Stettin, Stavanger, Kabul
Stavanger/Kabul, 22.07.2010.
Über 200 Soldaten des Multinationalen Korps Nordost stellen seit Februar das ISAF-Joint Command in Kabul. Dabei ist Major i.G. Eckard Holz*. Y begleitete ihn vor dem Einsatz bei der Stabsübung in Stavanger am Joint Warfare Center (JWC) und besuchte ihn in Kabul.

Für einen Augenblick weiß der Lieutenant Colonel der U.S. Army nicht, ob er sich auf dem Hin- oder Rückweg seiner Übung befindet. Es ist dunkel, unmöglich sich am Licht zu orientieren. Verschiedene Sprachen sind zu hören: Dänisch, Polnisch, Slowakisch, Lettisch, Deutsch; überlagert vom ‚Broken English‘.
Am Joint Warfare Center (JWC) der NATO im norwegischen Stavanger üben mehr als 100 Soldaten des Multinationalen Korps Nordost (MNCNE) aus dem polnischen Stettin die Stabsarbeit. Nicht, dass sie das nicht schon könnten. Hier werden sie gezielt mit den Computerprogrammen ausgebildet, die bei ISAF Standard sind. Und sie lernen ihre Counterparts – im Deutschen als Ansprechpartner bekannt – kennen.
Die Begriffe sind einheitlich englisch, das schleicht sich in deutsche Unterhaltungen ein und führt zu einem seltsamen Sprachmix. Der deutsche Major i.G. Eckard Holz ist einer der Übenden. Gemeinsam mit seinen Kameraden findet er sich in einer alten Turnhalle wieder. Dort steht das nachgebaute Lagezentrum des Vier-Sterne-Hauptquartiers in Afghanistan. Zwischen der Turnhalle und dem Einsatzgebiet liegen 5.282 Kilometer.
Wie realistisch kann eine fünftägige Übung hier sein? Äußerst! Sechs Terabyte Daten bringen den afghanischen Einsatz-Alltag in das JWC. Über 900 Computer verarbeiten die zwei Monate alten Daten und können Informationen wie Luftaufnahmen, Stellungsmeldungen und Drohnenflüge darstellen. Fast täglich erfahren die Soldaten von Verwundeten, Vermissten und von Verlusten. Im Hauptquartier laufen alle Informationen zusammen. Sie erfahren alles.
Der Umgang mit dieser Art von Informationen muss vor dem Einsatz in Afghanistan gut eingeübt werden. Das geschieht hier in Stavanger. Mehr als 1.700 Vorfälle begegnen den Soldaten des multinationalen Korps in der Übung, von der Wettermeldung bis zum Anschlag. Alles real, weil schon einmal in Afghanistan passiert.
Holz koordiniert die Zusammenarbeit mit der afghanischen Armee und Polizei: „Ich finde den Arbeitsbereich sehr interessant. Das wollte ich machen, und so meinen Beitrag leisten.“
Dass er dazu im Einsatz das Camp verlassen werden muss, schreckt ihn nicht ab. Er kennt es schon aus seiner Zeit als Kompanie-Chef bei ISAF und KFOR. „Wer das Camp verlässt, hat zumindest subjektiv das Gefühl, sinnvolle Arbeit zu leisten“.

Offen und tolerant im multinationalen Einsatz
Kabul, fünf Monate später. Für Major Holz geht es im ISAF HQ um kurz nach sechs Uhr erstmal zur Dining Facility, also zum Frühstück. Danach fährt er mit seinen rumänischen und amerikanischen Kameraden in die vier Kilometer entfernte Dienststelle in das afghanische Innenministerium.
Seinen Dienst verbringt Holz nicht nur mit ISAF-Soldaten aus vielen verschiedenen Ländern. Er steht darüber hinaus im engen Kontakt mit Afghanen. Das beginnt beim Verfassen von englischsprachigen Reports, die er in den täglichen multinationalen Konferenzen präsentiert; geht bei der Zusammenarbeit mit verschiedenen Behörden in Kabul weiter, wozu auch das ISAF HQ zählt.
Hier beachtet der Major die minütlichen Meldungen und beantwortet sie – natürlich in der Amtssprache Englisch. Schlussendlich fungiert Holz als Mittler zwischen der Afghan National Police (ANP) und ISAF. Es geht um Unterstützungsleistungen, zum Beispiel Konvoi-Begleitung oder Lufttransport anzufordern, für ANP und ISAF.
Holz muss bei dieser Arbeit auf Eigenheiten beider Seiten achten. Wird beispielsweise ein Hubschrauber gebraucht, zählt für die ANP nur, dass er kommt. Für ISAF dagegen muss klar sein, warum, wann, wo, mit wie vielen Passagieren, zu welchem Zweck, bei welcher Bedrohungslage, mit welcher Landeplatz-Kennzeichnung. Hier zeigen sich die unterschiedlichen Kulturen.
Bei ISAF herrscht – überspitz formuliert – Informationsperfektion. Die ANP scheint da der einfachere Partner zu sein. Dafür ist sie an anderer Stelle weniger verlässlich: Termine werden nicht gesetzt, sondern ergeben sich spontan. „Bei der täglichen Einsatzarbeit im multinationalen Bereich sollten die Soldaten weltoffen und tolerant sein
“, sagt Major Holz.
Äußerst wichtig bei der Arbeit in Afghanistan sind der Respekt im Umgang und die Einhaltung der Etikette. Ränge zählen weniger. Zum Beispiel wird zu jedem Gespräch Tee gereicht. Das gehört einfach dazu, ist Teil des Treffens. Wer diese Tradition nicht respektiert, disqualifiziert sich für die Zusammenarbeit. Ein anderes Indiz für den gesellschaftlichen Stand in Afghanistan mutet im ersten Moment etwas seltsam an: ein massiver Schreibtisch. Ist das Büro auch noch so klein, dafür ist immer Platz.
Ein besonders schönes Exemplar findet sich bei Colonel Alimust. Mit dem Planungschef bespricht Holz die Koordination von ISAF-Flügen, die durch die ANP angefordert wurden. Grundvertrauen und Unvoreingenommenheit sind die Voraussetzungen für gute Zusammenarbeit mit den afghanischen Offiziellen. Auch wenn Holz weiß, dass ihm gegenüber oft kampferfahrene, ehemalige Soldaten sitzen, von denen man erzählt, dass nicht alle eine rühmliche Vergangenheit hätten.
| Multinationalität |
|---|
| Das Multinationale Korps Nordost (MNCNE) aus Stettin beheimatet Soldaten aus elf Nationen. Sie gehen gemeinsam in den Einsatz. Die Personalstärke des Stabes (im Frieden) beträgt 223. |
| Spitze |
| Das MNCNE untersteht einem internationalen Führungsdreigespann: dem Kommandeur, Generalleutnant Rainer Korff, seinem polnischen Stellvertreter, Generalmajor Ryszard Sorokosz und dem dänischen Chef des Stabes, Brigadegeneral Morten Danielsson. |
| Aufgabenspektrum |
| Als Teil der NATO-Streitkräftestruktur kann das Stettiner Korps die Führung von multinationalen Großverbänden bei der NATO-Bündnisverteidigung übernehmen, beteiligt sich an friedenserhaltenden Operationen und stellt Hilfeleistungen bei Naturkatastrophen zur Verfügung. |
| Und sonst? |
| Das Multinationale Korps feierte 2009 sein zehnjähriges Bestehen. Der Titel des offiziellen Magazins lautet „The Baltic Amber“. |

Zwischen ISAF und afghanischer Polizei vermitteln
Holz versucht immer so zwischen ISAF und ANP zu vermitteln, dass beide Seiten mit dem Ergebnis zufrieden sind. Dabei kommt ihm seine internationale Erfahrung zugute, die er in Stettin gesammelt hat. Dort verfährt man nach dem Prinzip des besten Ansatzes. Will heißen, man arbeitet ergebnisorientiert, egal welcher Nation der Lösungsansatz entspringt.
Natürlich ist die Arbeit mit so vielen unterschiedlichen Kulturen schwierig, doch Holz erträgt Probleme mit Gelassenheit. Mit seinem Sprachmittler, seinen Kameraden und den afghanischen Polizeioffizieren versteht er sich sehr gut. Eine große Erleichterung in seinem Alltag. Sein freundliches Wesen überzeugt, Holz ist gern gesehen. Das Wort „Freund“ macht oft die Runde, weil Holz sich Zeit nimmt und sich integriert. Viele seiner afghanischen Kameraden sind verblüfft und rechnen es ihm hoch an, dass er nach und nach ein paar Brocken Dari oder Paschtu, die beiden häufigst gesprochenen Landessprachen, in Gespräche einfließen lässt.
Für Holz ist dies ein Zeichen von Respekt, hat doch der ein oder andere ANP’ler in den Achtzigern des letzten Jahrhunderts in Deutschland studiert und erinnert sich noch an ein paar Worte Deutsch. Stolz auf die Zusammenarbeit mit ihm ist sein Sprachmittler. Der lobt ihn öffentlich in seinem Beisein in den höchsten Tönen. So eine Art Gefühlsausbruch ist für afghanische Verhältnisse eher ungewöhnlich.
Während der abendlichen Rückfahrt ins Camp wird der 38-jährige Major nachdenklich. Während Hauptgefreiter Tobias Freis* den gepanzerten Geländewagen gewissenhaft durch die afghanische Hauptstadt lenkt, erinnert sich Holz zurück an einen polnischen Kameraden aus Stettin, mit dem er in Stavanger eine Bank teilte. „Er hat beim ISAF-Einsatz mehrere Soldaten verloren.“
Das sei schon eine ganz andere Dimension des Einsatzes.

Auf der anderen Seite verweist er auf die Amerikaner, die am PC „warfighting“ spielten und danach sofort abschalten könnten. „Die sind da schon weiter, gelassener“,
bemerkt er. Der Offizier macht sich natürlich auch Gedanken über seine deutschen Kameraden. Was passieren könnte, wenn sie angesprengt werden und in Feuergefechte verwickelt sind. Spurlos gehen die Meldungen über Vorfälle in den Einsatzgebieten an niemandem vorbei, auch nicht an Holz. Meistens versucht er jedoch, das eher sachlich zu behandeln, „nicht an sich ranzulassen“
, einfach „eine Mauer ums Herz zu bauen, sonst macht einen das fertig“
.
Obwohl die Gefahr, getötet zu werden, in Afghanistan fast zum Alltag gehört, ist davon heute im Camp und auf den Straßen von Kabul nichts zu spüren. Alles wirkt friedlich, geschäftig, alltäglich. Und doch irgendwie unwirklich. Denn die Soldaten des Multinationalen Korps Nordost aus Stettin können sich nur in schweren, gepanzerten Militärfahrzeugen bewegen, die sie von der Bevölkerung trennen.
»... weil es sonst niemanden gibt, der so etwas macht!«
| Was ist Ihr Auftrag? |
|---|
| Das JWC ist eine Institution, die unter der Führung vom Allied Command Transformation in Norfolk, Virginia, einen Ausbildungs- und Weiterentwicklungsauftrag hat. Dieser wird genutzt, um neu entwickelte Konzepte der NATO in die Ausbildung einzuführen und zu testen. Oder aber auch Defizite in der Ausbildung festzustellen und Konzepte neu zu entwickeln oder zu überarbeiten. |
| Warum gibt es das JWC? |
| Na, weil es sonst niemanden gibt, der so etwas macht! Es müssen ja vom Commander, also vom Vier-Sterne-, respektive Drei-Sterne-General angefangen, sämtliche Stabselemente ausgebildet werden. Wie sonst sollen sie ihr Handwerk lernen? Das machen wir hier in Stavanger. |
| Welche Übungsszenarien werden ausgebildet? |
| Speziell ISAF. Wir schicken ein Team nach Kabul. Es kopiert dort eine ganze Woche, was im Einsatz abläuft, sämtliche Events, die dort auftreten und wie diese bearbeitet werden müssen. Diese Daten holen wir nach Stavanger. |
| Gibt es Feedback? |
| Ja, ein durchweg positives. Sonst wäre das HQ in Kabul nicht bereit, uns über 50 Offiziere hierher zu schicken. Sie unterstützen uns in der Ausbildung, denn das sind ja die einzigen, die wissen, was derzeit in ISAF wirklich stattfindet. |
* Namen zum Schutz der Kameraden geändert.
