„Jeder Einsatz hat seine besonderen Bedingungen, kein Einsatz gleicht dem anderen, jeder entwickelt sich dynamisch“
Generalleutnant Rainer Glatz, neuer Befehlshaber des Einsatzführungskommandos, über die Zukunft der Einsätze.

Herr General, wie schätzen Sie die zukünftige Entwicklung der Auslandseinsätze der Bundeswehr ein?
Diese Frage muss im Kontext der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik betrachtet werden. Es ist klares deutsches Interesse, innerhalb der Staatengemeinschaft Verantwortung für Frieden und Sicherheit zu übernehmen. Daher beteiligen wir uns auch heute schon unter internationalen Mandaten, zum Beispiel der Vereinten Nationen (VN), der Europäischen Union (EU) oder der NATO, an friedensschaffenden oder -erhaltenden Operationen.
Derzeit ist das Einsatzführungskommando der Bundeswehr für mehr als 7.300 deutsche Soldatinnen und Soldaten in multinationalen Auslandseinsätzen verantwortlich. Neben den bekanntesten in Afghanistan und vor der Küste von Somalia, haben wir weitere Einsatzkontingente auf dem Balkan und vor der libanesischen Küste sowie Militärbeobachter in VN- und OSZE-Missionen in Afrika und Asien zu führen.
Wir werden zukünftig hoffentlich sehen, dass einzelne Einsätze abgeschlossen werden können. Hier erinnere ich an den Einsatz 2006 im Kongo, der noch im selben Jahr beendet werden konnte. Gleichwohl möchte ich auch nicht ausschließen, dass – nach entsprechender politisch-parlamentarischer Entscheidung – weitere Operationen hinzukommen, wie dies im Dezember 2008 mit der europäischen Marineoperation „EUNAVFOR Atalanta“ geschehen ist.
Wie viele Auslandseinsätze kann die Bundeswehr parallel schultern?
Auf eine Formel gebracht, kann man sagen: Jeder Einsatz hat seine besonderen Bedingungen, kein Einsatz gleicht dem anderen, jeder entwickelt sich dynamisch weiter. Dies macht meine Aufgabe als Befehlshaber Einsatzführungskommando der Bundeswehr oft sehr fordernd, da jeder Einsatz Einzelfallentscheidungen verlangt!
Bezogen auf Ihre Fragestellung kann ich somit keine eindeutige Antwort geben, da wir die konkreten Anforderungen eines möglichen neuen Einsatzes bewerten müssen. Daraus leitet sich das – von meinem Stab zu entwickelnde – Kräftepositiv mit zahlreichen Schlüsselfragen ab:
- Welche Fähigkeiten sind vorrangig gefordert,
- stehen angemessene Kapazitäten zur Verfügung,
- ist die Durchhaltefähigkeit und Versorgung gewährleistet?
Darüber hinaus gibt es viele weitere Unterschiede, wie landestypische Faktoren, Klima oder Geographie und Topographie sowie kulturelle Gegebenheiten, die unmittelbaren Einfluss auf Ihre Frage haben. In Kurzform: Weitere, einzelne Militärbeobachter für die VN oder OSZE sind sicherlich einfacher zu generieren als ein weiteres großes Kontingent von beispielsweise 2.200 Soldaten, wie es derzeit im Kosovo Dienst leistet.
Ist die Entwicklung der Bundeswehr zu einer Einsatzarmee abgeschlossen?
Man muss berücksichtigen, dass sich die Bundeswehr weiterhin in der Transformation befindet. Somit sind zwangsläufig noch nicht alle Fähigkeiten für die neue Schwerpunktaufgabe der Streitkräfte, nämlich den Auslandseinsatz, voll ausgeprägt. Eine Armee der Bündnis- und Landesverteidigung für Auslandseinsätze zu befähigen, ist eine Mammutaufgabe, die alle Bereiche der Streitkräfte umfasst.
Ausbildung, Ausrüstung, die Einnahme neuer Strukturen und die Privatisierung von Teilaufgaben müssen alle umfassend dazu beitragen, die neuen Aufgaben, wie die Beteiligung an multinationalen Auslandseinsätzen, erfolgreich zu schultern. Wir erkennen bereits zahlreiche positive Entwicklungen auf diesem Weg.
So sind beispielsweise die Leistungen des logistischen Systems der Bundeswehr zur Versorgung unserer Einsatzkontingente ausgezeichnet. Hier beschreitet die Bundeswehr völlig neue Wege, um die Einsatzbereitschaft der Kräfte und die Versorgung des Personals – auf strategische Distanz – zu gewährleisten.
Ein Wesensmerkmal der Transformation ist jedoch, dass dieser Prozess lern- und anpassungsfähig sowie fortlaufend ist. Daher ist die Entwicklung der Bundeswehr zu einer Einsatzarmee nie komplett abgeschlossen!

Sind die Soldatinnen und Soldaten im Einsatz ausreichend geschützt?
Es ist zweifelsfrei festzustellen, dass der deutsche Beitrag in allen Auslandseinsätzen keinen internationalen Vergleich zu scheuen braucht. Unser Personal ist hervorragend für den Einsatz ausgebildet und motiviert. Es verfügt über eine sehr gute Materialausstattung und beispielhafte Infrastruktur.
Nehmen Sie als Beispiel unsere Feldlager in Mazar-e-Sharif und Kunduz, die über einen vorzüglichen Standard verfügen. Hinsichtlich des Materials im Einsatz reagieren wir schnellstmöglich auf Veränderungen der Lage beziehungsweise der Bedrohung. So fährt die Truppe ausschließlich mit geschützten Fahrzeugen auf Patrouille, die Soldaten haben zwischenzeitlich Splitterschutzbrillen erhalten und weitere moderne Technik verbessert den Schutz unseres Personals.
Daraus folgt, dass die nach Zwischenfällen oft reflexartig geäußerte Kritik an der Ausrüstung der Bundeswehr bei sachgerechter Prüfung meist keinen Bestand hat. Mit dem unmittelbar bevorstehenden Zulauf des Eagle IV in den Einsatz setzen wir ein weiteres deutliches Zeichen hinsichtlich des Schutzes unseres Personals!
Das „Gesamtpaket“ Ausbildung, Ausrüstung, Infrastruktur und Versorgung findet auch bei den befreundeten Nationen hohen Respekt und Anerkennung. Dennoch dürfen alle zwingend notwendigen Anstrengungen zum bestmöglichen Schutz unserer Soldaten, auf den diese aufgrund der Fürsorgepflicht des Dienstherren auch einen Anspruch haben, nicht zu dem irrigen Schluss führen, dass ein Einsatz von Soldaten ohne Risiken für Leib und Leben zu haben ist.
An welchen Stellen muss sich die Einsatzfähigkeit der Bundeswehr verbessern?
Ich denke, dass eine aufmerksame Betrachtung der öffentlichen Diskussion um einige Beschaffungsprojekte deutlich macht, in welchen Bereichen die Fähigkeiten auf einen zeitgemäßen Stand gebracht werden müssen. Da sich das Thema „Beschaffung“ nicht in meiner Zuständigkeit befindet, merke ich mit Blick auf die Einsätze nur den Aspekt des Lufttransportes beispielhaft an.
Besonders die geographischen und klimatischen Herausforderungen des Afghanistaneinsatzes zeigen hinsichtlich der jederzeitigen Verfügbarkeit und vollen Leistungsfähigkeit der Systeme Grenzen in diesem Bereich auf. Die Bundeswehr hat diese Systeme vor Jahrzehnten mit einer anderen Zielsetzung beschafft. Sie können nicht vollständig an die neuen Bedingungen der Streitkräfte im weltweiten Auslandseinsatz angepasst werden.
Umso mehr ist herauszustellen, dass der deutsche Beitrag fast 40 Prozent des Luftumschlages für ISAF ausmacht. Die Besatzungen und die Techniker der Transall und der CH-53 leisten Beispielhaftes an Professionalität und Können!
Ist die Last der Einsätze gerecht auf alle Schultern verteilt?
Die Frage ist in dieser Form nicht zielführend, da sie eine mögliche Gleichverteilung unterstellt, die es so einsatzbedingt natürlich nicht geben kann. Betrachten Sie die maritimen Einsätze UNIFIL, Operation Enduring Freedom sowie Atalanta, die unter meinem Kommando durchgeführt werden, so sind mehrheitlich Kräfte der Deutschen Marine eingesetzt.
Gleichwohl benötigen wir aber auch Kräfte der Streitkräftebasis für die Versorgung, Feldjäger für den Schutz oder Luftfahrzeuge der Luftwaffe für den Kontingentwechsel. Nur in diesem Verständnis, dass die Streitkräfte insgesamt die Einsätze bewältigen, lässt sich Ihre Frage beantworten. Hier gilt zweifelsfrei, dass alle Teilstreitkräfte beziehungsweise Militärischen Organisationsbereiche von den Auslandseinsätzen der Bundeswehr betroffen sind.
Kernfrage ist die bestmögliche Auftragserfüllung, nicht die Gleichbelastung der Truppensteller. Der Einsatz und das daraus abgeleitete, erforderliche Kräftedispositiv bestimmen den Grad der Belastung.

Wie schätzen Sie die Zusammenarbeit zwischen den Teilstreitkräften/Militärischen Organisationsbereichen und dem Einsatzführungskommando der Bundeswehr ein?
Alle Bereiche unterstehen doch dem selben Kommando und dienen der selben Sache, der wir gemeinsam zum Erfolg verhelfen wollen. Daher ziehen alle Beteiligten am selben Strang, denn am Ende hat eine unzureichende Mitwirkung unmittelbare Auswirkungen auf Leib und Leben unserer Soldaten im Einsatz.
Grundsätzlich ist der Ablauf so, dass zunächst ein politisch-parlamentarisches Mandat für eine Beteiligung an einem internationalen Auslandseinsatz vorliegen muss. Danach kann mein Kommando das erforderliche Truppenkontingent in Fähigkeiten und Stärke definieren und zusammenstellen. Als Truppensteller (Bedarfsdecker) unterstellen die Teilstreitkräfte ihr Personal für den Einsatz unter das Kommando des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr (Bedarfsträger).
Zuvor muss der Truppensteller die Ausbildung und Ausrüstung seines Personals in eigener Verantwortung durchführen. Grundsätzlich gilt natürlich, dass zwischen allen Beteiligten intensive und regelmäßige Kontakte bestehen, um alle Einzelbeiträge zum Wohle der Einsätze weiter zu entwickeln. Die truppenstellenden Teilstreitkräfte und Militärischen Organisationsbereiche leisten ihren Beitrag zu den Auslandseinsätzen neben den Herausforderungen der Transformation und des laufenden Dienstbetriebes im Inland!
Die Transformation stellt erhöhte Anforderungen an uns alle. Vielfältige Zielvorgaben führen dazu, dass wir manchmal um die beste Lösung ringen müssen. Aber am Ende finden Einsatzführungskommando und die Teilstreitkräfte beziehungsweise Militärischen Organisationsbereiche immer einen gemeinsamen Weg: Die Zusammenarbeit ist gut.
Wo sehen Sie die Bundeswehr in 15 Jahren?
Wie bereits angeführt, wird die Bundeswehr im Rahmen der Transformation weiter für die Teilnahme an multinationalen Auslandseinsätzen optimiert. Dieser Prozess wird sicherlich anhalten und die Streitkräfte weiter befähigen. Neben dieser internen „Prognose“ ist nach meiner Bewertung bedeutsamer, welche Aufgaben und Einsätze die politischen Entscheidungsträger der Bundeswehr zuweisen werden.
Unverändert gilt das erprobte „Primat der Politik“ über die Streitkräfte hinsichtlich deren Umfang, Auftrag und Aufgaben. Somit wird die politische Verantwortung für alle Fähigkeiten der Bundeswehr bleiben, dies gilt vor allem für die Auslandseinsätze. Erst ein parlamentarisches Mandat ermöglicht es mir als Befehlshaber, Truppen ins Ausland zu entsenden.
Insgesamt blicke ich optimistisch in die Zukunft und sehe eine weiter optimierte Bundeswehr, die der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik Handlungsoptionen zur Verfügung stellen kann, um nationale Interessen im Rahmen der ihr durch die Politik jeweils zugewiesenen Aufgaben zu unterstützen.
In Konflikten oder Spannungssituationen eröffnen die Streitkräfte weiterhin Zeitfenster für politische Konfliktlösungen. Sie „kaufen“ der Politik die Zeit, die sie benötigt um mit anderen politischen Instrumenten an der Konfliktlösung zu arbeiten.
Wie gehen Sie persönlich mit den bedrückenden Meldungen von gefallenen und verwundeten Soldaten um?
Wenn ein Soldat im Einsatz für unser aller Schutz, unsere nationale Interessenwahrnehmung, sein Leben verliert, dann verneige ich mich in tiefer Trauer und in tiefem Respekt vor meinem gefallenen Kameraden. Operationen in Auslandseinsätzen beinhalten oft ein Risiko für Leib und Leben des eingesetzten Personals.
Selbst beste Ausbildung, Ausrüstung und Planung können Gefahren nicht völlig ausschließen. Dies ist ein Wesensmerkmal des Soldatenberufs. Die Anschläge eines meist verdeckt kämpfenden Gegners, der sich in keiner Weise an moralische Prinzipien hält, sind nicht vollständig zu verhindern – sie können aber in ihren Folgen begrenzt werden.
Hier alles in unserer Macht stehende zu tun ist mein Anspruch und ich werde nicht nachlassen, mein Kommando in dieser Richtung weiter zu fordern.
Welche Schwerpunkte setzen Sie persönlich für Ihr neues Kommando?
Als Befehlshaber des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr werde ich alles daran setzen, unsere Soldaten in den Konfliktregionen dieser Welt verlässlich zu führen. Dabei bin ich mir zu jeder Zeit meiner Verantwortung bewusst und hoffe, dem mir entgegengebrachten Vertrauen gerecht zu werden.
Im Zentrum meiner Aufgabe sehe ich es, unseren Soldaten alle erdenkliche Unterstützung zuteil werden zu lassen, die ihnen eine bestmögliche Auftragserfüllung ermöglicht. Darüber hinaus werde ich alle möglichen Maßnahmen ergreifen, um Leib und Leben unserer Kameraden zu schützen.
In der Befehlskette der Auslandseinsätze wird mein Kommando unverändert zwischen den Einsatzkontingenten und dem Verteidigungsministerium Verantwortung übernehmen. Dazu strebe ich weiterhin den vertrauensvollen Schulterschluss mit den truppenstellenden Teilstreitkräften sowie Militärischen Organisationsbereichen an.
Ich bin zuversichtlich, dass ich meiner Verantwortung umfassend gerecht werden kann und die Geführten, in den Einsätzen wie in meinem Kommando, schnell das Vertrauen zu mir entwickeln, damit wir gemeinsam erfolgreich wirken können!
