Trainiere wie Du kämpfst
Wildflecken, 29.07.2009, 08/2009.
Fit für den Einsatz: Ob Krieg oder Kampfeinsatz – in Afghanistan riskieren Soldaten der Bundeswehr täglich ihr Leben. Um optimal auf den Einsatz vorbereitet zu sein, heißt es trainieren. Y wirft einen Blick auf die Einsatzvorbereitende Ausbildung.

Die Szene ist für den außenstehenden Betrachter verstörend. Menschen laufen laut schreiend und wild gestikulierend durcheinander. Am Boden liegen Verletzte. Blut färbt den staubigen Boden rot. Ein deutscher Hauptfeldwebel steht am Rand der afghanischen Ortschaft Bagrami und versucht, durch schnelle und präzise Entscheidungen Herr der Lage zu werden.
Eine Lieferung von Hilfsgütern sollte mit einem Bundeswehrkonvoi durch die Ortschaft transportiert werden. Doch plötzlich explodierte ein Sprengsatz. Jetzt herrscht das Chaos. Verletzte brüllen vor Schmerzen. Einem von ihnen fehlt der Unterschenkel – die Wucht der Detonation hat ihn abgerissen. Die Direktheit und Realitätsnähe der Szene lässt vergessen, dass man sich nicht in Afghanistan, sondern in Deutschland befindet.
Es ist Sommer und auf dem Truppenübungsplatz Wildflecken trainieren Soldaten der Bundeswehr für ihren bevorstehenden Einsatz in Afghanistan. Im Fokus stehen unter anderem IEDs (Improvised Explosive Device, sprich Sprengfallen) oder die Darstellung „Komplexer Lagen“.

Realistische und landesbezogene Einsatzvorbereitung
Seit 2002 ist die Bundeswehr Teil der Internationalen Schutztruppe ISAF. Rund 3.700 Soldaten leisten im Norden Afghanistans für jeweils vier Monate ihren Dienst. Die Sicherheitslage hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verschlechtert. Auch im bislang verhältnismäßig ruhigen Norden kommt es immer öfter zu Anschlägen und Hinterhalten durch die Aufständischen.
Umso wichtiger ist eine realistische und landesbezogene Einsatzvorbereitung für die Soldaten. Zusatzausbildung Einsatzvorbereitende Ausbildung für Konfliktverhütung und Krisenbewältigung (ZA EAKK) nennt die Bundeswehr das Training, das fit für den Einsatz machen soll. Die zentralen Ausbildungseinrichtungen sind an der Infanterieschule des Heeres in Hammelburg und am Gefechtsübungszentrum (GÜZ) Heer in der Altmark.
Als der Bundestag am 22. Juli 1994 erstmals über einen bewaffneten Einsatz der Bundeswehr im Ausland abstimmte, fehlten Ausbildungskonzepte für solche Missionen weitgehend. Die Bundeswehr – Armee mit der Aufgabe Landesverteidigung – befand sich nach dem Fall der Berliner Mauer auf der Suche nach einer neuen Aufgabe.

Immer auf aktuellem Stand
15 Jahre später sind mehr als 250.000 Bundeswehrsoldaten im Auslandseinsatz gewesen und dafür ausgebildet worden. Da unterschiedliche Einsatzszenarien unterschiedliche Ausbildungsschwerpunkte erfordern, wird die ZA EAKK kontinuierlich an die aktuellen Rahmenbedingungen angepasst. „Wir setzen die Erfahrungen aus den Einsätzen direkt in der Einsatzausbildung um“
, erklärt Oberst Reinhard Barz, Leiter des VN-Ausbildungszentrums, das die ZA EAKK in Wildflecken durchführt.
„Die ZA EAKK, wie sie noch im Jahr 2006 stattfand“
, erläutert Oberstabsfeldwebel Jürgen Wöllner, „unterscheidet sich grundlegend von der im Jahr 2009.“
Änderungen bei den Ausbildungsabschnitten Erste Hilfe, Erkennen und Umgang mit Sprengfallen oder beim Einrichten und Betreiben eines Checkpoints zeigen, wie sehr die Einsatzerfahrungen die Ausbildung im Heimatland beeinflussen.
„Train as you fight“
nennen es die Ausbilder und Lehrgangsteilnehmer – trainiere so, wie du kämpfst. 2006 übten Soldaten noch, aufgebrachten Massen mit Schutzschild und Schlagstock gegenüberzutreten (Riot Control). Für den Einsatz im Kosovo war dies wichtig, für ISAF spielt Riot Control jedoch keine nennenswerte Rolle und zählt daher nicht mehr zum Ausbildungsprogramm.
| Wofür steht ZA EAKK? |
| Das Kürzel steht für die Zusatzausbildung der Einsatzvorbereitenden Ausbildung im Rahmen von Konfliktverhütung und Krisenbewältigung in der Bundeswehr. |
| Warum die Zusatzausbildung? |
| Hier werden Szenarien geübt, die in der Basisausbildung EAKK nicht so detailliert gelehrt werden, wie zum Beispiel das Verhalten bei Minen oder Sprengfallen. |
| Wo bekomme ich weitere Infos? |
| Einfach unter www.bundeswehr.de beim Suchbegriff oben links „GÜZ“, „Wildflecken“, „Hammelburg“ oder „EAKK“ eingeben. |

Einheitliche internationale Standards
Erfahrungen mit Sprengstoffanschlägen wiederum führten dazu, dass die Soldaten spezielle notfallmedizinische Sofortmaßnahmen trainieren: Wenn Opfer einer Bombenexplosion schwere Verletzungen an den Gliedmaßen erleiden, bluten sie oft lebensbedrohlich stark. In der Einsatzausbildung lernen die Teilnehmer, solche Blutungen mithilfe des Tourniquets (Aderpresse) abzubinden und zu stoppen.
Änderungen gibt es auch bei der Vorschrift, wie Checkpoints eingerichtet und betrieben werden sollen. Bis vor kurzem hatten die beteiligten Nationen hierfür noch unterschiedliche Standards festgelegt. Für die afghanische Bevölkerung waren die variierenden Regeln nicht nur verwirrend, sondern extrem gefährlich: Was an einem Checkpoint erlaubt war, konnte an einem anderen tödliche Folgen haben.
Inzwischen gibt das ISAF-Hauptquartier in Kabul die Ausrüstung und die Verfahren vor, das Heeresamt aktualisiert unmittelbar darauf die ZA EAKK-Ausbildungspläne. Wenn heute in Wildflecken oder am GÜZ Checkpoints eingerichtet werden, entsprechen sie exakt denen im Einsatzland.

Hoher Anspruch an die Ausbildung
Erfahrungen der Bundeswehr und von Partnernationen haben zudem gezeigt, dass die Schießausbildung angepasst werden muss. Im Heeresamt wird deshalb an einem neuen Schießkonzept gearbeitet. „Wir sprechen hier über eine Schießentfernung zwischen 30 und drei Metern“
, erklärt Oberstleutnant Gunnar Brößke vom Heeresamt.
Das neue Konzept soll der Einsatzrealität Rechnung tragen und durch realistischere Ausbildung zu größerer Sicherheit der Soldaten und zum Erfolg des Einsatzes beitragen. Am GÜZ in der Altmark geht man einen Schritt weiter. Hier bereiten sich geschlossene Verbände auf Aufgaben wie die Quick Reaction Force (s. Y 07/09) vor. Deshalb weicht die Ausbildung auch von der in Wildflecken ab.
Während dort zum Großteil Unterstützungspersonal, das meist Aufgaben innerhalb der Feldlager wahrnimmt, vorbereitet wird, übt im GÜZ die kämpfende Truppe. Zusammen mit den übenden Verbänden erarbeitet das GÜZ maßgeschneiderte Ausbildungsszenarien für den jeweiligen Auftrag.
„Unsere einzige Existenzberechtigung ist eine exzellente Ausbildung“
, sagt Oberst Dieter Sladeczek, Leiter Bereich Ausbildung und Übungen am GÜZ und zeigt den hohen Anspruch, der an die Ausbildung gestellt wird – eine, die Leben retten kann.
| Minen |
| Zum „Verhalten unter Kampfmittelbedrohung“ gehört nicht nur das Wissen, wie Minen oder Sprengfallen (IEDs) aussehen, sondern auch wo sie versteckt sein können, ihre Sprengkraft, die Trittspursuche sowie das Bergen nach einer Detonation. |
| Geiselnahme |
| Bewaffnete Terroristen kidnappen einen Bus mit Soldaten. Man wird angebrüllt – sofort Kopf runter. Panik. Wer aufmuckt, hat schlechte Karten und gefährdet die ganze Gruppe. Hier sind keine Helden gefragt. Geiselnahme und Geiselhaft gehören untrennbar zusammen. |
| Geiselhaft |
| Verschleppt an einen unbekannten Ort. Dunkelheit, Ungewissheit, kein Zeitgefühl. Dazu der „Terror“ der Entführer. Wie bei der Geiselnahme gilt es hier, mit Stress fertig zu werden, richtig auf physische und psychische Gewalt zu reagieren und die Situation zu deeskalieren. |
| Konvoi |
| Humanitäre Hilfsgüter werden in einem Konvoi durch ein Dorf gebracht. Die Soldaten müssen in diesem Teil der „komplexen Lage“ dort trotz freundlicher Zivilisten mit Beschuss und IEDs rechnen. Ohne Funkverbindung. |
| Beschuss |
| Wie verhalten sich Soldaten, wenn sie plötzlich beschossen werden? Dann müssen bestimmte Mechanismen greifen, vom Bekämpfen des Gegners über Kameradenhilfe bei Verwundungen bis hin zur richtigen Deckung. |
