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Alles für den einen Moment

Berlin, 06.07.2010.
André Roosen ist große Auftritte gewohnt. Als Kompaniechef im Wachbataillon repräsentiert er mit seinen Männern bei Protokolldiensten. Mit der nötigen Härte und viel Herzblut trainiert er seine Schützlinge. Y begleitet ihn bei seinem letzten großen Einsatz.

André Roosen, Chef der 2. Kompanie des Wachbataillons, salutiert. Im Hintergrund seine Kompanie.
André Roosen, Chef der 2. /WachBtl BMVg (Quelle: IMZ Bw/Sebastian Wilke)Größere Abbildung anzeigen

Die Nacht war kurz. Um sechs Uhr, nach vier Stunden Schlaf, ist Hauptmann André Roosen auf den Beinen. Der 29-Jährige ist Chef der 2. Kompanie des Wachbataillons beim Bundesministerium der Verteidigung. 210 Soldaten stehen in der Julius-Leber-Kaserne unter seinem Kommando. Protokollbefehl 147/2010 wird der krönende Abschluss seiner zweijährigen Zeit als Kompaniechef sein: der Große Zapfenstreich zu Ehren des scheidenden Bundespräsidenten Horst Köhler.

Bis in die frühen Morgenstunden haben vier Kompanien des Bataillons mit dem Stabsmusikkorps geübt. Roosen hat allerdings nicht nur den heutigen Abend im Kopf. Nebenbei übergibt er die Dienstgeschäfte an seinen Nachfolger. Und dann sind da noch die Beurteilungen. Trotz des Papierkrams gefällt es ihm, seine „Männer aufwachsen zu sehen“.

Er selbst wurde im Wachbataillon groß. Im Sommer 1999 kam er als Grundwehrdienstleistender hierher. Nach dem Unterricht bei seinem Zugführer entschied er sich für die Offizierlaufbahn. Weil im Wachbataillon keine Offizieranwärter ausgebildet werden, musste Roosen einen Umweg nehmen. So wurde er zunächst Grenadier, studierte später in Hamburg. Kurz vor Ende des BWL-Studiums ließ er sich für eine Verwendung beim Wachbataillon einplanen. Seine Erfahrung als Protokollsoldat kam ihm zugute. Er kennt die Anforderungen, die an seine Männer gestellt werden.

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Das Wachbataillon vor dem Großen Zapfenstreich im Park von Schloss Bellevue
Die Anspannung vor dem großen Auftritt (Quelle: IMZ Bw)Größere Abbildung anzeigen

Keine Aufregung nach über 300 Autritten

Wiederholt blickt der Hauptmann auf die Uhr. Punkt Zwölf erwartet er die Teileinheitsführer zur Besprechung, drei von ihnen fehlen noch. „Zeiten geben, Zeiten halten.“ Unpünktlichkeit missfällt ihm. Seine Zugführer melden 110 Soldaten für den Abend einsatzbereit. Zum Mittagessen kommt er heute nicht, schon um 13 Uhr beginnt die Ausbildung für den nächsten Tag.

Bei einem Empfang sind Roosens Männer dann im Bendlerblock gefordert. Damit sie bei den vielen Terminen nicht durcheinander kommen, setzt er zwei Stunden später eine Wiederholungsausbildung für den Großen Zapfenstreich an. Die darauf folgenden zwei Stunden nutzen die Soldaten zum Ruhen und Herrichten der Uniformen. Bügeln müssen sie selbst, sogar der Chef. Zwischendurch setzt sich Roosen wieder an die Beurteilungen.

Gegen 17.30 Uhr kommt der Hauptmann beim Abendessen in der Truppenküche kurz zur Ruhe. „Wenn es sich einrichten lässt, esse ich mit meinen Männern“, so Roosen. Zurück in der Kompanie legt er den Paradeanzug zurecht: Protokollstiefel, schwarze Koppel und der steingraue Paradehelm. Noch einmal geht er die Liste durch: Weiße Handschuhe, Näh- und Schuhputzzeug, alles dabei.

Aufgeregt bin ich nicht.“ Nicht nach über 300 Einsätzen in den vergangenen Jahren. „Aber erwartungsvoll, wie sich meine frisch ausgebildeten Männer schlagen werden.“ Für viele ist es der erste Einsatz. Er ist zuversichtlich, denn sie haben oft genug geübt – jeden einzelnen Handgriff, jedes Kommando, jeden Programmpunkt.

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Soldaten des Wachbataillons mit Karabiner in Reih und Glied
Wiederholungsübung für den abendlichen Auftritt (Quelle: IMZ Bw)Größere Abbildung anzeigen

300 Mann im Gleichschritt

Abfahrt ist 19.30 Uhr. Die neun Busse setzen sich in Bewegung. In Blickweite zum Schloss Bellevue nimmt die Formation Aufstellung. Mit dem eingegliederten Musikkorps marschieren die 300 Mann über die abgesperrte Kreuzung. Die eisenbeschlagenen Sohlen klacken auf dem Asphalt. Ein Blitzlichtgewitter von Passanten und Presse empfängt sie.

Mit Einsetzen der Dämmerung flammt die Rückseite des Schlosses in rot-orangenen Tönen auf. Zusätzlich beleuchten Fackelträger, die sogenannte Perlenkette, die Kulisse und den Balkon. Mehr als 200 geladene Gäste, darunter die Bundeskanzlerin und der Außenminister, haben im Schlossgarten Platz genommen. In Begleitung von Bundesratspräsident, Verteidigungsminister und Generalinspekteur schreitet Horst Köhler zum Podest.

Aus der Ferne dringen Kommandos. Ein einheitlicher Schritt nähert sich der gepflasterten Auffahrt. Fackelträger beleuchten die Formation. Stumm stehen sie da, regungslos. Nur auf Befehl des Kommandeurs, Oberstleutnant Marcus Göttelmann, werden sie aktiv. Das Musikkorps spielt den St. Louis Blues, einen Musikwunsch Köhlers. Alle Bewegungsabläufe sind synchron. Zum Gebet sinkt der Helm. Die Formation steht wie eine Wand und marschiert auf Befehl. Für Zuschauer ein beeindruckendes Spektakel.

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Das Wachbataillon beim Großen Zapfenstreich im Park vor Schloss Bellevue
Der Große Zapfenstreich vor Schloss Bellevue (Quelle: IMZ Bw)Größere Abbildung anzeigen

Disziplin und Aufmerksamkeit

Der einsetzende Applaus für den scheidenden Bundespräsidenten könnte auch dem Wachbataillon gegolten haben. Doch der Beifall erreicht Hauptmann Roosen nicht. Enttäuschung steht ihm ins Gesicht geschrieben. Für Laien fast unmerklich, dennoch nicht unsichtbar, haben zwei seiner Männer zu spät beim Greifen des Karabiners eingesetzt.

Beeindruckt von der Atmosphäre ließen sich die Soldaten wohl ablenken, vermutet Roosen. Oder sie haben ihren Kreislauf nicht genug auf Trab gehalten. Kurz nach Mitternacht lässt er noch einmal die Kompanie antreten. Er ist enttäuscht, spricht von Disziplin und Aufmerksamkeit. Nichts trifft ihn mehr, als wenn der Erfolg durch kleine Unachtsamkeiten zunichte gemacht wird.

Die beiden Soldaten müssen sich erst wieder beweisen. Beim Empfang im Bendlerblock werden sie nicht dabei sein. „Bei protokollarischen Anlässen sind wir die Visitenkarte der Bundesrepublik Deutschland“, sagt der Perfektionist. Das sollen seine Männer verstehen lernen. Langsam verfliegt Roosens Ärger. Lange kann er seinen Schützlingen eh nicht böse sein.

Die Garde
Start
Aufgestellt wurde das Wachbataillon beim Bundesministerium der Verteidigung (WachBtl BMVg) 1957 in Rheinbach. Mit mehr als 1.800 Soldaten in Berlin und Siegburg ist es heute das größte Bataillon der Bundeswehr.
Anforderungen
Protokollsoldaten müssen zwischen 1,78 und 1,95 Meter groß sein und die drei B’s erfüllen: Kein Bauch, kein Bart, keine Brille.
Tradition
Die historischen Wurzeln reichen zurück bis ins Jahr 1673 zum „Regiment Kurprinz“, benannt nach Kurprinz Friedrich zu Brandenburg.
semper talis
„Immer gleich!“, ist der Wahlspruch und Schlachtruf des Bataillons. Der lateinische Ausspruch steht für die allzeit hohe Leistungsbereitschaft der Soldaten.

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Stand vom: 08.07.2010 | Autor: Pascal Ziehm & Alexander Przewdzick

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