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Hogwarts an der Förde

Flensburg, 17.06.2010.
Anders als bei Harry Potter wird an der Marineschule Mürwik nicht gezaubert, sondern seit 100 Jahren eine professionelle Marineausbildung mit modernster Technik in alter Backsteingotik den Offizieranwärtern geboten.

Vereidigung und feierliches Gelöbnis der Offizieranwärter der Crew VII/07 an der Marineschule Mürwik
Die Marineschule in Flensburg-Mürwik (Quelle: PIZ Marine/Björn Wilke)Größere Abbildung anzeigen

„Wir kamen an und dachten: Wow! Was für ein schönes rotes Schloss!“ Als Annike Borchers, Sandra Bötte und Arne Birnbaum im Juli vorigen Jahres zum ersten Mal das Gebäude der Marineschule Mürwik sahen, waren die drei Offizieranwärter schwer beeindruckt. Imposant, ja geradezu majestätisch wirkte auf sie der altehrwürdige rote Backsteinbau mit seinen langen Gebäudeflügeln und dem burgähnlichen Turm. Malerisch schön liegt er inmitten eines weitläufigen Parks am Ufer der Flensburger Förde.

Sofort waren die drei von ihrer neuen Heimat begeistert, in der sie 15 Monate lang das grundlegende Handwerkszeug eines Marineoffiziers erlernen: infanteristisches, seemännisches und nautisches Basiswissen. Mit ihnen zusammen lernen hier 250 Offizieranwärter von rund 200 Ausbildern das A und O der Marine. Inzwischen ist für die Mitglieder der „Crew“ VII/09, wie die Marine ihre Einstellungsjahrgänge traditionell bezeichnet, der zehnte Monat ihrer Ausbildung um. Noch immer sind die drei jungen Soldaten von ihrem „Hogwarts am Meer“ begeistert.

„Alle Zimmer haben einen direkten Blick zur See. Das ist total schön, wenn da die Sonne untergeht“, erzählt Sandra Bötte. In fünf Monaten müssen die drei Kadetten allerdings ausziehen, denn dann steht ihr Studium an. Annike Borchers und Arne Birnbaum werden Luft- und Raumfahrttechnik an der Bundeswehr-Universität München studieren, Sandra Bötte Geschichtswissenschaften in Hamburg. In frühestens vier Jahren kehren sie zur Fach- und Systemausbildung nach Mürwik zurück. „In der Zwischenzeit bleiben wir natürlich mit der Schule verbunden“, meint Annike Borchers.

Immer wieder zeigen sich viele Marineoffiziere von ihrer Alma Mater begeistert, obwohl ihre Ausbildung Jahre zurück liegt. „Das Gebäude strahlt eine unglaubliche Kontinuität und Tradition aus, in der ich mich sofort geborgen gefühlt habe“, erzählt Kapitän zur See Thomas J. Ernst. Der 54-Jährige absolvierte vor über drei Jahrzehnten seine Grundlagenausbildung in Mürwik, kam vor wenigen Wochen in die Schule zurück – als ihr Kommandeur. „Das ist eine der schönsten Verwendungen in der Marine“, sagt der erfahrene Offizier stolz.

Seiner Ansicht nach führt das besondere Flair der Schule nicht nur dazu, sich gerne an die Zeit hier zu erinnern. Die historischen Mauern würden auch dazu beitragen, während der Ausbildung eine emotionale Bindung zum Beruf des Marineoffiziers und der Marine aufzubauen. „Hier entwickelt man schnell einen gewissen Stolz auf seinen Beruf, findet seine berufliche Heimat“, sagt Ernst.

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Vier Marine-Soldaten im Schiffführungssimulator der Marineschule Mürwik mit 250 Grad Panorama-Sichtsystem
Hightech im Schiffführungssimulator (Quelle: PIZ Marine/Björn Wilke)Größere Abbildung anzeigen

Tradition und Moderne

Freilich liegt das nicht nur am Ambiente des altehrwürdigen Schulgebäudes. Vielmehr verbindet die Schule Tradition und Moderne in einer gelungenen Art und Weise, was sich vor allem bei der Ausbildung der Offizieranwärter zeigt. Bewahrenswertes wird dabei ebenso gepflegt, wie Neues in den Schulbetrieb einfließt. So heißt das Buch zur 100-Jahr-Feier passend „Moderne Ausbildung in historischen Mauern“.

Das Moderne wird vor allem in einem unscheinbaren Gebäude neben dem neu gestalteten Sportplatz der Schule deutlich. Im Erdgeschoss genügt ein kleiner Schritt über eine winzige Schwelle, um plötzlich mitten auf der Brücke eines fahrenden Kriegsschiffes zu stehen: In einem halbrunden, etwa 20 Quadratmeter großen Raum steht in der Mitte ein echtes Steuerrad, drum herum zahlreiche originale Navigationsgeräte und Bedienelemente. Durch die Fenster ist das kristallblaue Meer zu sehen, im Hintergrund ist das Rauschen von Wind und Wellen zu hören, dazu das gedämpfte Brummen von Schiffsmotoren.

Passend zum mäßigen Seegang schwankt sogar der Boden ein wenig. Es ist natürlich bloß eine Illusion, aber eine täuschend echte. Seit 1997 betreibt die Marineschule Mürwik einen hochmodernen Schiffführungssimulator, der neben der Brücke aus sechs Kabinen besteht, die im ersten Stockwerk liegen. Insgesamt können die Offizieranwärter parallel auf bis zu sieben Schiffen „zur See fahren“ und die im Unterricht erlernten nautischen Regeln praktisch anwenden.

Mögliche Situationen, mit denen die Führungskräfte später auf hoher See konfrontiert werden, etwa das An- und Ablegen oder das Betanken auf hoher See, projizieren die Ausbilder auf der Brücke auf eine 250 Grad breite Leinwand. In den Kabinen steht ein 120 Grad Sichtsystem zur Verfügung. Sei früher für den Betrieb eines solchen Systems ein Gebäuderaum „bis zum Rand voll mit Rechnern“ gefüllt gewesen, erzählt Simulatorleiter Fregattenkapitän Erich Müller, „sei der Server-Raum heute sehr übersichtlich“.

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Obergefreite Annike Borchers, Arne Birnbaum, Sandra Bötte (v.l.) in der Aula der Marineschule
OG Borchers, Birnbaum, Bötte (v.l.) in der Aula (Quelle: IMZ Bw/Sebastian Wilke)Größere Abbildung anzeigen

Den Blick zur See gerichtet

Die Technik habe sich in den letzten Jahrzehnten eben deutlich weiterentwickelt – wie im Übrigen auch die Gepflogenheiten an der Schule. Heute leben die Offizieranwärter zu zweit auf einer Stube, teilen sich ein Bad mit zwei weiteren Kameraden. „Früher lagen sechs Soldaten auf einer Stube und 20 teilten sich das Bad“, erzählt Hauptbootsmann Andreas Maillard, der seit zehn Jahren an der Schule arbeitet und heute Spieß der 2. Inspektion ist.

Das beeindruckendste Sinnbild für Tradition an der Marineschule ist die Aula. In dem wunderschön holzvertäfelten Saal befinden sich zahlreiche Gemälde mit bedeutenden Kriegsschiffen wie der „Gneisenau“. Außerdem stehen hier mehrere Bronzebüsten von „großen Führern unserer deutschen Flotte“, darunter Vizeadmiral Maximilian Graf von Spee und der Befehlshaber der ersten Reichsflotte, Konteradmiral Karl Rudolf Brommy.

Seit 1923 hängen in der Aula auch Ehrentafeln für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Seeoffiziere und -anwärter. Als Zeichen des Respekts dürfen die Offizieranwärter die Aula nur in „erster Geige“, ihrem Dienstanzug, betreten. Ein kleines Detail in der wunderschönen Kassettendecke der Aula bricht allerdings mit der Tradition: So schaut der große Reichsadler in der Mitte nicht richtigerweise nach rechts, sondern nach links – in Richtung See.

Blick auf den Bootshafen der Marineschule von der Seeseite, Bild von 1957
Der Bootshafen der Marineschule von der Seeseite (Quelle: Wehrgeschichtliches Ausbildungszentrum)Größere Abbildung anzeigen

Warum, weiß niemand genau. „Man munkelt, dass der Reichsadler nicht in Richtung See gucken konnte, während alle Unterkünfte ausnahmslos zur Seeseite zeigen, um den späteren Marineoffizieren ihr künftiges Element ständig vor Augen zu führen“, erklärt Sandra Bötte, die angehende Geschichtsstudentin. Und fügt hinzu: „Ich habe ja bald an der Universität Zeit, auch das herauszufinden.“

100 Jahre Marine Mürwik
Gründungszeit
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts befand sich die Kaiserliche Marine in einer Phase des schnellen und großzügigen Aufbaus. Die in Kiel stehende Offizierschule platzte aus allen Nähten. In Flensburg entstand von 1907 bis 1910 das heutige Schulgebäude. Die ersten Fähnriche zogen am 1. Oktober 1910 ein.
Erster Weltkrieg
Mit der Mobilmachung im August 1914 wurde die Schule zunächst geschlossen. Die Marine rechnete mit einem kurzen Krieg. Doch schon im Januar 1915 begann die Ausbildung wieder. Die Seekadetten absolvierten hier die dreimonatige Grundausbildung, bevor ihre Ausbildung an Bord der Schulkreuzer fortgesetzt wurde.
1920er
Nach der Kriegsniederlage stellte die Schule während der Novemberrevolution 1918 den Ausbildungsbetrieb ein. Das Gebäude diente als Unterkunft für britische Truppen. Im September 1920 nahm sie den Ausbildungsbetrieb wieder auf.
Zweiter Weltkrieg
Im Zuge der allgemeinen Aufrüstung unter Hitler ab 1933 wurde auch die Marine erheblich vergrößert. Die Zahl der Offizieranwärter stieg kontinuierlich. Im Mai 1943 wurde die Marineschule in Marinekriegsschule umbenannt, diente in den letzten Kriegswochen als Lazarett. Der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, Großadmiral Karl Dönitz, übernahm am 1. Mai 1945, nach dem Tod Hitlers, die Führung der letzten deutschen Reichsregierung. Regierungssitz wurde die Sportschule der Marineschule. Von hier aus wies Dönitz die bedingungslose Kapitulation des Deutschen Reiches an.
Nachkriegszeit
Am 23. Mai verhafteten die Briten alle Mitglieder der Reichsregierung. Nach 1945 diente die Marineschule weiter als Krankenhaus und Unterkunft für Vertriebene. Ab 1949 wurde der Nordflügel als Zollschule benutzt und im Südflügel entstand eine Pädagogische Hochschule. Im November 1956 begann die Deutsche Marine mit der Ausbildung ihrer ersten bundesdeutschen Offizieranwärter. Ab Sommer 1959 nutzte die Bundesmarine die Marineschule wieder alleine.

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Weitere Informationen

Weiterführende Links

Stand vom: 17.06.2010 | Autor: Lars Petersen

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