„Der will gar nicht fliegen“
An der Heeresfliegerwaffenschule im niedersächsischen Bückeburg geraten angehende Piloten an ihre Grenzen. Das ist gewollt, denn die Notfallsituationen liefern zwölf Full-Mission-Flugsimulatoren.

Mit wackeligen Knien klettere ich aus der Kanzel der EC 135. Gerade liegt die erste Flugstunde hinter mir. Nach mir schwingt sich Oberstleutnant Thomas Mallwitz (51) aus dem Cockpit. „Gar nicht so schlecht“
, meint der Fluglehrer schmunzelnd. Meine bisherige Erfahrung beschränkt sich auf die Flächenfliegerei.
Aber egal! Wir sind von Bückeburg zu einer Spritztour durch das Schaumburger Land gestartet, haben eine Hochspannungsleitung vor dem Mittellandkanal unterflogen, sind auf der Maschinenhalle des Kraftwerkes im nahen Petershagen an der Weser gelandet, anschließend gab es zwei Außenlandungen in einer aufgelassenen Flugabwehrraketenstellung der niederländischen Streitkräfte im Wald östlich von Obernkirchen.
Zum Abschluss noch die Landung mit Autorotation und brennendem Triebwerk auf der Lane Charlie, der Graspiste neben der Runway 26 in Bückeburg: das Standardnotverfahren für Hubschrauber. Uff! Die war ganz schön holprig, die Angelegenheit. Aber hey! Alles nur gespielt oder genauer: simuliert.
Wie im richtigen Leben
Flugsimulation ist fast so alt wie die Fliegerei selbst. Auch Flugpionier Otto Lilienthal versuchte sich an Modellen vorzustellen, wie sein Hängegleiter sich wohl in der rauen Wirklichkeit verhalten würde. Nicht zuletzt gehören entsprechende Programme schon immer zu den erfolgreichsten Computerspielen. Ein Full-Mission-Hubschrauber-Simulator, in dem ich unterwegs war, ist aber von der bloßen Abbildung eines Cockpits auf dem PC-Screen Lichtjahre entfernt.
Das Cockpit ist eine originalgetreue Nachbildung mit allen Anzeigeinstrumenten, Schaltern und Bedienelementen. Geräusche schaffen einen akustischen Eindruck, vor der Scheibe projizieren acht Videobeamer eine 240-Grad-Szenerie. Die meisten dargestellten Objekte sind dreidimensional: Das Gelände samt Gebäuden und Bäumen verändert sich mit der Bewegung des Hubschraubers.
Um die Vorstellung perfekt zu machen, ist das ganze Cockpit auf beweglichen Stelzen gelagert. Sie können nicht nur Stöße harter Landungen oder den Durchflug von Turbulenzen an die Kanzel weitergeben, sondern auch das Gleichgewichtszentrum im menschlichen Vestibularorgan im Innenohr so anregen, dass die Empfindungen, wie sie im richtigen Steig-, Sink- oder Kurvenflug tatsächlich stattfinden, auch im Cockpit des Simulators die gleichen sind.
1995 entstand im niedersächsischen Bückeburg das Hans-E.-Drebing-Simulatorzentrum. In dem Komplex, der den Namen des ersten Generals der Heeresfliegertruppe trägt, stehen heute zwölf Full-Mission-Flugsimulatoren für die Typen EC 135, CH-53, UH-1D. Investitionskosten: 120 Millionen Euro.
An die Grenzen und darüber hinaus
Seitdem die Heeresfliegerwaffenschule die Pilotengrundausbildung von der betagten Alouette II auf den modernen zweimotorigen Eurocopter EC 135 umgestellt hat, wird der Großteil der fliegerischen Grundausbildung auf diesem Simulator geflogen. Das schont den Geldbeutel des Steuerzahlers und die Nerven der Schaumburger Bürger. „Wir sind hier im größten und modernsten Simulatorzentrum in Europa“
, sagt Thomas Mallwitz im Briefingraum.
Der erfahrene Transporthubschrauberpilot hat über 3.000 Flugstunden geloggt und leitet das Zentrum seit 2005. Hier im Briefingraum besprechen Fluglehrer und -schüler die letzte Simulatorübung. An den Computerschirmen können sie alle Parameter nochmals aufrufen und sich kritische Situationen im Detail ansehen. „Wir können hier im Simulator Dinge machen, die vorher nicht möglich waren“
, erläutert Mallwitz.
„Früher war es die angenehme Pflicht eines Fluglehrers, immer rechtzeitig einzugreifen, bevor irgendwas kaputt gemacht wird. Jetzt haben wir die Möglichkeit, den Schüler an seine Grenzen zu führen und auch mal darüber hinaus. So sammelt er wichtige Erfahrungen. Wir können hier eben auch Notverfahren üben, wie es draußen im Realflug gar nicht möglich wäre.“

Routine aufbauen
Im Gegensatz zu einem Flugzeug, das generell erst mal geradeaus fliegt, wenn es sich in der Luft befindet, ist das Gemeine am Hubschrauber, dass er gar nicht fliegen will. Das bereitet vor allem Anfängern große Schwierigkeiten, wie ich vor ein paar Minuten selbst erfahren habe. „Der Hubschrauber ist permanent bestrebt abzustürzen, das heißt, er ist in sich aerodynamisch völlig instabil. Wenn ich die Steuerorgane loslasse, kippt er in irgendeine Richtung ab, ich muss also ständig alle Controls gleichzeitig bewegen. Das unterscheidet ihn von der Fläche“
, bestätigt Thomas Mallwitz.
Fahnenjunker Ronny Helling (23) kann ein Lied davon singen. Der Luftwaffenoffizieranwärter ist einer von 80 Pilotenanwärtern, die in Bückeburg jährlich ausgebildet werden. Er hat erst vor ein paar Wochen mit der Ausbildung begonnen. Von seinen 30 Flugstunden hat er 25 Stunden auf dem Simulator geflogen.
Die Ausbildung ist straff, aber abwechslungsreich: vormittags Unterricht im Klassenraum, nachmittags Fliegen oder umgekehrt. Langeweile jedenfalls kommt keine auf – Instrumente, allgemeine Navigation, Flugzeugkunde, Meteorologie, Luftrecht, viel Theorie. Ein gutes Jahr dauert die Ausbildung, wenn alles glattgeht. Von den etwa 200 Flugstunden findet die Hälfte im Simulator statt.
Hier darf ein Flugschüler Fehler machen, die er sich draußen nicht leisten kann. Alle möglichen Flugmanöver werden trainiert – vom Instrumentenanflug auf einen Flughafen ohne Außensicht bis zum Notverfahren bei Triebwerksausfall. Aber auch sogenannte Kleinorientierung in der Umgebung nach Sicht. Im Moment sitzt Helling vor einer Kontrollkonsole im Überwachungsraum, während sein „Stickbuddy“ Maik Gartmann draußen in der Kanzel Nummer 6 neben dem Fluglehrer Platzrunden fliegt. Starten, Abflug, rum um den Platz, Anflug, Landung – Griffe klopfen, Routine aufbauen.
„Dann passt das auch“
Am Kontrollstand im klimatisierten Überwachungssaal krächzt Sprechfunk aus einem Lautsprecher. Auf dem kleinen Bildschirm links oben kann man das schummrig beleuchtete Cockpit mit den beiden Piloten sehen – rechts der Flugschüler, links der Instructor Pilot – der Fluglehrer.
Runde um Runde drehen sie um den Flugplatz Bückeburg, auf dem Monitor unten rechts ist ein Messtischblatt eingeblendet. Auf der großmaßstabigen Karte der Umgebung lässt sich die Spur des Hubschraubers als gepunktete Linie verfolgen. „Die Umwelt draußen ist so gut nachgebildet, dass man sich an markanten Geländepunkten orientieren kann“
, meint der Pilotenanwärter. „Und wenn wir dann in echt rausfliegen, sind die Punkte tatsächlich da wie im Simulator. Und dann passt das auch.“
NATO-Pause am Vormittag. Auf der sonnigen Terrasse des nahe gelegenen Unteroffizierheims sitzen zwei Pilotinnen und rühren in ihrem Kaffee. Auf dem Tisch ein paar Karten, Anflugblätter, ein Flugdurchführungsplan, ein elektronischer Navigationstaschenrechner. Oberleutnant zur See Susanne Thewes (27) bereitet sich auf einen Flug am Nachmittag vor.
Sie hat es fast geschafft – sie ist am Ende der Ausbildung und erwirbt gerade die Instrumentenflugberechtigung. In zwei Monaten ist sie durch, dann wird die Marinesoldatin zur SAR-Pilotin (Search And Rescue) auf der Sea King, dem Hubschrauber für den Such- und Rettungsdienst bei der Marine, ausgebildet.
Die Hälfte ihrer knapp 200 Flugstunden ist sie auf dem Simulator geflogen. Die Hauptvorteile: „Man lernt von Anfang an präzise zu fliegen und auch in der Platzrunde die Instrumente miteinzubeziehen“
, meint die angehende Pilotin. „Außerdem kann man von draußen Systemausfälle einspielen, sodass die Flugschüler auch entsprechend reagieren müssen. Das ist draußen natürlich nicht möglich. In dieser Hinsicht werden wir mit dem Simulator auf die Notverfahren optimal vorbereitet.“

Ausbildung nicht nur für die Bundeswehr
Bei allem Stress gab es in den vergangenen neun Monaten auch unvergessliche Erlebnisse. Der erste richtige Start. Oder die Gebirgsflugeinweisung. „Wir hatten Neuschnee, blauen Himmel und dann wurde mir gesagt: ‚Wir fliegen gleich eine Kuppe an, die ist schon ein bisschen schwieriger. Versuchen Sie es einfach mal!‘ Und dann sind wir da runter, hatten Whiteout in dem aufgewirbelten Schnee, da sieht man nichts mehr. Aber es hat funktioniert: Hubschrauber gerade halten, absetzen – da war ich schon stolz!“
Polizeioberkommissarin Patricia Theiler (30) von der Bundespolizei kann das gut verstehen. Sie ist Fluglehrerin bei der Fliegergruppe der Luftfahrerschule Sankt Augustin bei Bonn. Nicht nur die Bundeswehr bildet in Bückeburg auf EC 135 aus, auch der Österreichische Automobil- und Touringclub (ÖAMTC) schickt seine Piloten ins Schaumburger Land, die schwedische Armee und die Fliegergruppe der Bundespolizei.
Ist Hubschrauberfliegen schwer? „Ich glaube nicht“
, meint Patricia Theiler. „Wenn man das erst mal drin hat so wie Fahrradfahren, dann denkt man auch nicht mehr darüber nach.“
Das stimmt natürlich nicht so ganz – erst nach 40 Flugstunden steht bei den Polizeihubschrauberschülern der erste Alleinflug an.
Seit drei Jahren ist die Polizeibeamtin auch Fluglehrerin in Hangelar bei Sankt Augustin. Drei Grundlehrgänge hat sie ausgebildet. „Jemandem das Fliegen beizubringen ist spannend. Und bei jedem Flugschüler anders“
, meint die Pilotin, die auch Rettungshubschrauber fliegt.
Frauenquote in der Männerdomäne
„Wir fangen immer bei null an, und dann kämpft man sich durch die verschiedenen Phasen von ‚Ich kann nicht geradeaus fliegen‘ über Notverfahren, die polizeitaktische Ausbildung, Tiefflug, Gebirgsflugausbildung bis hin zur Verbandsflugausbildung. Das erlebe ich gemeinsam mit dem Schüler, und das macht unheimlich viel Spaß!“
In der zivilen Luftfahrt sind schon ein Viertel der Piloten weiblich. Bei Polizei und Bundeswehr ist der Anzahl der Frauen in der Luftfahrt geringer: Außer Patricia Theiler fliegen fünf Frauen die blauen Hubschrauber der Bundespolizei. Von insgesamt 200 Piloten sind sie damit noch in der Minderzahl.
Aber das ändert sich. „Im aktuellen Lehrgang bilden wir die erste Hubschraubertechnikerin aus. Damit ist die letzte Männerdomäne geknackt“
, berichtet die Polizeibeamtin. Fast allein unter Männern?
„Absolut kein Problem. Ich habe vorher Wirtschaftsinformatik studiert, da war die Frauenquote auch nicht viel höher“
, erinnert sich Oberleutnant zur See Susanne Thewes. „In einem typischen Frauenberuf würde ich nicht klarkommen, rumzicken und alles sehr persönlich nehmen liegt mir nicht so. Da fühle ich mich in einer Männerwelt wohler.“
