Jubba statt Flecktarn
Hammelburg/Wildflecken, 27.07.2010.
Am Gefechtsübungszentrum Heer mimen Soldaten in darstellender Funktion feindliche Kämpfer und Zivilisten in Einsatzländern. Imam, Taxifahrer, Taliban, Frau in Burka: Als „Rollenspieler“ ermöglichen sie eine realitätsnahe Ausbildung zur Einsatzvorbereitung.

Die Patrouille steht neben ihren Einsatzfahrzeugen vor dem „tea-house“ des afghanischen Dorfes. Sie bemüht sich, die Situation zu kontrollieren: Eine aufgebrachte Menschenmenge hat sich gebildet. Wild gestikulierend und lautstark fluchend rücken die Dorfbewohner auf die deutschen Soldaten zu. Die Lage droht jeden Moment zu eskalieren. Plötzlich sprengt sich ein Selbstmordattentäter in die Luft; überall ist Blut, es gibt Tote, die Schwerverletzten schreien vor Schmerzen.
Ein Szenario, wie es jederzeit in Afghanistan auftreten könnte. Heute ist es glücklicherweise gestellt – Teil der zwei Tage dauernden Abschlussübung am Gefechtsübungszentrum Heer(GÜZ). Das afghanische Dorf heißt eigentlich Stullenstadt und liegt auf dem Gelände des Truppenübungsplatzes Altmark in der Colbitz-Letzlinger Heide. Die Dorfbewohner sind Soldaten des Zentrums. Die „Rollenspieler“ sind Soldaten in darstellender Funktion und tauschen regelmäßig ihre Dienstkleidung gegen landestypische Gewänder und Uniformen, die aus dem Einsatzland stammen.
Selbst die Rangabzeichen der afghanischen Uniformträger sind importiert. „Möglichst original- und detailgetreu sollen die Übungen und Rahmenbedingungen sein“, sagt Hauptfeldwebel Andreas Lehmann, der an allen Übungen mitwirkt. Je nach Einsatzgebiet und Wünschen der Übungstruppen werden im Vorfeld der meist zehntägigen Ausbildungen Szenarien für die bis zu in Bataillonsstärke Übenden individuell zusammengestellt.
Selbstmordanschläge, improvisierte Sprengfallen, Feuergefechte mit schwerem Gerät und Luftaufklärung, Sanitätseinsätze sowie Checkpoint- errichtung und -sicherung: Nahezu jede denkbare Situation lässt sich auf dem etwa 13 mal 30 Kilometer großen Truppenübungsplatz simulieren. „Wir haben einen sinnvollen Auftrag zur Vorbereitung der Soldaten“, sagt Lehmann, der selbst schon im Einsatz war. Die positive Resonanz der heimkehrenden Soldaten gibt ihm Recht.

Heute Taliban, morgen Taxifahrer, übermorgen Imam
Regelmäßig werden am GÜZ neue Ausbildungselemente hinzugefügt, ganz den Entwicklungen und Anforderungen im Einsatz angepasst. „Zudem verlaufen die Übungen auch keineswegs immer gleich, so dass jederzeit Überraschungen auftreten können, aus denen wir selber lernen
“, sagt der 34-Jährige. „Die Übungen werden auch stets in deutscher Sprache und mit echten Namen durchgeführt. Fantasie wäre hier fehl am Platz
.“
Dass die „Rollenspieler“ in Gefechten, wenn auch nur simuliert, auf Kameraden schießen müssen, stellt für sie kein Problem dar. „Besser, als wenn sie nachher im Sarg heimkehren
“, so Lehmann. Und dass sie stets ernstzunehmende Gegner sind, ist schon dadurch sichergestellt, dass sie nur einen Teil ihres Dienstes in die Rolle von feindlichen Kämpfern, ANA-Soldaten und einheimischer Bevölkerung schlüpfen. Außerhalb des jeweiligen Übungsabschnittes ist das Tragen der Verkleidungen verboten, denn keiner der Soldaten soll sich zu sehr mit einer gespielten Person identifizieren.
Um dem vorzubeugen, wechseln sie ständig die Rollen. Wer heute noch einen Taliban, Taxifahrer, Bürgermeister, Café-Besitzer oder Imam gemimt hat, kann morgen schon in die unbeliebte Rolle einer Burka tragenden Frau versetzt werden. Was aber für Soldaten die Ausnahme darstellt. „Die Funktion des geistlichen Führers liegt mir nicht
“, sagt Hauptfeldwebel Lehmann, der zugibt, am liebsten sich selbst, den Führer eines Jägerzuges, zu spielen. Alle Soldaten in darstellender Funktion erhalten in der Regel eine spezielle Ausbildung. „Wie man die Rollen dann realistisch spielt, erfährt man vor allem von den Kameraden
“, sagt Obergefreiter Patrick Reinboth (19). „Der Rest ist learning by doing!“

Hammelburg
ZA-EAKK
Das VN-Ausbildungszentrum der Bundeswehr in Hammelburg dient der einsatzvorbereitenden Ausbildung für alle Missionen im Rahmen der internationalen Konfliktverhütung und Krisenbewältigung.
Rollenspieler
Wie im GÜZ Altmark sind in Hammelburg/Wildflecken Soldatinnen und Soldaten in darstellender Funktion tätig. Die Schlüsselpositionen wie Dorfälteste (Maliks), Mullahs und Lehrer werden aber vollständig von zivilen Rollenspielern gestellt. Dadurch kann das VN-Ausbildungszentrum diese Rollen sehr realitätsnah abbilden.
| Wo findet das Training statt? |
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| Im GÜZ mit seinem Truppenübungsplatz Altmark; etwa 50 Kilometer nördlich von Magdeburg. Das Dorf liegt in „Stullenstadt“. |
| Wie viele machen dabei mit? |
| 496 Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften in vier Kompanien bilden den Ausbildungsverband. 17 Leopard 2, 17 Marder, 39 Fuchs und vier Wiesel stehen parat. An gut 250 Tagen im Jahr werden die Ausbildungen durchgeführt. |
| Was tragen sie auf dem Rücken? |
| Die „Rollenspieler“ tragen das Ausbildungsgerät Duellsimulator (AGDUS). Zur Ortung verfügen sie zusätzlich über GPS-Sender in den Kästen auf ihrem Rücken. |
