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Wachsam auf See

Die Armee des Libanon kämpft mit radikal-islamischen Palästinensern. Währenddessen arbeiten 13.000 Blauhelme an der Stabilisierung des Landes. Mit dabei: 2.000 Soldaten der deutsch geführten UNIFIL-Flotte.

Soldat auf See am MaschinengewehrLupe
Schutz. Ein deutscher Soldat der Maritime Task Force übt am … (Quelle: PIC / UNIFIL)

Türkisblau rauschen die Wellen. Die Luft ist warm und feucht. Im Dunst ist an der Küste die Silhouette einer Stadt zu erkennen. Beige verschwimmen die Hochhäuser Beiruts vor den kaum mehr erkennbaren Gebirgszügen des Jabalsannine. Für Kai Harmsen* ist es nicht das erste Mal, dass er Beirut am Horizont sieht. Der 21-jährige Hauptgefreite ist Rudergänger auf dem Schnellboot S 80 „Hyäne“. Gerade ist er „auf Wache aufgezogen“. Die nur wenigen Stunden Schlaf könnte man seinen Augen ansehen – hätte er nicht eine verspiegelte Sonnenbrille auf. Relaxt, als würde er seinen Traumwagen durch die Straßen seiner Heimat manövrieren, steuert Harmsen die fast 18.000 PS durch die Küstengewässer vor Beirut. Normalerweise ist er auf dem Schnellboot S 73 „Hermelin“ eingesetzt. Aber die Besatzung wurde getauscht: Die vorige Crew der „Hyäne“ ist nach sechs Monaten Einsatz vor der Küste des Libanon nach Deutschland zurückgekehrt. Der fahrende Wachoffizier Oberleutnant zur See Nico Dohrm* steht schon ein bisschen länger oben auf der offenen Brücke der „Hyäne“. Mit dem Fernglas beobachtet er die umliegende See. „Immer wieder sind wir für diese Zone eingeteilt“, erzählt Dohrm. Es sei schon beeindruckend, wenn man bedenke, dass sie beim ersten UN-Mandat mit Marinebeteiligung vor einer so spannenden Stadt wie Beirut kreuzen, sagt der 27-Jährige.

Als im Juli 2006 der Konflikt zwischen Israel und der libanesischen Hisbollah-Miliz begann, hatten sich weder Dohrm noch Harmsen ausgemalt, dass einige Monate später deutsche Schnellboote mit UN-Emblem an der Bordwand hier im Einsatz sein würden. Hintergrund: Am 12. Juli war die Lage an der libanesisch-israelischen Grenze eskaliert. Die libanesische Hisbollah-Miliz hatte eine israelische Grenzpatrouille überfallen, zwei israelische Soldaten waren entführt, acht weitere getötet worden. Es folgten 34 Tage Krieg. Erst die Resolution 1701 des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen vom 11. August brachte die Waffen zum Schweigen.

Die Resolution stockte die Libanon-Friedenstruppe UNIFIL (United Nations Interim Force in Lebanon) auf knapp 13.000 Mann auf. Und sie richtete eine Maritime Task Force (MTF) ein. Auftrag der MTF: die seeseitige Überwachung und Abriegelung, um den Waffenschmuggel über See wirksam zu verhindern. Das übergeordnete Ziel ist die Stärkung der Souveränität des Libanon. Am 20. September 2006 beschloss eine breite Mehrheit des Deutschen Bundestages, dass Deutschland sich mit einem signifikanten Beitrag an UNIFIL beteiligt. Einen Tag später verließen zwei Fregatten, zwei Versorger und vier Schnellboote der Deutschen Marine unter dem Kommando von Flottillenadmiral Andreas Krause Wilhelmshaven. Knapp zwei Wochen später erreichte der Verband die Hafenstadt Limassol auf Zypern, seither Basis für die Einheiten der Deutschen Marine. Am 15. Oktober 2006 übernahm Krause im Hafen von Beirut offiziell das Kommando über die Maritime Task Force, den ersten multinationalen Marineeinsatzverband der Vereinten Nationen. In der folgenden Nacht, 0.00 Uhr, patrouillieren die ersten Schiffe vor der libanesischen Küste. Die UN-Mission hatte offiziell begonnen.

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Schnellbotfahren ist Action pur

Der Wachoffizier Dohrm aus Neumünster kommt aus einer Schnellbootfahrer-Familie: „Ich kenn' das gar nicht anders. Ich wollte schon seit ich denken kann zur Marine.“ Er habe schon vor seiner Marinezeit Praktika auf Schnellbooten gemacht, lebe und liebe das Schnellbootfahren. „Schnellboot bedeutet Action pur.“ Man kenne jeden, wisse, wenn man jemandem ins Gesicht schaue oder ein paar Worte wechsele, wie der gerade drauf sei. „Es wird gerne gesagt, Schnellbootfahrer sind wie eine kleine Familie.“ Seine Freundin vermisse er schon, sagt Dohrm: „Es wäre unnormal, wenn mir meine Freundin und Familie nicht fehlen würden, oder? Aber mit dem Handy oder per E-Mail können wir, wenn wir im Hafen liegen, Kontakt aufnehmen.“

Ende März übernahm der deutsche Flottillenadmiral Karl-Wilhelm Bollow von Admiral Krause das Kommando über den Marineverband (MTF 448). Bollow fuhr zu Beginn seiner Karriere selbst als Wachoffizier auf Schnellbooten. Jetzt kommandiert der 55-jährige Admiral Einheiten aus den Niederlanden, Schweden, der Türkei, Griechenland und Dänemark. Deutschland beteiligt sich derzeit mit zwei Fregatten, zwei Schnellbooten, einem Versorger, zwei Minenjägern und Hubschraubern der Typen Sea Lynx und Seaking. Außerdem mit von der Partie: Marineschutzkräfte, die die gemeinsame Basis im Hafen von Limassol sichern und an Bord der Schnellboote auf Patrouille vor der libanesischen Küste eingesetzt sind, sowie Spezialisierte Einsatzkräfte der Marine für mögliche Boardingeinsätze auf den Schiffen und Booten. Die UN-Resolution 1701 hat die MTF mit einem gut sortierten „Werkzeugkasten“ ausgestattet, um der libanesischen Regierung bei der Sicherung ihrer Grenzen zu helfen.

Die Besatzung der S  80 „Hyäne“ bereitet sich vor der libanesischen Küste auf eine Übung zur Speedbootabwehr vor. Eine besondere Aufgabe kommt auf den Hauptgefreiten Tobias Tammer zu. Der 21-Jährige ist als Teil des Mobile Protection Elements (MPE) eingeschifft. Eigentlich gehört er zu den in Eckernförde beheimateten Marineschutzkräften. Jetzt ist er am Maschinengewehr eingesetzt.

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Absolute Kontrolle

„Feuer!“, ertönt der Befehl. Tammer reagiert blitzschnell und gibt kurze Feuerstöße auf das Übungsziel ab. Nach der Übung ist er noch etwas außer Atem. Es geht darum, nach dem Alarm zur Speedbootabwehr möglichst schnell die eingeteilten Positionen zu besetzen. Auch Tammer teilt die Begeisterung für das Schnellbootfahren: „Es bringt einfach Spaß, bei 36 Knoten Fahrt in der Nock (offene Plattform zu beiden Seiten der Brücke) zu stehen und sich den Wind ins Gesicht blasen oder auch manchmal das Wasser um die Ohren peitschen zu lassen.“ Jetzt denkt er sogar darüber nach, sich ganz auf ein Boot versetzen zu lassen. Auf dem Flaggschiff, der Fregatte „Schleswig-Holstein“, wird gerade ein Hailing durchgeführt: Über Sprechfunk Kanal 16 funkt die Brücke das Handelsschiff „OXL Blue Sea“, das Kurs auf den Hafen von Beirut genommen hat, an.

Die Deutschen fragen die Daten des Schiffes ab: von der Ladung bis zum Eigner, vom Schiffsnamen bis zum Ausgangshafen. Anschließend vergleichen sie die Daten mit den vorliegenden Informationen. Der MTF liegen aus unterschiedlichsten Quellen Informationen zu den Fahrzeugen im Einsatzgebiet, der Area of Maritime Operations (AMO), vor. „Sie müssen sich das Mittelmeer genauso wie einen überwachten Luftraum über Deutschland vorstellen“, erläutert der für maritime Operationsplanung im Hauptquartier der UNIFIL in Naqoura zuständige N3, Fregattenkapitän Michael Giss (43), der zum Stab der MTF unter der Führung von Admiral Bollow gehört. Wenn in Frankfurt ein Lufthansa-Jet starte, wüssten die Controller in Berlin ja auch schon, wann die Maschine vor­aussichtlich landen werde, und wieviel Gäste mitflögen, so Giss.

„Wenn also ein Handelsschiff die Straße von Gibraltar passiert und durch ein Marineschiff der Mittelmeeranrainer überprüft wird, dann stehen uns diese Informationen zur Verfügung.“ Stimmen die Daten nicht überein, melden die Deutschen das über die eingeschifften libanesischen Verbindungsoffiziere und das Naval Operations Center im UNIFIL-Hauptquartier im südlibanesischen Naqoura den libanesischen Behörden. Diese entscheiden dann über das weitere Vorgehen.

So können die Libanesen die MTF beispielsweise um weitere Untersuchung bitten. Dann würde ein Boarding – also eine Überprüfung an Bord – durchgeführt. Bislang musste die UNIFIL-Flotte allerdings noch nicht zu diesem Mittel greifen, da es bisher noch keinerlei Anzeichen für einen Waffenschmuggel auf dem Seeweg gegeben hat. Auch die „OXL Blue Sea“ darf passieren. Sie transportiert zwei ausgediente Küstenwachboote der Bremer Polizei. Deutschland stellt dem Libanon die Boote für dessen Marine zur Verfügung. Außerdem wird die Radarkette an der libanesischen Küste mit deutscher Unterstützung modernisiert. Zusammen mit einem gemeinsamen Aus- und Weiterbildungsprogramm zwischen der MTF und der libanesischen Marine sollen die Hilfsmaßnahmen den Libanon langfristig in die Lage versetzen, seinen Seeraum aus eigener Kraft zu überwachen.

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Genaue Beobachtung der Lage

Admiral Bollow und sein etwa dreißigköpfiger Stab stehen im ständigen Kontakt mit dem Force Commander der UNIFIL-Mission in Naqoura, dem Generalmajor Claudio Graziano. Der 55-jährige Italiener befehligt im gesamten Einsatzgebiet – also in der Area of Operations (AO) an Land und in der AMO – über 13.000 Blauhelmsoldatinnen und -soldaten aus 30 Nationen. An Land sind die Blauhelme von der Blauen Linie im Süden – der israelisch-libanesischen Grenze – bis zum Fluss Litani im Norden eingesetzt. Für UNIFIL hat der Force Commander, der gleichzeitig die Funktion des Head of Mission wahrnimmt, jährlich ein Budget von etwa einer halben Milliarde US-Dollar.

Im Süden des Landes, speziell in der UNIFIL Area of Operations, wird die aktuelle Entwicklung im Norden des Libanon genau beobachtet. In der Hauptstadt Beirut gab es im Mai Anschläge. Tagelang belagerte die libanesische Armee das Flüchtlingslager Nahr al-Bared, wo sich die militante islamistische Palästinenserorganisation Fatah-al-Islam verschanzt hatte. Trotzdem hat die Führung der Mission keinerlei Anhaltspunkte, dass die Unruhen um Nahr al-Bared Auswirkungen auf die sehr erfolgreiche UNIFIL-Mission haben. Die Auseinandersetzungen verdeutlichen jedoch einmal mehr, dass nur eine langfristige Strategie zur hinreichenden Stabilisierung der Region führen kann.

Ein solch langfristiges maritimes Projekt treiben die deutschen Soldaten im Hauptquartier in Naqoura unter der Führung von Kapitän z.S. Heinrich Liebig voran: den Aufbau des Hafens von Naqoura. Israels Luftwaffe hatte ihn im 34-tägigen Krieg wegen seiner strategischen Bedeutung zerstört. Nur kleinere Boote können ihn derzeit nutzen. Das soll sich ändern. UN und libanesische Behörden haben den Wiederaufbau genehmigt. Zurzeit läuft die Ausschreibung. Um die Baumaßnahmen können sich libanesische Firmen bewerben. „Mit dem Hafenausbau sind wir zukünftig in der Lage, Transporte für das Headquarter über den Seeweg abzuwickeln. Damit können wir den Straßenverkehr in der Area of Operations erheblich entlasten“, erläutert Liebig. Wesentlich sei aber die Unterstützung der Region, denn der Hafen sei auch für die zivile Schifffahrt vorgesehen. „Er könnte neue wirtschaftliche Impulse geben, die über das Aufbauprojekt hinausgehen.“

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Stand vom: 05.11.2007 | Autor: Daniel Auwermann

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