Leben mit dem globalen Einsatz
Seit mehr als 15 Jahren ist die Bundeswehr nun im Auslandseinsatz. Ob in Afghanistan, im Kongo oder am Horn von Afrika, die deutschen Soldatinnen und Soldaten beteiligen sich weltweit an NATO-, UN- und EU-Missionen. Hier erzählen sie – von fast allen Standorten – exklusiv ihre Geschichten.

„Der Soldat muss im Einsatz kämpfen können. Das bleibt weiterhin die Grundlage. Er ist darüber hinaus immer auch als Helfer, Vermittler und Schlichter gefordert“
, umschreibt Franz Josef Jung, Bundesminister der Verteidigung, den Einsatz der Bundeswehr für den Frieden. Weltweit sind mehr als 7.300 deutsche Soldaten im Auslandseinsatz.
| Somalia, Belet Huen, Major i.G. Torsten Geerd Ukena, 39 Jahre, September bis Dezember 1993, ABC-Abwehrkompanie, 1. Kontingent |
Der UNOSOM-II-Einsatz war für mich aufregend. Vieles war unerwartet und etwas ungewöhnlich. Wir wussten zum Beispiel vorher nicht, dass es Extrazahlungen geben wird. Die zirka 50 Mark pro Tag (von der UN), die wir für den Einsatz bekommen haben, waren eine große Überraschung für uns. Oder die Uniformen. Wir hatten seinerzeit keine deutsche, sondern die französische Uniform an. Die Bundeswehr hatte damals keine „Heißwetter-Uniformen“. Oder das Feldlagermaterial wie die Zelte des Einheitstyps I: Seit ewigen Zeiten eingelagert, hatten diese vor Ort keine Klimageräte oder Fußböden. Und da unser erstes Kontingent nicht im heißen Sand stehen wollte, bauten wir die Böden selbst. Man musste eben improvisieren und wir waren recht gut darin. |
Ermöglicht wurde dies durch eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes vom 12. Juli 1994. Demnach dürfen Bundeswehrsoldaten ohne Einschränkungen an internationalen Friedensmissionen, ein Mandat der Vereinten Nationen vorausgesetzt, außerhalb des NATO-Bündnisgebietes teilnehmen.
| Fregattenkapitän Wolfgang Mordhorst, 54 Jahre, 1993 bis 1996, Flugzeugführer eines Seefernaufklärers BRÉGUET ATLANTIC |
Die Operation SHARP GUARD war etwas Besonderes. Eine UN-Mission. Wir haben damals die Einhaltung des Waffen- und Handelsembargos gegen Jugoslawien überwacht. Kam es hart auf hart, mussten die deutschen Schiffe die Überprüfungen möglicher Embargo-Brecher anderen Nationen überlassen. Dies war der Interpretation der damaligen deutschen Rechtslage geschuldet. Wir durften nicht zu 100 Prozent eingesetzt werden. Alle haben unsere prekäre Situation zwar verstanden, dennoch blieb ein schaler Beigeschmack. Das änderte sich mit dem 12. Juli 1994. Das Bundesverfassungsgericht erklärte den Einsatz deutscher Soldaten bei friedenssichernden Einsätzen im Rahmen der Vereinten Nationen für verfassungsgemäß und machte so den Weg frei für Out-of-Area-Einsätze. Seitdem hat dieses Datum einen festen Platz in meinem Herzen. Endlich waren wir gleichberechtigt und erstmalig voll integriert. |

Verlässlicher Partner
So gilt dieser Tag zu Recht als die offizielle Geburtsstunde der Bundeswehr als Einsatzarmee. Heute sind deutsche Soldaten Global Player. Aktuell sind sie an 13 Einsätzen beteiligt.
| Transall-Pilot, Oberleutnant Max Ernst (Name zum Schutz des Kameraden geändert) |
1994 habe ich den „Sarajevo-Approach“ zum ersten Mal geflogen. Dies ist ein Anflug aus großer Höhe, etwa 5.000 oder 6.000 Meter, der einen sehr steilen Anflugwinkel hat, um lange von der gegnerischen Bedrohung entfernt zu bleiben. Dieser Anflug ist fünfmal steiler als beim normalen Airliner. In Sarajewo war das eine Art Sturzflug. Wir kippten mit der Nase des Flugzeugs steil runter. Im Cockpit sieht man nur noch den Boden. Die fliegerische Herausforderung besteht darin, dass man relativ langsam ist, nur etwa 200 km/h. Da wir das üben, ist das gar nicht so verrückt, wie es sich anhört. In Sarajevo hatten wir auch Radarwarnungen von dem Flugabwehrgeschütz ZSU-23-4 „Schilka“. Wir waren uns nie sicher, ob der Typ da unten nicht auf den Knopf drückt und uns runterholt. Es ist öfter vorgekommen, dass Flugzeuge beschossen wurden, das bleibt ja nicht aus – man muss ja irgendwann landen. Für die Raketenabwehr haben wir dann die Flares (Täuschkörper). Beim Ausstoß gibt’s einen leichten, dumpfen Schlag und man spürt sogar die Hitze. Wenige Sekunden vorher meldet sich eine freundliche Damenstimme, dass da eine Rakete kommt. Dabei weiß ich nie, kommt eine Rakete oder nicht. Dann zählt man die Sekunden – wenn nichts einschlägt, war alles in Ordnung. |
Dazu zählen auf dem Balkan KFOR (Kosovo Force), im Kosovo zur Unterstützung der Entwicklung demokratischer und multinationaler Strukturen, sowie EUFOR (European Union Force) in Bosnien-Herzegowina. Dort gehört zu ihrem Auftrag, die Volksgruppen von Feindseligkeiten abzuhalten und die Einhaltung der Rüstungskontrollabkommen sicherzustellen.
| Kosovo, Suvareka, Stabsbootsmann Thorsten Ebock, 44 Jahre, Juli bis November 1999 |
Verkehrte Welt. So fühlte ich mich vor zehn Jahren als „Marinierter“ an Land. Als Kampfmittelbeseitiger gehörte ich zu den sechs Marinesoldaten, die damals in Suvareka der Luftwaffe unterstellt waren. Es war ein komisches Gefühl, als Minentaucher plötzlich auf einem Esel zu sitzen und in die kargen Berge des Kosovos zu reiten. Meine Welt war bislang schließlich das nasse Element. Uns rief man, weil geglaubt wurde, dort befinde sich eine Fliegerbombe. Letztlich entpuppte sie sich als Zusatztank eines Flugzeugs. Solch ein Fehlalarm war eher die Ausnahme. Zudem mussten wir in Zusammenarbeit mit deutschen Polizeibeamten Leichen exhumieren. Auch aus Massengräbern. Seinerzeit wurde befürchtet, dass an den Körpern Sprengladungen versteckt sein könnten. Ein einschneidendes Erlebnis. |
Am Horn von Afrika steht die Bundeswehr den USA derzeit als verlässlicher Partner im Kampf gegen den Internationalen Terrorismus OEF (Operation Enduring Freedom) zur Seite. Vor der Küste Somalias sind die Streitkräfte Teil der EU-geführten Mission ATALANTA zur Bekämpfung der Piraterie. Beim UN-Einsatz UNIFIL (United Nations Interim Force in Lebanon) helfen deutsche Soldaten zu Lande (seit 1978) und vor der libanesischen Küste (seit 2006), den Waffenstillstand aufrechtzuerhalten.
| Kuwait, Oberstleutnant i.G. Ralf Schipke, 38 Jahre, 2002 bei OEF |
Eine Sache ist mir aus dem „Kuwait-Einsatz“ besonders in Erinnerung geblieben: die ungewohnten klimatischen Bedingungen. Damit meine ich vor allem die sehr große Hitze. Aus Sicht der ABC-Abwehrtruppe war es teilweise grenzwertig, obwohl wir im Februar dort waren. Wenn wir dort unter praller Sonne Übungen in unseren sogenannten Gummianzügen (Zodiaks) durchgeführt haben, wurde es ziemlich warm. Da mussten wir uns etwas einfallen lassen. Unsere Abhilfe: Entweder am Morgen oder am Abend Ausbildung ansetzen oder kühlen. Wie? Ganz simpel. Wir hatten hinter jedem Mann im Zodiak einen weiteren im nicht ganz so warmen Overgarment stehen, der mit einem Wasserschlauch den Vordermann gekühlt hat. „Doppelter Diagonalansatz” nennt sich so was dann. Danach sind die Schutzanzüge allerdings den klimatischen Bedingungen angepasst worden. Auch ein Zeichen dafür, dass die Einsatzerfahrungen positiv umgesetzt werden. |

International guter Ruf
Seit mittlerweile acht Jahren engagiert sich die Bundeswehr im Rahmen der Internationalen Sicherheits- und Unterstützungstruppe in Afghanistan (International Security Assistance Force – kurz ISAF). Der Deutsche Bundestag hatte am 22. Dezember 2001 dafür das Mandat erteilt. Im Auftrag der Vereinten Nationen wird die afghanische Interimsregierung bei der Wahrung der Menschenrechte sowie bei der Herstellung der inneren Sicherheit unterstützt.
| Afghanistan, Mazar-e-sharif, Stabsunteroffizier Benny Böckl, 26 Jahre, Oktober 2007 – Januar 2008 |
Als Bordschützen in einem CH-53 GS Hubschrauber flogen wir Anfang November 2007 einen VIP-One-Transport in Kabul vom KAIA (Kabul International Airport) zum ISAF-Headquarter. An Bord war Bundeskanzlerin Angela Merkel. Das war mal ’was Anderes, als Blutkonserven oder Soldaten-Taxi zu fliegen. Beim zehnminütigen Rückflug im Konturenflug (Tiefflug), zirka acht Meter über dem Boden, wurden wir höchstwahrscheinlich anvisiert, worauf automatisch die Flares auslösten. Auch der amerikanische Begleitschutz, ein Apache- und ein Black-Hawk-Hubschrauber, warfen die Täuschkörper aus. Wir flogen ein Manöver und landeten. Nach der Landung kam Frau Merkel in ihrer Schutzweste zu mir und meinem Kameraden und fragte mich, was da los gewesen sei. Nachdem ich ihr alles erklärt hatte, meinte sie: „Ganz schön gefährlicher Job, den Sie da haben.“ Ich glaube, ihr war sehr mulmig zumute und ich war ziemlich aufgeregt. Aber nicht wegen der Kanzlerin, sondern wegen der brenzligen Situation. Unser Job war es eben, sie alle sicher von A nach B zu bringen. |
Mit ihren Wiederaufbauteams (Provincial Reconstruction Teams – PRT) in Kunduz und Feyzabad haben sich die deutschen Soldaten zudem international einen guten Ruf als Helfer beim Aufbau des krisengeschüttelten Landes erworben. Und nicht nur dort. Am 1. Mai 2006 wurde das Einsatzgeschwader Mazar-e-Sharif (EG MeS) in Dienst gestellt – konzipiert als Luftumschlagsbasis für Transportmaschinen der Bundeswehr und der ISAF-Kräfte. Ein knappes Jahr später wurde der Auftrag erheblich ausgeweitet. Mit der Verlegung von sechs Aufklärungs-Tornados im Frühjahr 2007 gehört dort nun auch die Aufklärung und Überwachung Afghanistans aus der Luft zum Dienstalltag.
| Afghanistan, Feyzabad, Hauptfeldwebel Susann Kempe, 27 Jahre |
„Ihr Sanis habt doch nichts zu tun.“ Solche Sprüche bekam ich anfangs zu hören. Über Arbeitsmangel konnte ich mich aber nicht beschweren: Bis zu fünf OPs standen täglich auf dem Plan. Parallel fand jeden Tag eine Sprechstunde für die Einheimischen statt. Dazu kamen unter anderem Fahrten in das Krankenhaus von Feyzabad zur Patientenbehandlung und zur Aus- und Weiterbildung der afghanischen Ärzte. Man merkt, dass unsere Arbeit zur positiven Stimmung der Bevölkerung gegenüber den deutschen Einsatzkräften beiträgt. Als Soldatin im Einsatz zu sein, ist übrigens nichts Besonderes, da keine Unterschiede gemacht werden. Natürlich liegen nur Frauen auf einer Stube und die Sanitäranlagen haben einen extra Frauenbereich. Alles kein Problem. |
Zusätzlich sind deutsche Soldaten an UN-Missionen im Sudan (United Nations Mission in Sudan – UNMIS) und in Georgien (United Nations Observer Mission in Georgia – UNOMIG) beteiligt. Hinzu kommen Beratungs- und Unterstützungsaufträge in Afghanistan (United Nations Assistance Mission in Afghanistan – UNAMA), dem Sudan (African Union/United Nations Hybrid operation in Darfur – UNAMID) und dem Kongo (Demokratische Republik Kongo – EUSEC RD Congo).
| Küste vor dem Libanon, Kapitänleutnant Sven Könnecke, 32 Jahre, Schnellboot S 77 Dachs, März bis Juli 2007 |
Das Ungewöhnliche war nicht die eigentliche Mission, sondern dass meine Kameraden und ich eigentlich vom Schnellboot „Wiesel“ auf den „Dachs“ kamen. Erstmalig hat damit eine „fremde“ Besatzung ein komplettes Schnellboot übernommen. Aber es wurde von uns gehegt und gepflegt wie unser eigenes. Dabei haben wir buchstäblich einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Und zwar gut sichtbar für alle Schiffe im Hafen von Limassol. Auf der Kaimauer haben wir uns mit einem farbenfrohen Kunstwerk verewigt. Es zeigt, wie ein Wiesel einen Dachs erfolgreich durch die Wellen reitet. |
Einsätze und Hilfsaktionen von A bis Z
Erstmals half die Bundeswehr nach dem schweren Erdbeben im Frühjahr 1960 im marokkanischen Agadir im Ausland. Damit bestand sie in der Weltöffentlichkeit ihre Feuertaufe. Bis heute hat sie sich an mehr als 130 Hilfsaktionen beteiligt, und zwar buchstäblich von A bis Z – von Äthiopien bis Zypern.
| Am Horn von Afrika, Obermaat Frank-Oliver Radziej, 24 Jahre, Funker auf der Fregatte Karlsruhe |
Meine erste große Fahrt als Funker auf der „Karlsruhe“. Als die Fregatte im August 2008 den Marinestützpunkt Wilhelmshaven verließ, wussten wir bereits, dass etwas in der Luft lag. Unser Kommandant hatte uns darauf vorbereitet. Doch geplant war offiziell die Teilnahme am Einsatzverband „Standing NATO Maritime Group 2“. Alles verlief vorbildlich. Wir waren bereits auf dem Heimtransit. Weihnachten zu Hause zum Greifen nahe. Da erhielten wir am 19. Dezember durch den Beschluss des Bundestages das Mandat für ATALANTA . Für mich mein erster Einsatz und ein geschichtsträchtiger noch dazu. Mit dem sicheren Gefühl, gut vorbereitet zu sein, ging es nach Djibouti. Wir rechneten mit einem ruhigen Weihnachtsfest auf hoher See. Doch es kam anders. Am 25. Dezember erhielten wir plötzlich einen Notruf. Der Frachter „Wabi al Arab“ wurde von Piraten angegriffen. Sofort ging unser Bordhubschrauber raus. Ebenso schnell vereitelte er den Überfall. Anschließend wurde ein schwer verletztes ägyptisches Besatzungsmitglied auf die „Karlsruhe“ geflogen und dort erfolgreich operiert. An diesem Abend waren wir unheimlich stolz auf unsere gute Ausbildung, aber auch auf uns selbst. Anderen zu helfen, schweißt die Kameraden noch mehr zusammen. |
Friedensstiftende Einsätze haben das Selbstverständnis der Armee geprägt. Beispielsweise die medizinische Versorgung in Kambodscha (United Nations Transitional Authority in Cambodia – UNTAC) vor 16 Jahren. Unvergessen bleibt der Einsatz 1992 bis 1994 in Somalia (United Nations Operation in Somalia – UNOSOM II). 18.300 medizinische Behandlungen, rund 30 Einzelprojekte sowie 650 Hilfsflüge lautete am Ende die Leistungsbilanz.
| Kongo, Kinshasa, Hauptfeldwebel Christian Roth, 35 Jahre, 2006, Gefechtsstandfeldwebel |
Abends lief ich im Flughafenbereich in Kinshasa vom Duschen zu unserer Unterkunft. Da hörte ich abseits jemanden wimmern und bin dahin. Im Gebüsch lag ein junger kongolesischer Soldat, der von einer Schlange gebissen worden war. Er konnte schon nicht mehr aufstehen, war schweißüberströmt. Ich habe ihn dann 150 Meter bis zu unserem Arzt auf dem Rücken getragen. Der führte die Erstversorgung durch: Serum, Infusion, Verband. Danach habe ich den Kongolesen leider nicht mehr gesehen. Es kam auch kein Dank. Da hatte ich das Gefühl, ein Menschenleben zählt nicht viel. |
