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Der Held des Tages

Jeder Stabsarzt kann neben seinem normalen Dienst in der Truppe auch zivile Notdienste leisten. Dr. Jonny Richter macht dies am Klinikum Kempten. Ganz gleich wann und wo er auch gebraucht wird – der Stabsarzt ist in Sekunden einsatzbereit.

Notarzt auf dem Weg zum Rettungswagen
Raus aus der Fortbildung, rein in den Notarztwagen (Quelle: Y/Sascha Schürmann)Größere Abbildung anzeigen

Die Fortbildung „Narkose“ im Klinikum Kempten läuft erst sieben Minuten, da vibriert der Pager: „Notarzt-Einsatz!“ Jonny Richter packt seine Sachen zusammen, streift die Warnjacke über und rennt zum Notarzteinsatzfahrzeug (NEF). Wie immer geben die ersten Informationen nur ein sehr vages Bild von dem, was ihn und seinen Kollegen erwartet: Stromunfall, Patient bei Bewusstsein, Kreislauf stabil.

„Meist ist das schon alles. Aber das reicht“, sagt Richter. Stromunfälle, Schlaganfall, Herzinfarkt, Verbrennungen, Suizidversuch, Knochenbrüche – das ist nicht Richters Alltag. Normalerweise arbeitet er als Stabsarzt in Füssen, wo er zusammen mit seinen 43 Kameraden des Sanitätszentrums für die 1.600 Soldaten des Gebirgslogistikbataillons 8 und des Gebirgsaufklärungsbataillons 230 zuständig ist.

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Einsatzplanung während der Fahrt

„Jeder Stabsarzt ist aufgefordert, den Ausbildungstechnischen Nachweis (ATN) ,Rettungsmedizin‘ zu machen. Und ich mache die ATN bei mir, in meiner Heimatstadt“, erzählt der 29-Jährige. Das Klinikum in Kempten ist ein Haus der Maximal-Versorgung mit 490 Betten und über 22.000 stationären Patienten pro Jahr. Hier werden alle medizinischen Leistungen erbracht.

„Die Komplettversorgung und -betreuung macht einen für alle Notfälle fit!“ Wer als Stabsarzt den regelmäßigen Notdienst nachweisen könne, sei auch für besondere Einsätze gerüstet und bekomme zum Gehalt eine monatliche Zulage von 600 Euro. Wie gelingt Richter die Umstellung vom Truppenalltag auf den Notdienst?

„Schon auf der Fahrt zum Rettungseinsatz schießt mir durch den Kopf, was ich unternehmen werde“, verrät er, „und für ganz spezielle Notrufe hab ich immer mein Taschenbuch ,Notfallmedizin‘ dabei. So ein extremer Einsatz ist beispielsweise ein Kinder-Notfall.“ Auch dann dürfe er nicht den Überblick verlieren. „Dann kommt bei mir so eine Art Spannungsgefühl auf, was passiert jetzt, was muss ich tun, wie vermeide ich Hektik, wie beruhige ich die Angehörigen.“

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Rettungs- und Notarztwagen auf dem Weg durch den Verkehr
Mit Blaulicht und Sirene geht's zum Unfallort. (Quelle: Y/Sascha Schürmann)Größere Abbildung anzeigen

Freundlich, kompetent und sachlich

Diese Besonnenheit schätzen auch seine Kameraden im Truppenalltag. Oberleutnant Manuel Krebs (30): „Stabsarzt Richter kümmert sich fürsorglich und absolut verständnisvoll um seine Patienten.“ Er sei ein wahrer Kamerad, der sich immer um die beste Behandlung bemühe.

Die Kameraden Hauptfeldwebel Christian Schleelein (34) und Unteroffizier Steven Sass (22) schließen sich dieser Beurteilung an: „Natürlich geht keiner gern zum Arzt. Da hilft es schon, wenn man weiß, dass die Behandlung freundlich, kompetent und sachlich ist.“

Am Einsatzort des Stromunfalls warten schon die Kollegen vom Rettungstransportwagen (RTW). Das Unfallopfer hatte am Transformator eines Stromkastens gearbeitet. Bei einem Funkenschlag schossen 400 Volt durch seinen Körper. „Der Strom kann Muskelschäden verursachen, im schlimmsten Fall trifft es die Herzmuskeln“, erklärt Richter.

Die Untersuchung wird abgeschlossen, die Kanülen sind gelegt. Der Patient kommt ins Klinikum, wo ihn ein Kollege übernimmt. Hier herrscht Ruhe. Professionalität bestimmt das Tun. Die Normalität der Situation beruhigt den Patienten. Er fühlt sich „‚sicher‘, in guten Händen“.

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Neuer Einsatz

Szenenwechsel. Richter sitzt in der Krankenhaus-Kantine, Pause. Zusammen mit seinem Kollegen geht er den Fall noch mal bei Kaffee und Brötchen durch, erzählt von zu Hause, von besonderen Fällen aus dem Truppenalltag und erfährt Neuigkeiten aus dem Krankenhaus.

11.07 Uhr vibriert der Pager zum zweiten Mal. Erneut geht’s los. Im NEF erhalten die beiden Notärzte wieder per Funk erste Informationen: Vermutlich ist die Patientin über eine Türschwelle gestürzt, Verdacht auf Oberschenkelhalsbruch. Held des Tages ist der vierjährige Enkel. Der rannte gleich zum Nachbarn, der alarmierte den Rettungsdienst.

Festgezurrt auf einer Vakuummatratze zur Stabilisierung und Schmerzlinderung, gelangt die Rentnerin mit dem RTW ins Klinikum. Im Schockraum das Gespräch mit dem weiterbehandelnden Arzt und die Übergabe des Notarzt-Protokolls.

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Notarzt hängt Tropf auf, daneben ein weiterer Mann
Wichtig: Vitalparameter des Patienten checken (Quelle: Y/Sascha Schürmann)Größere Abbildung anzeigen

Familienbande

12.27 Uhr, Notarzt Richter fährt mit dem Fahrstuhl hinunter in den OP-Bereich. Hier arbeitet seine Frau Ina. Die 28-Jährige ist Anästhesistin. Er lernte sie während des Medizin-Studiums in Jena kennen, heiratete sie 2004, zog 2008 mit ihr nach Kempten.

Und die Zukunft? „Viele zivile Kollegen müssen in unserem Alter erst einmal das BAföG zurückzahlen. Wir haben uns hier ein Haus gekauft und planen jetzt eine Familie.“ Wie beurteilt seine Frau Ina die Doppelbelastung? „Dass er sehr belastbar ist, muss ich wohl nicht sagen. Natürlich hilft es uns, dennoch vermisse ich ihn während der Notdienste, ist ja unsere Freizeit.“

Mittlerweile ist es 16.00 Uhr. Ein weiterer Notfall steht heute nicht mehr an. Richter kopiert die beiden Notarzt-Protokolle als Nachweis seiner Arbeit und zum Einreichen bei der Landesärztekammer. Dann gibt er seinen Pager ab und fährt nach Hause – nicht ohne sich zuvor bei seiner Frau abgemeldet zu haben, so viel Militär muss sein.

Arztberuf
Laufbahn
Jonny Richter kommt am 6. September 1979 in Pößneck, 40 Kilometer südlich von Erfurt, auf die Welt. Nach dem Abitur geht er 1998 zu den Heeresfliegern nach Homberg. Am 1. Januar 1999 wechselt er in die Laufbahn der Sanitäts-Offiziere, studiert bis 2005 in Jena Medizin und schließt mit der Gesamtnote Gut ab.
Doppelbelastung
Hilfreich für die Zulassung zum Notdienst sind zwei Lehrgänge: einer für Herznotfälle, ein zweiter zur Versorgung traumatologischer Patienten. Jeder Stabsarzt ist angehalten den Ausbildungstechnischen Nachweis (ATN) „Rettungsmedizin“ zu machen. An 14 Tagen im Jahr absolviert er einen solchen Dienst. Die Übernahme solcher Aufgaben verhilft den Stabsärzten zu mehr Praxis und Geld.

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Stand vom: 05.08.2010 | Autor: Udo Mechenich

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