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»Mehr Soldatsein geht nicht«

Torgelow, 15.07.2010.
In "nichtinternationalen bewaffneten Konflikten" werden sie immer wichtiger. Aufgesessen im Schützenpanzer oder abgesessen infanteristisch – kämpfen können die Soldaten des Panzergrandierbataillons 401.

Ein Gefreiter in Feldanzug, mit Stahlhelm und G36 auf einer hohen Wiese auf dem Truppenübungsplatz in Torgelow
Gelände gesichert auf dem Truppenübungsplatz (Quelle: IMZ/Bw Sebastian Wilke)Größere Abbildung anzeigen

Panzergrenadiere. Sollte man diese Truppengattung mit einem einzigen Satz beschreiben, dann wäre es wohl dieser: „Das grüne Geschäft – mehr Soldatsein geht nicht.“ Davon ist Oberstleutnant Michael Felten (45) überzeugt. Seit knapp anderthalb Jahren ist er Kommandeur in der Hagenower Ernst-Moritz-Arndt-Kaserne, der Heimat des Panzergrenadierbataillons 401. Erst vor wenigen Wochen ist er aus dem Einsatz zurückgekehrt.

Von Anfang Dezember 2009 bis Ende März 2010 war der Heeresoffizier als Chef des Stabes des deutschen Einsatzkontingentes KFOR in Prizren eingesetzt. Die monatelange Abwesenheit von Familie und Freunden ist eine Erfahrung, die er mit vielen seiner rund 1.150 Bataillonskameraden teilt. So waren drei Kampfkompanien des Gesamtverbandes nacheinander für jeweils vier Monate als Stadtkompanie im Rahmen des KFOR-Einsatzes in Prizren.

Zusätzlich stellt das Bataillon seit Mitte vergangenen Jahres ebenfalls zirka 100 Soldaten für die „Quick Reaction Force“ für den ISAF-Einsatz in Afghanistan zur Verfügung. Zudem unterstützen die 401er alle Einsatzkontingente mit umfangreichen Einzelabstellungen von hoch qualifiziertem Schlüsselpersonal. Die 1.150 Angehörigen des Panzergrenadierbataillons 401 haben den Ansporn und Anspruch zugleich, überall auf der Welt professionell ihren Dienst zu versehen. „Gleichzeitig läuft bei uns zu Hause der ganz normale Grundbetrieb weiter.

Dazu gehört auch, dass wir jährlich bis zu 1.200 Rekruten in der fünften Kompanie und der Rekrutenkompanie 7 ausbilden“, erklärt Felten. Die Rekrutenkompanie bildet für den Kommandobereich des Heeresamtes aus. Die Soldaten werden nach der Allgemeinen Grundausbildung bundesweit versetzt. Einer von ihnen ist Christopher Wendt. Der 22-jährige Panzergrenadier (RekrKp 7) leistet seit dem 1. April als freiwillig länger Dienender seinen Grundwehrdienst in Hagenow.

Bislang gefällt es ihm gut. Vor allem, dass „man nicht groß diskutiert, sondern jeder dem anderen hilft, wenn Not am Mann ist.“ Daher steht für den gelernten Kfz-Mechatroniker schon jetzt fest, dass er die Feldwebellaufbahn einschlagen möchte. Dass dies auch bedeutet, dass er einmal in den Einsatz gehen wird, schreckt ihn nicht ab. „Die Zwischenfälle in Afghanistan stimmen natürlich traurig, aber sie beängstigen mich nicht“, sagt er. Nicht zuletzt dieser positiven Einstellung verdankt es Wendt, dass ihn seine Kameraden zur Vertrauensperson wählten: „Da bin ich schon stolz drauf.“

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Drei Grenadiere in Feldanzug sitzen auf den Schützenpanzer Marder durch die Heckklappe auf
Sieben Grandiere passen in den Marder (Quelle: IMZ Bw/Sebastian Wilke)Größere Abbildung anzeigen

Ausbilden für den Einsatz

Das Gefühl kennt auch Frank Magnus. Mit 28 Jahren ist der Hauptmann einer der jüngsten Kompaniechefs, den das Bataillon je hatte. Seit gut acht Monaten führt er die zweite Kompanie. Eine Traumverwendung, wie er sagt. Und eine mit Tradition. Der studierte Historiker stammt aus einer Soldatenfamilie – alles Panzergrenadiere: „Die grünen Litzen sollten es da auf jeden Fall werden.“ Grün ist offenbar seine Lieblingsfarbe.

Ein Blick auf die Planungstafel der Zweiten liefert den Beweis. Grün, wohin man auch schaut. „Grün steht für Gefechtsdienst.“ Die Kompanie bildet dabei im Rahmen der Operationen mit verbundenen Kräften panzergrenadiertypische Dinge aus. Der Fokus liege hier auf dem Einsatz. So werden der infanteristische Kampf im offenen Gelände oder das Bekämpfen von Zielen in unterschiedlichen Entfernungen mit dem G36 und der Panzerfaust geübt.

Hintergrund: Als Teil der Stabilisierungskräfte leisten die Hagenower für streitkräftegemeinsame Operationen einen maßgeblichen Beitrag. Dreh- und Angelpunkt ist dabei das Hauptwaffensystem des Verbandes, der Schützenpanzer (SPz) Marder, mit dem die Mecklenburger übrigens 1993 als Nachfolger für den ausgemusterten BMP 1 – „Bojewaja Maschina Pjechotui“, einen schwimmfähigen Schützenpanzer aus russischer Entwicklung – ausgestattet wurden.

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Kameradschaft ist die Triebfeder

Heute wird der Marder unter anderem in Afghanistan genutzt. Dort soll er im engen Zusammenwirken mit abgesessenen Kräften eingesetzt werden. Das muss wieder und wieder geübt werden. Aufenthalte auf Truppenübungsplätzen und vor allem im Gefechtsübungszentrum des Heeres in Letzlingen/Altmark seien daher, so Hauptmann Magnus, die Prüfsteine für jeden Chef. Er selbst war bereits im Kosovo. Für 2012 ist das Bataillon erneut für ISAF eingeplant: „Dann hoffentlich mit mir als Kompaniechef.“

An sich selbst stellt er einen hohen Anspruch. Nur durch Vorbild könne man auch motivieren. „Die Triebfeder für alles ist jedoch die Kameradschaft. Sie steht bei uns über allem.“ Und wer dies nicht glauben wolle, der sollte sich einmal mit erfahrenen Feldwebeln unterhalten, die mehrfach im Gefecht gestanden hätten, rät Magnus. „Doch in letzter Konsequenz geht Familie über alles“, findet der 28-Jährige, der Vater eines kleinen Sohnes ist. Für ihn war es daher eine Selbstverständlichkeit, dass auch er für sich zwei Monate Elternzeit in Anspruch nahm: „Ob Truppenübungsplatz oder Babypause, bei beiden ist der Nachtanteil ziemlich groß.“

Davon wird bald auch Tanja Kutz aus der zweiten Kompanie ein Lied singen können. Die Hauptgefreite ist eine von rund zwei Dutzend Soldatinnen des Verbandes und erwartet zurzeit ihr erstes Kind. Seit 2007 ist sie bei der Bundeswehr. Von Anfang an stand dabei für sie fest: „Ich will zur Kampftruppe.“ Inzwischen hat sie auch einen Führerschein für Kettenfahrzeuge. Doch damit ist vorläufig Schluss. „Seit ich schwanger bin, darf ich nicht mehr Panzer fahren“, bedauert die Mannschaftssoldatin.

Auf die Frage, ob auch hier das alte Klischee gelte, Männer könnten besser mit technischem Gerät umgehen als das vermeintlich schwache Geschlecht, antwortet sie: „Frauen sind auch hier die besseren Kraftfahrer, weil sie sogar mit etwas so Kraftvollem wie einem 33 Tonnen schweren Schützenpanzer einfach gefühlvoller umgehen.“

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Zwei getarnte Grenadiere im Wald
Gut getarnt gibt's eine Lageeinweisung (Quelle: IMZ Bw/Sebastian Wilke)Größere Abbildung anzeigen

Ohne Fingerspitzengefühl geht gar nichts

„Der Marder ist ausgesprochen robust. Seine Stoßdämpfer gehen so gut wie nie kaputt“, freut sich Christoph Klaus aus der ersten Kompanie. Der 24-jährige Stabsunteroffizier ist gelernter Kfz-Mechaniker. An dem Kettenfahrzeug zu schrauben sei aber wesentlich spannender als an einem normalen Auto. Kein Wunder also, dass der – so die offizielle Dienstpostenbeschreibung – „Instandsetzungs-Unteroffizier SPz Marder“ im täglichen Dienstbetrieb „Marderschrauber“ genannt wird.

Ohne Fingerspitzengefühl läuft auch bei Oliver B. gar nichts. Der 23-jährige Hauptgefreite dient im ersten Zug der vierten Kompanie als einer von 18 Scharfschützen. Wie es dazu kam, erläutert der gelernte Briefträger so: „Ich kann mich halt einfach gut auf etwas konzentrieren.“ B. ist ein bedächtiger Mann, der nichts dem Zufall überlässt. Auch nicht die Wahl, Zeitsoldat zu werden.

Vor seiner Bundeswehrzeit absolvierte er erst einmal ein freiwilliges soziales Jahr im Gesundheits- und Sozialwesen. Seit knapp anderthalb Jahren ist er nun ausgebildeter Scharfschütze. Seine Waffe – das G22 – hat eine Reichweite von einem Kilometer. „Auf 800 Meter bin ich treffsicher beim Erstschuss“, sagt der Hauptgefreite. Obwohl er sein G22 keinem anderen zum Putzen anvertrauen mag, würde er sich nie als Waffennarr bezeichnen. Von dieser einseitigen Betrachtung seiner Arbeit hält er – ebenso wie seine Kameraden – rein gar nichts.

Filme wie „Sniper Shooter“ schaltet er deshalb bereits nach wenigen Minuten ab. Ohnehin hat er Besseres zu tun. Denn nach seinem Einsatz auf dem Balkan stellt er sich auf den nächsten Einsatz ein: „Da liegt selbstverständlich der Schwerpunkt auf der Vorbereitung.“ Wie die aussehen kann, dazu hat Stabsfeldwebel Jürgen Hemken (43), Spieß der fünften Kompanie, seine eigene Philosophie. Über seinem Schreibtisch hängt ein Zitat von US-General George Smith Patton Jr.: „Sag Menschen nie, wie sie Dinge tun sollen. Sag ihnen, was zu tun ist, und sie werden dich mit ihrem Einfallsreichtum überraschen.“

Den Spruch an der Pinnwand habe er von seinem Vorgänger geerbt. „Er hat mir so gut gefallen, dass ich ihn einfach übernommen habe.“ Besonderes Augenmerk legt der ehemalige Mörserschütze dabei auf zwei Dinge. Zum einen sollen alle seine Soldaten wissen, dass er stets ein offenes Ohr für sie hat. Zum anderen liegt ihm die Ausbildung am Herzen. Höchsten Respekt hat er deshalb vor den Ausbildern in der Allgemeinen Grundausbildung: „Sie haben schon einen verdammt harten Job, weil sie den Soldaten ja buchstäblich das Gehen beibringen müssen. Wenn wir hier etwas falsch machen, kriegen wir das nie wieder aus den Köpfen raus.“

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Mehr Achtung in der Bevölkerung

Jamin Afram aus der „Zweiten“ trifft das Y-Team auf dem Standortübungsplatz in Hagenow. Geübt wird gerade der Wechsel der Kampfweise. Immer wieder Auf- und Absitzen auf den Schützenpanzer. Der 20-jährige Obergefreite durchläuft momentan die Ausbildung im hinteren Kampfraum des Marders: „Das ist ein bisschen wie Achterbahnfahren, man weiß ja nicht, wohin es geht.“

Mit bis zu 65 Stundenkilometern donnert der Panzer durch die ausgefahrenen Furchen. Ein imposanter Anblick. Fast wie ein Schiff aus Eisen, das sich durchs Gelände bewegt. Wird man dabei nicht seekrank? „Ich zum Glück nicht“, sagt Afram erleichtert. Mehr auf den Magen schlägt ihm ohnehin, dass seiner Meinung nach der Großteil der Bevölkerung nicht die Wichtigkeit des Auftrages der Bundeswehr sehe, und den Soldaten somit der Rückhalt in ihrem zivilen Umfeld fehle.

Worte, die Torsten Koch (35) aus der Seele sprechen. Seit 17 Jahren ist der Hauptfeldwebel Bundeswehrsoldat, jetzt in der dritten Kompanie. Viermal war er bereits im Einsatz. Unter anderem von Ende 2007 bis 2008 in Kunduz. „Wir sind damals beinahe jede Nacht mit Raketen beschossen worden, aber in Deutschland wurde so gut wie gar nicht darüber berichtet“, kritisiert der Berufssoldat. Inzwischen ändere sich jedoch die Medieneinstellung. Koch ist erleichtert darüber: „Jetzt weiß auch der Nachbar, was wir dort leisten.“

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Wo liegt Hagenow?
Rund 25 Kilometer südwestlich von Schwerin liegt die Kleinstadt Hagenow im Südwesten Mecklenburgs. Hagenow hat zirka 12.000 Einwohner und wird erstmalig um 1190 urkundlich erwähnt.
Wem unterstehen die 401er?
Seit 2006 ist das Panzergrenadierbataillon 401 ein Truppenteil der Panzergrenadierbrigade 41 „Vorpommern“ in Torgelow. Der Leitspruch der Brigade 41 lautet: „Bereit zu helfen – Fähig zu kämpfen.“
Wie viele dienen hier?
In der Ernst-Moritz-Arndt-Kaserne dienen rund 1.450 Soldaten in sechs Kompanien. Darunter sind ungefähr 400 Rekruten. Zur Ausbildung nutzen sie unter anderem den standortnahen Truppenübungsplatz Lübtheen.

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Bilder


Stand vom: 15.07.2010 | Autor: Colla Schmitz

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