwiese

Die Soldaten und Soldatinnen sagen danke (Quelle: Wilhelm Leisten-Lorent)Größere Abbildung anzeigen

Die Soldaten sagen danke

Bald treffen auch die ersten Briefe von Soldaten ein. Er habe Tränen in den Augen gehabt, schreibt ein Hauptfeldwebel: „Dass jemand an uns denkt, gibt uns die Hoffnung, die wir brauchen, um Kraft zu tanken.“ Viele schreiben, sie holten sich jedes Mal Mut bei den Schutzengeln, bevor sie das Camp verlassen. Andere legen Fotos aus Afghanistan dazu, von ihrem Camp oder von sich selbst vor den Bildern der Kinder.

Für die Lehrerin ist klar: Die Aktion muss weitergehen. Schon bald wird wieder gemalt, geschnippelt und gebastelt in der 1b – ein Adventskalender für die Soldaten entsteht. Wieder springen Flosbach und Kossendey als bereitwillige Transporthelfer ein, pünktlich zum ersten Dezember hängt der Kalender in der Kantine des Camps. Und immer wieder treffen Dankesbriefe an die Schüler in der Grundschule ein, oft verbunden mit der Bitte um weitere Schutzengel. Soldaten erzählen aus ihrem so anderen Leben am Fuß des Marmal-Gebirges.

„Euch an unserer Seite zu wissen ist ein stärkendes Gefühl“, schreibt ein Generalmajor.Und die Kinder malen immer weiter: Schutzengel als Schneemänner oder als Osterhasen, einen „Chefschutzengel“ für Generalmajor Erich Pfeffer, als der im Februar 2012 das Kommando übernimmt. Zwei Wochen nach seinem Amtsantritt schreibt Pfeffer an die Kinder: Der Chefschutzengel hänge bereits über seinem Bett im Wohncontainer, als Beweis legt er ein Foto dazu.

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Erstklässler malt Bild von einem Schutzengel

Hochkonzentriert malen die Kinder ihre Schutzengel (Quelle: Wilhelm Leisten-Lorent)Größere Abbildung anzeigen

»Unser Sohn will jetzt Soldat werden«

Längst gehört das Thema Afghanistan zum festen Bestandteil des Lehrplans der Klasse. An allen Wänden hängen Fotos aus Afghanistan. Man sieht Kinder auf Eseln, Menschen beim Einkaufen, beim Arzt. Inzwischen hätten sich auch die anfänglichen Bedenken auf Seiten der Eltern zerstreut, sagt Jutta Schneider, Mutter eines der Kinder.

„Am Anfang waren wir etwas irritiert“, räumt sie ein, „weil das Thema die Kinder so gepackt hat.“ Einige Eltern seien besorgt gewesen: „Unser Sohn will jetzt Soldat werden!“ Nach und nach sei aber klar geworden, wie viel die Kinder durch das Projekt über den Krieg und die damit verbundenen Lebensumstände, aber auch über das Land und seine Leute lernen. „Man liest die Zeitung jetzt ganz anders“, sagt die Mutter, und wenn im Radio das Wort Afghanistan fällt, spitze Tochter Angelina aufmerksam die Ohren.

Wie aber erklärt man Erstklässlern einen Krieg? „Wenn ihr in der Pause untereinander Krach habt, das ist ein Krieg im Kleinen“, so habe sie es den Kindern veranschaulicht, erzählt die Lehrerin. In der ersten Klasse gehe es aber „eher um den humanitären Auftrag, mit dem die deutschen Soldaten dort sind: Schulen wieder aufzubauen, die Rolle der Frau zu stärken, Kinder zu schützen“. Und wie gehen die Kinder mit den schlimmen Nachrichten aus Afghanistan um?

„Die kommen meistens damit schon in die Schule, dann bereiten wir das hier auf“, sagt Mechthild Sülzer. Und wenn es sich um Nachrichten von Koranverbrennungen handelt, vom Amoklauf eines Soldaten? „Dann reden wir darüber, dass die Soldaten dort in einem Extremzustand sind, der Menschen auch krank machen kann.“

Frau in getupftem Oberteil unterrichtet eine Schulklasse

Mechthild Sülzer ist Klassenlehrerin der Klasse 1b (Quelle: Wilhelm Leisten-Lorent)Größere Abbildung anzeigen

Joyce hat ihren Schutzengel inzwischen fertig. Bevor sie in diese Klasse kam, sagt sie, hätte sie ab und zu mal im Fernsehen etwas über den Krieg in Afghanistan gesehen – aber ohne zu verstehen, worum es da ging. Heute sehe sie die Nachrichtenbilder aus dem fernen Land mit anderen Augen: „Ich möchte nicht dort leben“, sagt das Mädchen, „aber ich möchte helfen“.

Camp Marmal
Stützpunkt
Die Bundeswehr betreibt seit 2005 auf dem Flughafen der nordafghanischen Stadt Mazar-e-Sharif das logistische Drehkreuz „Camp Marmal“. Auf dieser Forward Support Base sind die meisten Soldaten des deutschen ISAF-Kontingents eingesetzt. Hinzu kommen Angehörige anderer ISAF-Armeen, dazu gehören rund 5.000 US-Soldaten.
Seelsorge
Im Camp Marmal sind ständig je ein Militärpfarrer der katholischen und der evangelischen Militärseelsorge im Einsatz. So können sie die Soldaten rund um die Uhr begleiten.

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Porträt von Pfarrer Andreas Vogelmeier

Pfarrer Andreas Vogelmeier (Quelle: KMBA)Größere Abbildung anzeigen

»Die Wünsche waren sehr berührend«

Pfarrer Andreas Vogelmeier war Militärseelsorger im Camp Marmal, als die ersten Schutz­engelbilder dort eintrafen.

Y: Kinderbilder im Feldlager – das ist ungewöhnlich, oder?

Vogelmeier: Ich war total überrascht. Besonders die Wünsche, die die Kinder dazugeschrieben hatten, waren sehr berührend. Man konnte daraus lesen, dass sie sich wirklich Gedanken gemacht hatten. Wir haben einen Platz für die Bilder gesucht, an dem täglich hunderte von Soldaten vorbeilaufen: Am Hauptausgang der Kantine.

Y: Viele Soldaten schreiben, sie fühlten sich in Afghanistan vergessen.

Vogelmeier: Es macht ihnen zu schaffen, dass ihr persönlicher Einsatz nicht genug gewürdigt wird. Seitdem ich selbst dort war, fällt mir auch auf, dass zwar viele Menschen in Deutschland eine Meinung zum Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan haben, aber eigentlich gar keine Ahnung haben, worum es dort wirklich geht.

Y: Nach Ihrer Zeit in Afghanistan haben Sie die Schutzengelklasse in Gummersbach besucht. Wie war Ihr Eindruck?

Vogelmeier: Die Energie und das Engagement der Kinder sind enorm. Welches Wissen die Kinder schon über das Land und seine Menschen haben! Ich würde sagen, dass diese Sechs- und Siebenjährigen mehr über die Situation in Afghanistan wissen als der Durchschnitt der Bevölkerung.

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Stand vom: 04.12.13 | Autor: Petra Sternweiss


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