Auf dem Weg zum perfekten Wurf
Auf den ersten Blick wirkt Stabsgefreiter Robert Harting wie ein Kampfkoloss: riesig, kantig, kompromisslos. Wenn er über seine Karriere als Diskuswerfer spricht, gibt er sich gelassen. Geht es um Doping im Leistungssport, dreht er auf. Seine Leidenschaft ist der dopingfreie Wettbewerb, dafür setzt er sich ein. Für ihn steht der Kampf unter fairen Bedingungen im Vordergrund. Y ließ sich von dem Kraftpaket mitreißen und ist sich sicher: Wo sein Diskus landet, wächst kein Gras mehr.

Wenn er den Raum betritt, wirkt seine körperliche Präsenz fast bedrohlich: Über 125 Kilogramm Muskelmasse, verteilt auf 201 Zentimeter Körpergröße, dazu Schuhgröße 50. Keine Frage, Stabsgefreiter Robert Harting ist das, was der Volksmund einen „Schrank“ nennt.
In Cottbus wurde er 1984 geboren, lebt und trainiert in Berlin. Er ist Mitglied der Sportfördergruppe der Bundeswehr in der Hauptstadt.
Deutschlands bester Diskuswerfer bereitet sich zurzeit im Bundesleistungszentrum Kienbaum auf das Sportereignis des Jahres vor: die Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Berlin vom 15. bis 23. August. Bei den Deutschen Meisterschaften in Ulm bewies der Sportsoldat der Sportfördergruppe Berlin mit geworfenen 67,69 Metern, dass er keine Konkurrenz fürchten muss.
„Die sollen die Stühle rausreißen!“
Vor zwei Jahren, bei den Weltmeisterschaften im japanischen Osaka, betrat der Brandenburger mit einem Paukenschlag die Bühne der Weltspitze. Unter den besten Diskuswerfern der Welt wurde er – für viele überraschend – Vize-Weltmeister. Kritiker sprachen nach diesen Wettkämpfen vom Glück eines einmalig guten Wurfes.
Doch „Shaggy“, wie Harting liebevoll von Freunden genannt wird, war an der Spitze angekommen und blieb. Er warf ein Jahr später mit 68,65 Metern die viertbeste, je von einem Deutschen Athleten geworfene Weite. Seine Kritiker verstummten.
Nun also Berlin, die Weltmeisterschaften, nach den Olympischen Sommerspielen das größte Ereignis der Leichtathletik. Für Harting ist es ein Heimspiel, diesen Bonus will er nutzen. „Ich erwarte, dass die Zuschauer mich pushen“
, fordert er, „die sollen die Stühle rausreißen!“
Wer Harting kennt, weiß, dass eine diplomatische und glatte Sprache nicht seine Sache ist. Immer direkt, immer geradeaus. Damit macht man sich in der Welt des Sports und in den Medien nicht immer Freunde. Doch wer mit ihm ein wenig länger spricht, entdeckt einen wachen und nachdenklichen Sportler.

Locker, selbstbewusst und entspannt
Alltag und Wettkampf berühren sich natürlich auch bei ihm. Doch im Stadion ist Harting dann ultimativ konzentriert. Er sagt dazu: „Private Probleme machen nur das Training schlecht. Im Wettkampf gibt es sie nicht mehr. Logische Folge: Wenn das Training schlecht läuft, dann war es das auch mit dem Wettkampf. Nur wenn ich schlecht werfe, bin ich auch schlecht gelaunt.“
Auf seiner Homepage zeigt er sich als harter Kämpfer, der polarisiert. „Ich werde mich nicht ändern, sonst wird es doch langweilig!“
Im Gespräch ist Harting locker, selbstbewusst und entspannt.
Er reagiert sogar gelassen, wenn er auf die 71,64 Meter angesprochen wird, die der wohl beste Werfer der Welt, Gerd Kanter aus Estland, im Juni 2009 geworfen hat. „Das ist alles Show, nur Vorgeplänkel. Im August wird es ernst, und dann wollen wir mal sehen, ob er das noch einmal hinbekommt.“
Er weiß, dass er, will er Weltmeister werden, einen sehr guten, einen perfekten Wurf „drücken“
muss, wie er es nennt. In diesem Moment zeigt Harting seine nachdenkliche, fast schon philosophische Seite: „Eigentlich habe ich Angst vor dem perfekten Wurf. Denn was kommt danach?“
Zuversicht für Berlin
Robert Harting wird nicht der einzige Sportsoldat bei den 12. Leichtathletik-Weltmeisterschaften sein. Wenn am 15. August im ausverkauften Berliner Olympiastadion die Eröffnungsfeier steigt, werden sich Sportfans aus aller Welt auf hochklassige Wettkämpfe freuen.
Mit den Kugelstoßern Hauptbootsmann Ralf Bartels und Oberfeldwebel Nadine Kleinert streben zwei weitere Sportler der Bundeswehr einen WM-Titel an. Auch Stabsunteroffizier (FA) Markus Esser rechnet beim Hammerwurf mit einem Platz auf dem Treppchen.
Überhaupt gehören die Sportsoldaten der Bundeswehr bei den technisch anspruchsvollen Wettbewerben wie Diskus, Hammerwurf und Speerwurf zur Weltspitze. Der Deutsche Leichtathletikverband (DLV) schaut auch wegen der Spitzensportler der Bundeswehr zuversichtlich auf die Wettkämpfe in der Hauptstadt.
Nach zuletzt enttäuschenden Jahren holten die Athleten des DLV im Juni bei den Leichtathletik-Europameisterschaften im portugiesischen Leiria den ersten Platz und bestätigten beim Internationalen Stadionfest Berlin ihre gute Form. Hier stach vor allem Polizeikommissaranwärterin und Hochspringerin Ariane Friedrich hervor, die mit 2,06 Metern Deutschen Rekord und Weltjahresbestleistung sprang.
Geht es so weiter, steht der deutschen Leichtathletik ihr eigenes „Sommermärchen“ bevor – in dem Diskuswerfer Robert Harting womöglich der perfekte Wurf gelingt.
| Wettkampf |
| Vom 15. bis 23. August findet in Berlin die 12. Leichathletik-Weltmeisterschaft statt. Deutschland ist nach 1993 bereits zum zweiten Mal Austragungsort der WM. |
| Sportler |
| In 47 Wettbewerben messen sich 1.800 Athleten aus aller Welt. Zu den deutschen Favoriten gehören neben Robert Harting auch Betty Heidler (Hammerwurf) und Sebastian Bayer (Weitsprung). |
| Live |
| ARD und ZDF übertragen alle Veranstaltungstage live im Fernsehen und verfolgen die Wettkämpfe mit 100 Kameras. Es werden 500.000 Stadionbesucher erwartet. |
| Verband |
| Das Kürzel IAAF steht für International Association of Athletics Federations, den internationalen Leichtathletikverband. |





