Der Sudan steht vor der Spaltung
Sudan, 27.07.2010.
Kaum ein Beobachter zweifelt noch daran, dass sich der Südsudan im nächsten Jahr vom Norden lossagen wird. Droht in dem Krisenherd Sudan ein neuer Bürgerkrieg? Y analysiert die Situation in Afrikas größtem Flächenstaat.

Dschuba ist ein schmutziges Provinznest mit nicht einmal 200.000 Einwohnern. Doch es tut sich etwas in der Verwaltungshauptstadt des autonomen Südsudan. Die Straße vom kleinen Flughafen ins Zentrum ist endlich asphaltiert, es gibt Supermärkte, Verkehrspolizisten regeln den Verkehr. Die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) installierte ein modernes Funknetz für die Polizei. Und vor kurzem eröffnete die Bundesrepublik hier sogar eine Botschaftsaußenstelle. Sie betätigt sich in Dschuba als Geburtshelfer – für Afrikas jüngsten Staat, über dessen Geburt aber offiziell noch gar nicht entschieden wurde.
Noch ist der Sudan Afrikas größter Flächenstaat. Doch das könnte sich ändern, wenn eine Mehrheit der Südsudanesen im kommenden Jahr in einem Referendum für die Autonomie stimmt. Mehr oder weniger offen bereitet sich der Westen auf eine Teilung des Sudan vor. Denn in Washington, Brüssel und Berlin glaubt man, nur so lasse sich ein erneutes Aufflackern des Bürgerkrieges Nord gegen Süd verhindern, der die fragile Region zusätzlich destabilisieren würde. Denn geteilt war der Sudan – ohnehin ein künstliches Gebilde, entstanden am kolonialen Reißbrett – immer schon: kulturell, ethnisch, politisch.
Dschuba und der ganze Süden, das ist das Afrika des Äquators. Im Unterschied zum arabisch geprägten Norden. Wird hier also mit maßgeblicher Hilfe der Vereinten Nationen nur getrennt, was ohnehin nicht zusammen gehört? Im jährlichen „Failed State Index“, dem Ranking „gescheiterter Staaten“ der amerikanischen Denkfabrik „Fund for Peace“ und des Magazins „Foreign Policy“, hält sich der Sudan seit 2005 in der Spitzengruppe der drei labilsten Ordnungen.

Kampf um Wasser und Ackerland
Die Islamisierung des Landes, die Ausrufung einer „Islamischen Republik Sudan“ 1981 und die Einführung der Scharia zwei Jahre später durch Präsident Dschafar Muhammad an-Numeiri bildeten den Nährboden für die heutigen Krisen, denn sie zerstörten das fragile Gleichgewicht zwischen radikalen, moderaten und nicht-islamischen Kräften im Land nachhaltig. Heute sind es vor allem zwei Konflikte, die die Einheit gefährden.
Südsudan: Vor allem Christen und Anhänger afrikanischer Religionen leben in einem Gebiet von der Größe Frankreichs. Der Südsudan strebte bereits vor der Unabhängigkeit die Loslösung vom Norden und die Aufhebung des „Dschuba-Abkommens“ an, das die Dominanz des Nordens über den Süden 1947 festschrieb. Zwischen 1955 und 1972 sowie in den 80er Jahren kam es daher zu Aufständen. Der eigentliche Separationskrieg begann aber 1983 unter Führung der Sudanesischen Volksbefreiungsarmee (SPLA). 2005 schloss man ein Friedensabkommen, das weitgehende Autonomie für den Süden festschrieb und 2011 ein Referendum vorsieht.
Darfur: 2003 brach der bis dato schwelende ethnische Konflikt zwischen schwarzafrikanischen Stämmen wie den Fur und der arabischstämmigen Minderheit offen aus – in einem Gebiet größer als Schweden. Die Vorgeschichte: Zahlreiche Dürreperioden, die Verknappung von Ackerland und Wasser sowie eine starke Zunahme der Bevölkerung verschärften in den 80er Jahren den Konflikt zwischen afrikanischen Bauern und arabischen Viehhirten. Zudem trieb der Ausbruch des Bürgerkriegs im Südsudan 1983 zahlreiche Flüchtlinge vom Stamme der Dinka in die Region.

Geld und Waffen aus Libyen
2003 begann der Aufstand der zwei Rebellengruppen SLA (Sudanesische Befreiungsarmee) und JEM (Bewegung für Gerechtigkeit und Gleichheit). Die Regierung wiederum setzte auf Luftbombardements und unterstützte die berüchtigten arabischen Dschandschwaid-Reitermilizen („Geisterreiter“), die in Darfur eine blutige Spur hinterließen. Schätzungsweise 200.000 Menschen starben, 2,5 Millionen wurden vertrieben.
Großmächte und Nachbarn verfolgen eigene Interessen: der Tschad unterstützt die Rebellen in Darfur. Zeitweilig führte das dazu, dass sich die Nachbarstaaten im Kriegszustand befanden – mit bedrohlichen Folgen für die innere Stabilität des kleineren Tschad. Sudans nordwestlicher Nachbar Libyen war im Darfur-Konflikt treibende Kraft. Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi begründete schon früh den Anspruch arabischer Dominanz in der Provinz.
Der Kampf der Reitermilizen gegen die afrikanischen Fur wurde mit Geld und Waffen aus Libyen geführt. Erst Gaddafis Wandel vom pan-arabischen Heißsporn zum selbst ernannten Friedensstifter hat die Chancen auf eine Beilegung des Konflikts verbessert. Die Beziehungen des Sudan zum Nachbar Äthiopien, der von der Weltgemeinschaft zunehmend in die Rolle einer Mittelmacht gedrängt wird, haben sich in den letzten zehn Jahren verbessert.

Im Fokus konkurrierender Supermächte
Obwohl Äthiopien Rückzugsgebiet sudanesischer Rebellen ist, bemüht sich Addis Abeba, das Verhältnis zu Khartum zu verbessern. Äthiopien wünscht keine Teilung des Sudan, richtet sich aber de facto darauf ein – und hofft vor allem als Vormacht im IGAD (ein regionales nordostafrikanisches Staatenbündnis) auf eine „geordnete Trennung“.
Verheerend für den Sudan war es, in den Fokus konkurrierender Supermächte zu geraten. Vor allem die Chinesen engagierten sich schon früh in dem rohstoffreichen Land. Das Regime des sudanesischen Präsidenten Omar al-Baschir wird von Peking nicht nur politisch, sondern auch finanziell unterstützt. Die chinesische National Petroleum Corporation (CNPC) ist mit einem Fünf-Milliarden-Dollar-Ölfeldentwicklungsprogramm größter Auslandsinvestor im Sudan.
Seit 1999 hat China mindestens 15 Milliarden Dollar im Sudan investiert. Doch auch dem Westen gehe es um „strategische Interessen“, vor allem um Rohstoffinteressen, behauptet der Sudan-Experte Stefan Kröpelin von der Forschungsstelle Afrika an der Universität zu Köln. Seit der US-Ölkonzern „Chevron“ Ende der 1970er Jahre im Südsudan Öl gefunden hatte, wurden die südsudanesischen Rebellen von den USA systematisch mit Waffen beliefert und trainiert.

Keine perfekte, aber eine historische Wahl
Die Arabische Liga, die Khartum vorbehaltlos unterstützt, kritisiert vor allem den 2009 gegen al-Baschir verhängten internationalen Haftbefehl als Beispiel für „modernen Kolonialismus“, wie Syriens Präsident Baschar al-Assad es bezeichnete. Ziel sei es, den Sudan zu zerstückeln und seiner Reichtümer zu berauben.
Die Wahlen von Mitte April 2010 – Amtsinhaber al-Baschir gewann den ersten Urnengang seit 24 Jahren mit 68 Prozent der Stimmen – bezeichneten Arabische Liga und Afrikanische Union (AU) als „frei“, „fair“ und „beispielhaft“. „Dies ist nicht eine perfekte Wahl, aber es ist eine historische Wahl
“, sagte Kunle Adeyemi, nigerianischer Leiter der AU-Beobachter. US- und EU-Beobachter sind wesentlich kritischer, denn es gab zahlreiche Fälle von Manipulationen.
Die wahre Bewährungsprobe für Afrikas größten Flächenstaat ist das Referendum im Januar 2011. Einen Bürgerkrieg als Folge der Separation des Südens sieht Stefan Kröpelin nicht heraufziehen. Er glaubt, Präsident Omar al-Baschir wird eine geordnete Loslösung des Südsudan akzeptieren und sich so eines Dauerkonfliktes entledigen. Denn laut Kröpelin glaubt al-Baschir, dass das neue Staatengebilde kaum überlebensfähig ist und sich dem Norden freiwillig wieder annähern wird.
Mitspieler
| China... |
|---|
| ...begrüßt die Wiederaufnahme von Friedensgesprächen zwischen der sudanesischen Regierung und der Opposition in Darfur. Als Vermittler bei der Konfliktbeilegung in Darfur hatte das Scheichtum Katar angekündigt, dass wieder Verhandlungen aufgenommen werden. |
| USA... |
| ...haben den Sudan mit Wirtschaftssanktionen belegt, gezielte Sanktionen gegen Verantwortliche des Darfur- Konflikts ausgesprochen und den Sudan auf eine Liste von Staaten gesetzt, die als Sponsoren von internationalem Terrorismus gelten. |
| Tschad... |
| ...hat nach fünfjährigen Feindseligkeiten und gescheiterten Annäherungsversuchen 2008 ein Friedensabkommen mit dem Sudan unterzeichnet. In dem Vertragstext erklären die Präsidenten, alle destabilisierenden Aktivitäten bewaffneter Gruppen auf ihrem Territorium zu unterbinden. |
